“Lluvia” von Paula Hernandez

Das Nichts hinter der Form

“Lluvia” von Paula Hernandez

Lluvia 1

Im zweiten Spielfilm der argentinischen Filmemacherin Paula Hernandez spielt der Regen die Hauptrolle. Hinter den Tropfen spielt sich eine Geschichte über ein Zufallstreffen zweier Menschen in Buenos Aires ab. Doch was sich hinter dem Nass abspielt, ist weniger von Bedeutung. Die Umsetzung ist entscheidend, die Form steht im Vordergrund. Die stille Geschichte dahinter ist schnell erzählt, übrig bleibt der Eindruck der Bilder.

Von Garabet Gül.

Öfters wird einem nach dem Kinobesuch die Frage gestellt, ob der Film gut gewesen sei. Gleich nach dieser Frage folgt nicht selten die Zusatzfrage, um was es denn gehe im Film. Die Frage zielt meistens einzig und allein auf den Inhalt, die Handlung des Films ab.  In “Lluvia” geht es um flüchtige zwischenmenschliche Berührungspunkte, um menschliche Gefühle, nicht mehr und nicht weniger. Es passiert nicht viel, nichts jedenfalls, was man nicht selber schon in ähnlicher Weise erfahren und erlebt hätte.

Ein Zufall im Regen

Es ist Freitagnacht in Buenos Aires und es regnet in Strömen. Eine Protestkundgebung gegen oder für irgendwas lässt den Strassenverkehr erliegen. Alma steckt im Stau mit ihrem kleinen verletzlichen Auto, sie  raucht, isst und denkt. Eilig hat sie es nicht, sie hat kein Ziel in dieser Nacht, sie weiss nicht, wohin sie gehen soll. Sie weiss nur, wohin sie nicht gehen möchte: In die Wohnung, in der sie die letzten sieben Jahre mit dem gleichen Mann verbracht hat und der ihr plötzlich so fremd geworden ist. Alma ist auf der Flucht vor Entfremdungsgefühlen, ihr Auto ist ihr gegenwärtiges Rückzugsgebiet.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Und da ist Roberto, er hat Frau und Tochter in Madrid und ist in die Hauptstadt Argentiniens gereist um seinen im Sterben liegenden Vater zu verabschieden, zu dem er die letzten 30 Jahre keinen Kontakt mehr hatte. Der Vater bekommt vom Besuch des verlorenen Sohnes allerdings nichts mit, er liegt im Krankenhaus, angeschlossen an eine Überlebensmaschine. Roberto bleibt als letzte Kontaktaufnahme nicht mehr übrig, als die Hand seines Vaters zu halten und hilflos dem Pumpen des Apparates zuzuhören. Am nächsten Tag stirbt der Vater, Roberto hat nun drei Tage Zeit, sich um die Leerung der väterlichen Wohnung zu kümmern.

Die Zerwürfnisse der Trauerarbeit zeigen sich nicht selten durch affektive Handlungen. Wie aus dem Nichts steigt Roberto an diesem regnerischen und bewegten Freitag in Buenos Aires in das temporäre Zuhause von Alma ein, verletzt an der Hand und durchnässt bis auf die Gefühle. Er bittet die Unbekannte um ein warmes und trockenes Asyl in ihrem Auto, nur für ein paar Stunden, bis der Regen und die Unruhen draussen vorbei sind.

Lust auf Photographieren

Die Filmkunst zeichnet sich nicht primär durch das aus, was sie darstellt, sondern dadurch, wie sie es tut. Der Film ist in erster Linie ein ästhetisches Medium. “Lluvia” ist vielmehr Form als Inhalt. Beinahe das ganze Geschehen spielt sich hinter Regentropfen ab. Wir beobachten die Geschichte durch den Regen hindurch, sehen die Protagonisten zwischen den Tropfen agieren. Die Kamera bleibt ruhig, sie bewegt sich fast nie. Manchmal ist es so, als würden wir Photographien anschauen, deren Sujet sich auf einmal zu bewegen beginnt, der Rahmen jedoch unbewegt bleibt. Die Bilder sind meist dunkel gehalten, eingebettet in blaugrüne Töne. Paula Hernandez überlässt nichts dem Zufall, sie hat klare Vorstellungen davon, wie sie ihre Geschichte darstellen möchte, und das gelingt ihr in weiten Strecken mit eindrücklichen Aufnahmen. Eine Bekannte sagte einmal, sie beurteile Filme danach, wie stark sich ihre Lust zu photographieren nach dem Verlassen des Kinosaals bemerkbar mache. Nach “Lluvia” würde sie bestimmt ihre eigene Sicht auf die Welt in  ganz vielen Bildern festhalten wollen.


Ab 13. März 2009 im Kino.

Originaltitel: Lluvia (Argentinien, 2008)            
Regie: Paula Hernandez
Darsteller:  Valeria Bertuccelli, Ernesto Alterio
Genre: Drama
Dauer: 110 Minuten
CH-Verleih: Trigon

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