“Last Chance Harvey” von Joel Hopkins

Im Spätherbst des Lebens

“Last Chance Harvey” von Joel Hopkins

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Wer wie der Rezensent nur schon beim Gedanken an eine weitere dümmliche Boy-meets-Girl-Teenie- oder Twenty-Something-Komödie Allergien bekommt, für den könnte “Last Chance Harvey”, eine Liebeskomödie der reiferen Sorte, das richtige Gegenmittel sein. Wie Emma Thompson und Dustin Hoffman als zwei vom Leben Gebeutelte in Joel Hopkins zweitem Film zueinander finden, ist ebenso vergnüglich wie herzerwärmend.

Von Christoph Aebi.

Er kann einem wirklich leid tun, der Harvey Shine (Dustin Hoffman). Sein musikalisches Talent reichte statt zum Jazzpianisten nur zum Werbe-Jingle-Komponisten, seine Ex-Frau scheint sich immer noch für ihn zu schämen und sein Arbeitgeber gibt ihm mehr oder weniger unmissverständlich zu verstehen, dass man genauso gut auch ohne ihn zurechtkäme. Als wären dies nicht genug der Demütigungen gibt seine Tochter Susan ihm am Vorabend ihrer in London stattfindenden Hochzeit, zu welcher Harvey extra aus den USA angereist ist, zu verstehen, sie lasse sich lieber von ihrem Stiefvater zum Traualtar begleiten. Enttäuscht zieht Harvey von dannen, verpasst am Flughafen Heathrow aber seine Maschine und erhält von seinem Chef definitiv die fristlose Kündigung. Da kann man gut verstehen, dass Harvey sich erst einmal in die nächstbeste Flughafen-Bar setzt und sich dort ein paar Shots gönnt.

Zwei einsame Seelen finden sich

In ebendiesem Bar-Restaurant ist auch die nicht weniger vom Leben gebeutelte Kate (Emma Thompson) zugegen, allein an einem Tisch sitzend in ihre Lektüre vertieft. Ihr Job für die “Public Statistics Agency”, welcher darin besteht, bei Flughafenbenützern in Heathrow Umfragen durchzuführen, ist eintönig und bedingt eine dicke Haut. Diese hat sie sich auch in Liebesangelegenheiten zugelegt. Gelegentliche durch Freunde arrangierte Blind-Dates brachten Kate nichts als Enttäuschungen und liessen ihre Einsamkeit nur noch stärker hervortreten. Zumal ihre Mutter Maggie (Eileen Atkins), nachdem der Vater mit seiner Sekretärin nach Südfrankreich durchgebrannt ist, sich langweilt, Kate demzufolge mit Telefonanrufen bombardiert und sie immer wieder an ihr Single-Dasein erinnert.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

So kommen denn Harvey und Kate, diese einsamen Seelen, im Restaurant miteinander ins Gespräch. Man entdeckt einen gemeinsamen Sinn für Humor und beginnt, einander von den Demütigungen, welche einem das Leben zufügen kann, zu erzählen. Kate bleibt aber reserviert und nur dem hartnäckigen Charme Harveys ist es zu verdanken, dass Kate, deren Traum es ist, einmal im Leben ein Buch zu veröffentlichen, sich von Harvey zu ihrem Schreibkurs begleiten und danach zu weiteren Spaziergängen durch London überreden lässt.

Brillante Hauptcharaktere, blasse Nebenfiguren

Nicht jedem Regisseur gelingt es, bereits für seinen Zweitling mit Dustin Hoffman und Emma Thompson gleich zwei Oscargewinner für die Hauptrollen verpflichten zu können. Der Brite Joel Hopkins, der sowohl für die Regie als auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, weckte aber mit seinem vor acht Jahren realisierten Debütfilm “Jump Tomorrow” das Interesse von Emma Thompson. Als diese eine erste Version des Drehbuchs zu “Last Chance Harvey” erhielt, sagte sie sofort zu und schickte das Buch sogleich an ihren Schauspielerkollegen Dustin Hoffman weiter, welcher sich ebenfalls begeistert zeigte. Die Rollen wurden Hoffman und Thompson sodann auf den Leib geschrieben, was dazu führt, dass die Nebenfiguren, abgesehen von der brillanten Eileen Atkins als Kates Mutter, etwas gar blass erscheinen. Dustin Hoffman und Emma Thompson haben den ganzen Film zu tragen, was besonders der brillanten Emma Thompson vorzüglich gelingt. Wenn sie in einer Szene im Bus ihren Kopf an die Windschutzscheibe legt, liegt der ganze Ballast ihrer Einsamkeit und unerfüllten Träume in ihrem Blick. Aber auch Multitalent Dustin Hoffman (welcher notabene einen Song des Soundtracks selber komponierte und einspielte) bringt es fertig, mit kleinen Gesten den Umstand, dass Harvey in seiner Umgebung nur mehr zum Statistendasein verdammt ist, glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen.

Mit Ecken und Kanten

Auch wenn “Last Chance Harvey” nicht der ganz grosse Wurf sein mag, so ist es Regisseur Joel Hopkins doch anzurechnen, statt einer zuckersüssen Romanze für die I-Pod-Generation einen Film mit Ecken und Kanten gedreht zu haben, mit Charakteren in reiferem Alter, welche die Unbeschwertheit der Jugend verloren haben und den Irrungen und Wirrungen der Liebe etwas reservierter gegenüberstehen. Für beide könnte es ihre “last chance” sein. Das Ende lässt der Regisseur bewusst offen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Zuschauer dem Charme des Leinwandpaares Hoffman-Thompson aber bereits hoffnungslos erlegen und nicht abgeneigt, die beiden in einer Fortsetzung ein weiteres Stück auf ihrem Weg im Spätherbst des Lebens zu begleiten.


Ab dem 9. April 2009 im Kino

Originaltitel: Last Chance Harvey (USA 2008)            
Regie: Joel Hopkins
Darsteller: Dustin Hoffman, Emma Thompson
Genre: Romantic Comedy
Dauer: 92 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

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