“JCVD” von Mabrouke El Mechri

Verdammt Self-Aware

“JCVD” von Mabrouke El Mechri

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Jean-Claude Van Damme spielt in “JCVD” Jean-Claude Van Damme, einen abgehalfterten Ex-Actionstar, der bei einem Banküberfall seinem schlimmsten Gegner gegenüber treten muss: Einem Rückblick auf sein Leben.

Von Christof Zurschmitten.

Am Anfang steht eine Plansequenz: Jean-Claude Van Damme sprintet, hechtet und drehkickt sich im Muskelshirt durch einen Parcours aus Soldaten, Flammenwerfern, explodierendem Glas und fliegenden Körpern, ganze vier Minuten lang. Am Ende stürzt die Ansammlung aus Klischees und Effekten wortwörtlich in sich zusammen, und Van Damme steht keuchend dem Schöpfer gegenüber: Einem grantigen Jungregisseur asiatischer Herkunft, der sich wenig beeindruckt zeigt von der müden Darbietung seines Stars und seiner Beteuerung, im Alter von 47 Jahren seien solche Szenen nicht mehr so leicht zu bewerkstelligen.

Vier Minuten, die eine gesamte Karriere umschreiben und zugleich den Ausgangspunkt und die Essenz von Mabrouke El Mechris “JCVD”: Es ist die Geschichte eines belgischen Mittelschichtsjungen, der sich dank hartem Training in diversen Kampfstilen, im Ballettsaal und im Fitness-Studio einen Hollywood-tauglichen Körper modellierte. Es ist die Geschichte einiger Jahre ziemlich weit oben im Action-Olymp, nahe bei all den Arnolds und Sylvesters dieser Welt, deren grobgehauener Wuchtästhetik “The Muscles from Brussels” eine tänzerische Eleganz und einen stets verklärten Blick entgegensetzten. Und es ist die Geschichte eines langsamen Abstiegs, in Drogen, Scheidungen, Sorgerechtskriege und die vergilbte Welt der direct-to-video-Veröffentlichungen. Und dann, als eh schon alles verloren scheint, auch noch in das falsche Ende eines Banküberfalls.

Der Name dieses fiktiven Charakters lautet Jean-Claude Van Damme. Interpretiert wird er von einem Jean-Claude Van Damme, der in “JCVD” nicht aufhört zu überraschen, durch seine gigantische Eier fordernde Offenheit, durch eine handfeste Selbstironie und nicht zuletzt durch ungeahnte schauspielerische Fertigkeiten – Van Damme erhebt sich im selben Mass von der Witzfigur zum Menschen, wie Regisseur El Mechri seinen Film vom blossen postmodernen Scherz zum sehenswerten Unterhaltungskino macht.


Die volle Distanz

Nicht, dass es für Action-Helden neu wäre, ihre ins Alter gekommenen Körper hinter einer Mauer von Selbst-Reflexivität zu verbergen: In John McTiernans “Last Action Hero” (1993) war der Schutzwall aber nichts weiter als eine Pappkulisse, hinter der die immergleiche Geschichte von Arnold dem Weltenretter aufgeführt wurde. Mickey Rourke ging im oft mit “JCVD” verglichenen “The Wrestler” einige entscheidende Schritte weiter; aber letztlich hinderte ihn der aller Staffage zum Trotz äusserst konventionelle Filmemacher Darren Aronofsky daran, die volle Distanz zu gehen.

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Regisseur Mabrouke El Mechri kennt die Zwänge des neueren Mainstream-Hollywoods nicht. Dafür aber die Filme, die in der ungebundendsten Epoche der Traumfabrik entstanden: Handlung wie Stimmung von “JCVD” orientieren sich offen an Sidney Lumets “Dog Day Afternoon” (1975). Dort war es Al Pacino als Loser Sonny, der von sonderbaren, aber nachvollziehbaren Motiven getrieben eine Bank überfallen wollte, aber letztlich statt Geld nur Sympathien seitens der Medien, Gaffer und sogar Geisseln erntete. Hier ist es Van Damme als Jean-Claude Van Damme, der nach zahlreichen beruflichen wie privaten Rückschlägen zurück in seine Heimat kehrt und beim Versuch, Geld abzuheben, in die Hände von Räubern gerät. Fortan ist er damit beschäftigt, seiner Erschöpfung zum Trotz die Situation zu beruhigen, was nicht einfacher dadurch wird, dass die Polizei ihn für den Täter hält, die wahren Täter sich als Fans und Psychopathen entpuppen und die Medien die Gelegenheit nutzen, ihn in extensiven Reprisen mit seinem medialen Selbstbild zu konfrontieren.  


 


 

Die volle Ladung
Es sind diese Szenen – gipfelnd in einem Nouvelle Vague-würdigen Monolog Auge in Auge mit der Kamera -, die für die meisten Zuschauer (viele von ihnen vielleicht ehemalige Fans, weniger wohl aktuelle) Hauptgrund für die Annäherung an “JCVD” sein dürften. Und sie liefern das Erwartete: Jean-Claude Van Damme, der mit all der charakteristischen und hier noch potenzierten Melancholie seiner Augen auf sich selbst blickt, wie er sich bei legendär lächerlichen Interviews zum Deppen macht: Die volle Ladung Selbsterkenntnis als -selbstzerfleischung, und wir sind live dabei. Der befriedigte Voyeurismus kippt aber rasch um in Sympathie, wenn sich Van Damme in Szenen mit seiner Familie, seinen Fans oder den Bankräubern als Mensch zeigt, der im Grunde genommen nichts anderes tun will, als sich voll und ganz einzusetzen für das, was er als richtig erkannt hat.
Die Sympathie ist die beherrschende Reaktion auf “JCVD”, der darum als Thriller auch nur teilweise gelungen ist. Mit François Damiens, Zinedine Soualem und Karim Belkhadra stehen Van Damme zwar (auch zur Komik) fähige Schauspieler parat, die Musikauswahl ist durchaus beschwingt gelungen und die Sets sind ebenso wie die etwas arg zur Monochromie neigende Kameraarbeit der skurril-bedrohlichen Stimmung zuträglich. Doch letztlich bereitet all dies nur die Bühne für eine One-Man-Performance, über die Jean-Claude Van Damme in einem seiner unvergleichlichen, durch nichts zu ergänzenden Aphorismen selbst gesagt hat: “Ich habe jemanden gesehen, der wahrer ist als ich selbst.”

Ausstattung
“JCVD” kommt in einer sehr schönen Doppel-DVD-Ausgabe. Neben dem Hauptfilm auf Deutsch und Französisch (mit entsprechenden Untertiteln) hat die erste DVD auch noch einen Trailer und einen Audiokommentar des Regisseurs zu bieten. Die Zusatz-DVD dagegen fährt gleich drei Extras auf, die korrekter als ausgewachsene Dokumentationen zu bezeichnen wären: In jeweils mehr als Dreiviertelstunden führen zwei ausführliche Featurettes in die Denk- und Lebenswelt Van Dammes ein, wobei ein (allerdings nicht untertiteltes) Interview ihn anno 2003 noch in Los Angeles zeigt; aktueller und gehaltvoller ist ein Interview, für das Van Damme kurz vor der Premiere von “JCVD” einen Journalisten an die Orte seiner Erinnerung in Bruxelles führt. Die lapidar als “Making of” bezeichnete Doku “Le Vent d’âme” schliesslich begleitet Van Damme während den Dreharbeiten und zeigt ihn in einem zum Narzissmus tendierenden Perfektionismus, aber immer wieder auch tief verunsichert und eingeschüchtert. Und er zeigt, mit welchen Mitteln, mit welchem Einfühlungsvermögen und mit welcher Geduld Regisseur El Mechri die durchaus bemerkenswerte schauspielerische Leistung herausgeholt hat.

Seit dem 24. Juli 2009 im Handel.

Originaltitel: JCVD (Belgien/ Luxemburg/ Frankreich 2008)             
Regie: Mabrouke El Mechri
Darsteller: Jean-Claue Van Damme, François Damiens, Zinedine Soualem, Karim Belkhadra
Genre: Actionhelden-Dekonstrutions-Thriller
Dauer: 97 Minuten
Bildformat: 2.35:1
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentar, Trailer, drei Dokumentationen
Vertrieb: Max Vision





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