Carlos Menti

Harte Zeiten

Das Leben ist oft schwer – leichter wird es in naher Zukunft nicht

© 2008 stormpic / aboutpixel.de
© 2008 stormpic / aboutpixel.de

Man hört nichts anderes mehr, als Berichte zur momentanen Lage auf dem Finanzmarkt. Und obwohl es schon fast nervt, haben auch wir uns umgehört. Aber nicht im Bezug zur momentanen Lage der Börse etwa, sondern den Mensch in den Mittelpunkt der Recherchen gesetzt.

Viele versuchen sich Tag für Tag durch zu beissen. Nicht gerade einfach ist es, am Morgen aufzustehen und an seinem Arbeitsplatz zu schuften. Die Erziehung bei weitem kein Kinderspiel. Manchmal droht der Kopf zu explodieren. Da ist es schwer die nötige Motivation aufzubringen

Zum Thema Krise haben wir das Gespräch mit dem FSP Psychologen C. Menti und dem Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos gesucht. Dabei haben wir sehr Interessantes gehört – über die Gegenwart, die Zukunft aber auch über die Eigenschaften der Menschen selbst in solch turbulenten Tagen. Das Interview mit Georges T. Roos können Sie im ergänzenden Beitrag «Standort Krise» nachlesen.

Die Krisen im Alltag

Wenn man die alten Menschen reden hört, dann denkt man fast, es gab eine Zeit die beinahe frei von Sorgen war. Damals als alles noch einfach war. Doch der Alltag in der heutigen Zeit ist leider oft alles andere als einfach. Viele alltägliche Sorgen machen es uns schwer den Irrgarten des Lebens irgendwie zu meistern. Und gerade jetzt mit all diesen neuen globalen Problemen, sehen wir uns mit Aufgaben konfrontiert, die es zu lösen gilt. Dieser Thematik wollte ich mich einmal etwas genauer widmen und habe nebst dem interessanten Interview auch in Zahlen und Fakten Antworten gefunden auf welche Krisen viele von uns eingehen müssen, trotz unserem sonst schon schwer beladenen Rucksack der Alltagssorgen.

Zahlen und Fakten

Als erstes fragen wir beim Bundesamt für Statistik (BfS) nach, ob Statistiken auftauchen, die nichts Gutes verheissen. Die ersten Zahlen die direkt ins Auge stechen, sind die deutlich zunehmenden Arbeitslosen im Vergleich zu denselben Monaten im Vorjahr:

Dezember 08/09: +18.9%
Januar 08/09: +14.8%
Februar 08/09: +22.1%

Diese Zahlen sind ganz klar ein Zeichen dafür, dass viele Menschen sich darüber sorgen müssen, ob sie auch in naher Zukunft eine Anstellung haben. Fehlende Konsumbereitschaft wie auch die kleineren Haushaltsbudget werden der momentanen Finanzkrise keinen Abbruch erbringen. Dazu kommt die Situation in der Familie. Denn gemäss dem BfS sind weit über 60% der Frauen mit Kleinkind erwerbstätig.

Zieht man ein Strich unter diese kurz genannten Zahlen, ergibt sich Folgendes: Wir können damit rechnen, dass der Druck am Arbeitsplatz ansteigt und viele Arbeitgeber von den gewöhnlichen Festanstellungen absehen und stattdessen Kurzarbeitsbeschäftigung in Betracht ziehen. Dazu kommt, dass viele Haushalte einiges ihrer privaten Zeit aufopfern für eine zweite Einnahmequelle. Somit verlieren zum Beispiel Kinder wichtige Bezugszeit zu den Eltern, was sich wiederum auf das soziale Verhalten ausprägen kann. Eine immer größere Aufgabe wartet und man wird in Zukunft mehr denn je gefordert, um den Alltag wieder alltäglich zu machen.

Interview mit Carlos Menti

mentiPortrait von Carlos Menti
Carlos Menti studierte Psychologie und Psychopathologie des Kindes- und Jugendalters an derUniversität Zürich und absolvierte danach die 4-jährige Weiterbildung zum systemischen Psychotherapeuten am Institut für systemische Entwicklung und Fortbildung (IEF). Er verfügt über mehrjährige Erfahrung als Schulpsychologe, Schulsozialarbeiter sowie systemischer Berater und Coach in eigener Praxis. – www.psychologie-praxis.ch

nahaufnahmen: Bekomme Sie die Finanzkrise im Bezug auf Ihre Klienten zu spüren?
Menti: Ich habe Klienten aus verschiedenen beruflichen Bereichen und sozialen Schichten, wie zum Beispiel Menschen die in einer Bank arbeiten oder auch welche, die im freien Markt unternehmerisch tätig sind, jedoch spüre ich noch keine Auswirkungen im Bezug auf die Finanzkrise. Klar gibt es Menschen, die dadurch vermutlich mehr unter Druck stehen, dies steht jedoch nicht im Vordergrund der Beratungen.

Haben Sie eine Zunahme an Gesuchen oder erwarten Sie jetzt mehr Anfragen?
Zurzeit habe ich tatsächlich vermehrt Anfragen. Dies führe ich jedoch (noch) nicht auf die unmittelbaren Auswirkungen der Finanzkrise zurück, sondern vielmehr auf Weiterempfehlungen und den zunehmenden Bekanntheitsgrad.

Wo liegen die Hauptsorgen ihrer Klienten?
Oft ist es eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem Alltagsleben. So arbeiten heute viele Menschen in Berufen oder üben Tätigkeiten aus, mit denen sie sich nicht identifizieren können. Es handelt sich oft um Beschäftigungen, die ihnen schlicht keine Erfüllung oder zumindest Zufriedenheit bietet. Man wird in einen Beruf reinmanövriert, den man eigentlich nie machen wollte. Dies beginnt schon bei der Suche nach einem Lehrplatz, wo viele gezwungen sind, einen Beruf zu erlernen, der der ihnen wenig zusagt oder entspricht, da es für die gewünschte Berufsrichtung keine offenen Lehrstellen mehr gibt. Bei einem Coaching ist es dann oftmals nicht ganz einfach die Situation schnell zu verändern, da sich ja nicht jeder gleich umschulen kann und somit das primäre Problem nicht direkt angegangen werden kann. Für mich hängen diese Fragestellungen mit dem Motiv der Selbstverwirklichung und Sinnsuche zusammen. Es ist als eine klassische, beinah philosophische Fragestellung von der Art „Wer bin ich?” oder „Wozu sind wir auf dieser Welt?”

Denken Sie, dass die Suizidbereitschaft in naher Zukunft durch die Wirtschaftskrise zunehmen wird?
Dazu kann ich nicht viel sagen, weil ich es nicht vorhersehen kann.

Was würden sie den Menschen raten, die aufgrund der Finanzkrise unter Druck stehen?
Um dies zu beantworten, muss ich kurz etwas ausholen: Wenn wir von den menschlichen Grundmotiven ausgehen, so ist das erste und wichtigste Motiv das Urvertrauen. Dieses entsteht aus den erfüllten Geborgenheitsbedürfnissen und äussert sich in der Bindung des Kindes an die Eltern. Dieses Gefühl des Sich-angenommen-fühlen ohne jegliche Bedingungen bildet einen beträchtlichen Teil der späteren Selbstsicherheit. Dies bestimmt in grossem Mass unser späteres Erleben und Verhalten. Da wir jedoch in einer Gesellschaft leben, in der wir für fast alles eine Versicherung haben und die Menschen sich dadurch in Sicherheit glauben, verlieren wir immer mehr den Bezug zum Wesentlichen. Und wenn das Fundament sich nicht richtig entwickeln kann, stehen auch die nachfolgenden Motive auf wackligen Beinen.

maslowAuf der abgebildeten Motivpyramide erkennt man die entwicklungspsychologisch Begründeten Motive. Daraus wird ersichtlich, wie wichtig gerade das erste Motiv ist. Wenn die Grundbedürfnisse des Säuglings befriedigt werden, wobei ich nicht nur die physischen, sondern insbesondere auch die emotionalen Bedürfnisse meine, so entwickelt ein Kind Urvertrauen und bindet sich sicher an die Eltern oder Bezugspersonen. So ein Kind entwickelt auch eine natürliche Neugier, braucht nicht kompensatorisch viel Aufmerksamkeit und Anerkennung, ist stets bestrebt seine Kompetenzen zu erweitern und entwickelt genügend Einfühlungsvermögen, um sich in seine Mitmenschen einfühlen zu können und ein Teil der Gemeinschaft zu werden. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich hoffe, dass es aufgrund der äusseren Verunsicherung durch die Finanzkrise zu einem Umdenken kommt. Meinens Erachtens ist es eine Chance für eine Umbesinnung auf die Grundfragen und -werte des Menschen. So nach dem Motto: „Back to basics”. Und dabei bilden die genannten Motive eine gute Grundlage.

Wie sehen Sie die Tatsache, dass über 60% der Frauen mit Kleinkindern berufstätig sind und die Kinder fremdbetreut werden?
Damit Kinder eine gute Bindung und somit ein gutes Urvertrauen bilden können, braucht es Stabilität und Kontinuität in den Beziehungen. Dabei muss es nicht zwingend nur die Mutter sein, die dieses Bedürfnis zu erfüllen hat. Kinder können schliesslich auch zu anderen Bezugspersonen eine Bildung aufbauen. In erster Linie denke ich da an den Vater, die Grosseltern, den Geschwistern, eine Tagesmutter oder Person in der Kinderkrippe. Bei den beiden letztgenannten kann es ungünstig sein, wenn es zu regelmässigen Wechseln kommt, da das Kind dies im schlimmsten Fall als Bindungsverlust quittiert. Dies ist dann der Fall, wenn z.B. eine Bezugsperson in der Krippe die Stelle wechselt. Mein Rat an die Eltern und insbesondere an die Vätern lautet demnach: nehmt euch soviel Zeit wie möglich für eure Kinder! Dies ist die beste Investition, die man tätigen kann.

Wie ist der Anteil bei ihren Klienten auf das Geschlecht bezogen?
In meiner Praxis habe ich ein sehr ausgeglichenes Verhältnis betreffend dem Geschlecht. Ich stelle jedoch fest, dass Frauen ein etwas feineres Sensorium dafür haben, wann sie sich in psychologischer Beratung begeben sollen als Männer. Das heisst, dass sie nicht erst eine Beratungsperson aufsuchen, wenn die Situation bereits festgefahren ist. Somit erkennen sie früher Probleme und Sorgen und setzten sich damit auch viel mehr auseinander.

Sind Männer also anfälliger für eine Suchtproblematik oder eine psychische Störung?
Dies lässt sich so nicht verallgemeinern. Vermutlich ist es jedoch so, dass Frauen und Männer einen teilweise anderen Umgang mit Belastungen und Konflikten pflegen bzw. bevorzugen. So wissen wir heute, dass bei den Depressionen Frauen mit 2/3 die Mehrheit bilden. Jedoch sind Männer mehr der Gefahr von Alkoholismus ausgesetzt (ebenfalls 2/3). Daraus könnte man schliessen, dass um unterschiedliche Reaktionen oder Verarbeitungsarten handelt. Doch dies ist wie bereits gesagt eine Vermutung.

Was halten Sie von Hotline – Beratung, sprich Wahrsager und Konsorte für 4.90 die Minute?
Ich will nicht die Möglichkeit bestreiten, dass es darunter Menschen mit therapeutischen Fähigkeiten gibt, doch ich stehe dieser Art von Beratungen skeptisch gegenüber.

Stellen diese auch eine Gefahr dar?
Ganz klar kann eine solche Beratung sehr nach hinten losgehen. Wenn zum Beispiel viel Hoffnung gemacht wird, aber dann nichts davon eintritt. Ich persönlich halte nicht viel davon.

Wie sehen sie das Verhalten der Menschen in Krisenzeiten auf die Zukunft bezogen?
Die Menschheit reagiert immer auf die gleiche Weise: In Phasen der Hochkonjuktur wagt man sich auf die dünnen Äste. In Krisenzeiten greift man nach dem dicken Stamm zurück. Ich persönlich hoffe, dass die Menschen die Auswirkungen der Finanzkrise als Chance für eine Umbesinnung auf die Grundwerte packen.

Wenn man davon ausgeht, dass Krisen notwendig sind für eine Weiterentwicklung, wird da die Aufgabe eines Psychologen nicht überflüssig?
Im Gegenteil. Gerade in Krisenzeiten werden Psychologen mehr gebraucht. Sie bieten eine wertvolle Stütze. Denn Krisen sind nicht notgedrungen eine Chance, sondern in erster Linie eine Gefahr aufgrund des Verlustes an Sicherheit. Auf der Ebene des Weltgeschehens kann es schnell zu Aufruhr oder gar Krieg kommen. Auf der persönlichen Ebene kann es zu vergleichbaren Erscheinungen kommen. Durch eine professionelle Beratung können die ablaufenden Prozesse so unterstützt werden, dass eine Krise in eine Chance für den persönlichen Wachstum umgemünzt werden kann. Dies ist dann der Fall, wenn zum Beispiel Ressourcen aktiviert oder neue Fähigkeiten entdeckt und eingesetzt werden können. Das Ziel dabei bleibt stets, auf persönlicher und menschlicher Ebene zu reifen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.