“Die Stadt der Blinden” von Fernando Mereilles

Blind sein um zu sehen

“Die Stadt der Blinden” von Fernando Mereilles

stadt der blinden 1

Man kann sehend durchs Leben gehen, ohne wirklich etwas zu sehen. Es kann auch sein, dass man nicht wirklich etwas sehen will. Man kann aber auch blind sein, und seine eigene Schwäche als Vorwand nehmen, die Augen für immer zu schliessen und sich in der schuldlosen Unwissenheit treiben lassen. Sehen, nicht sehen, ignorieren, die Augen schliessen – mit den Metaphern, die diese Worte auslösen, spielt “Die Stadt der Blinden”. Manchmal nur mittelmässig. Manchmal jedoch meisterhaft.

Von Alexander Sigrist

Auf einmal wird ein Mann am Steuer seines Wagens blind – erst wird von einem medizinischen Sonder- und Einzelfall ausgegangen, doch schon bald bricht eine Epidemie aus: immer mehr Menschen verlieren ihr Augenlich. Um die Krankheit unter Kontrolle zu halten, werden die Blinden in Quarantäne gesteckt: ohne jegliche Hilfe müssen die blinden Menschen in einem ehemaligen Gefängnis ausharren. Einzig die Frau eines Augenarztes, der ebenfalls erblindet ist, hilft den Blinden. Denn sie hat sich aus Liebe zu ihrem Mann in die Quarantäne geschmuggelt, ohne wirklich blind zu sein. Ihre Aufgabe jedoch gestaltet sich nicht einfach und schon bald werden aus Menschen Tiere.

Fernando Meirelles, der Regisseur von “Die Stadt der Blinden”, ist kein Unbekannter: so hat der Mann mit “City of God” und “Der ewige Gärtner” zwei moderne Klassiker geschaffen, die bei den Kritikern, wie auch beim Publikum, auf Gegenliebe gestossen sind. Anders jedoch bei seinem letzten Werk “Die Stadt der Blinden”: der Film stiess zwar auf kein durchgehend schlechtes Echo, jedoch wurde er als Mittelmass gebrandmarkt, ein Werk eben, dass es mit den Vorgängern des Regisseurs nicht aufnehmen kann. Das mag stimmen, jedoch ist “Die Stadt der Blinden” nur solange Mittelmass, wie man ihn mit den Meisterwerken Meirelles vergleicht. Für sich genommen ist der Film, auch wenn er sicherlich nicht perfekt ist, ein interessantes Werk.

Viel Bedeutung, wenig (neuer) Plot

Denn will der Film als eine Parabel auf die Menschheit verstanden werden und baut Metaphern zum ‘Sehen’ auf. So geht es in “Die Stadt der Menschen” um das Kollektiv der Menschen, dass lieber ignoriert, als die Augen aufzumachen und deshalb blind wird – nur jene, die in ihrer Blindheit irgendwann die Augen aufmachen, werden auch wieder sehen können. Jedoch ist der Film nicht einseitig: so beleuchtet er auch die andere Seite, mit der Frau des Augenarztes, die in der Welt der Blinden sehen kann und sich damit eine Bürde auflasten muss, die sie kaum tragen kann.

Zu viel sehen, zu wenig sehen, das sind die Hauptthemas des Films, zwischen denen er schwankt, ohne sich auf etwas festzulegen, bevor er sich gegen Ende der Frage hingibt, wie wohl eine Welt voller seelisch Blinder für einen Sehenden aussehen muss. Kurzum: der Film baut viele Fragen auf und konstruiert viele Metaphern. Das ist zwar einerseits gut, jedoch fühlt man sich als Zuschauer auch fast ein wenig erschlagen. So muss man konstant mitdenken, mitgehen, neue Gedanken fassen: ja, man muss beinahe ein Übermass an Bedeutung bewältigen, als wäre man selber ein Sehender zwischen Blinden.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Wer jedoch seine Augen für die Parabel am Film verschliesst, dem bleibt wahrlich nur Mittelmass: der Film ist im Grunde genommen ein typischer Vertreter des Menschen-in-Extremsituationen-Genres und vieles hat man schon vorher gesehen: die Menschen streiten sich um das Essen, Regeln werden gebrochen, die Zivilisation geht unter, Mord, Vergewaltigung, Totschlag. Will man nicht mitdenken, will man nicht all das Metaphorische entschlüsseln, so bleibt ein Film mit einer Portion Sozialkritik, der sich kaum über ähnliche Filme stellen kann, auch wenn sich Meirelles Regiestil als überragend erweist, denn vom Plot her watschelt der Film fast nur bekannte Stationen ab.

“Die Stadt der Blinden” funktioniert also auf zwei Ebenen: einerseits als stinknormales Endzeitszenario, in welchem die Menschen mehr und mehr ihre Menschlichkeit verlieren und in der Extremsituation selber extrem werden. Das ist ordentlich, aber nicht überragend. Andererseits jedoch ist der Film eine sehr komplexe Parabel über die Menschheit und die Fähigkeit nicht sehen zu wollen. In dieser Hinsicht ist Meirelles Werk mehr als nur Mittelmass, ja beinahe selbst ein modernes Klassiker und wer sich von der Komplexität des Films nicht abschrecken lässt, sollte einen Blick riskieren.

Ausstattung

Ein knapp einstündiges Making of und eine Fotogalerie.


Seit dem 19. März 2009 im Handel.

Originaltitel: Blindness (Brasilien, Japan, Kanada 2008)            
Regie: Fernando Meirelles
Darsteller: Julianne Moore, Mark Ruffalo, Gael García Bernal, Danny Glover
Genre: Endzeit-Parabel
Dauer: 117 Minuten
Bildformat: 1.78:1 (16:9 anamorph)
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Making of, Fotogalerie, Trailer
Vertrieb: Impuls

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