“Body of Lies” von Ridley Scott

CIA – Chronisch Ineffiziente Amerikaner

“Body of Lies” von Ridley Scott

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Es hat ein Weilchen gedauert, bis sich das Amerikanische Mainstreamkino in der Irakfrage positioniert hat. Als die rasant sinkende Unterstützung des Irakkrieges durch die Öffentlichkeit jedoch grünes Licht gab, zögerte man nicht länger damit, sich auf der Leinwand demütig selbst zu geisseln. Auch Ridley Scott versucht sich in “Body of Lies” an lauwarmer Selbstkritik. Doch nur die CIA-Leute etwas böser darzustellen macht reicht dafür kaum aus.

Von Lukas Hunziker.

Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) ist die rechte Hand der CIA im Nahen Osten. Er spricht fliessend Arabisch, schätzt die Arabische Kultur und zeigt echtes Engagement und Mitgefühl auch für die heimische Bevölkerung. In engem Kontakt mit dem CIA-Hauptquartier in Langley steht er über Ed Hoffman (Russel Crowe), einem kaltherzigen, gefühlslosen Patrioten, welcher stellvertretend für arrogante CIA-Bürokraten steht. Langfristiges Ziel von Ferris’ Mission ist es, den Terrorfürsten Al-Saleem, der für zahlreiche Attentate in Europa verantwortlich ist, ausfindig zu machen. Trotz modernster Satellitenüberwachung macht die CIA jedoch kaum Fortschritte, und Ferris erkennt, dass es einen besseren Verbündeten gibt als Hoffman: den jordanischen Geheimdienst. Doch da sich die CIA zu gut ist, den Jordaniern das nötige Vertrauen entgegenzubringen, wird Ferris zu einem verheerenden Fehler verleitet, und landt schliesslich selbst in den Fängen Al-Saleems.

Kuschelkritik und Pseudotiefgang

Eine ernst gemeinte, provozierend kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der USA im Nahen Osten – wie sehr hätten wir uns das vom Amerikanischen Kino gewünscht. Ridley Scott ist dafür jedoch eindeutig der Falsche. Obwohl die Regie-Ikone eine ganze Reihe von Klassikern in seiner Filmographie aufzulisten hat, befassen sich die wenigsten dieser Klassiker ernsthaft mit den Milieus, in welchen sie spielen. Bei “Body of Lies” ist dies kaum anders. Der Film spielt zwar in der modernen arabischen Welt, greift ein topaktuelles Thema auf und stellt die CIA-Aktivität in der Region immer wieder etwas fragwürdig dar. Die Mittel zu dieser lauwarmen Geheimdienstkritik sind jedoch so platt, dass man sich das eine oder andere Augenrollen kaum verkneifen kann. Der böse CIA-Typ Hoffman gibt sich dadurch als Bösewicht zu erkennen, dass er ein schlechter Vater ist und sexistische Sprüche von sich gibt (“If you don’t think of pussy, you’re just not concentrating”). Der gute CIA-Typ hingegen hat den Koran auf arabisch gelesen und will eine echte Beziehung mit einer echten Araberin eingehen. Schwarzweisser geht es kaum.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Doch mehr als zu zeigen, dass die CIA manchmal eben ein ganz schön arroganter Verein ist, dass der Nahe Osten auch seine schöne Seiten hat, und dass nicht ganz alle Araber Terroristen sind, wagt der Film nicht. In keinem Moment wird die Amerikanische Präsenz im Arabischen Raum grundsätzlich hinterfragt, nie wird Terror als Phänomen, das über eine fatalistische Auslegung des Korans hinausgeht, betrachtet. Und zum Schluss endet alles wie in einem Dienstagabendkrimi, und es gibt eine schöne, fertig abgepackte Moral. Der hervorragend in Szene gesetzte erste Drittel des Films geht langsam aber unaufhaltsam in altbekannte Thrillerklischees über, und die eher schwache Liebesgeschichte lenkt wohlriechend von den heiklen Fragen, die sich zu stellen beginnen, ab. An den schauspielerischen Leistungen, an Ton und Kamera gibt es kaum etwas auszusetzen, alles ist durchkomponiert, alles passt. Und doch fehlt “Body of Lies” eine klare Aussage; weder bezieht der Film Position, noch stellt er intelligente Fragen. Einmal mehr inszeniert Ridley Scott vor viel versprechender Kulisse ein relativ belangloses, wenn auch spannendes Geschichtchen. Wem’s gefällt.

Ausstattung

Peinlich, muss man zuallererst anmerken, ist der deutsche Titel des Films: “Der Mann, der niemals lebte”. Obwohl ein Buch mit selbigem Titel der Romanvorlage des Films als Inspiration gedient hat, lässt dieser kaum auf den Film beziehen. Neben einem Audiokommentar mit Ridley Scott, Drehbuchautor und Romanautor David Ignatius, besteht das Bonusmaterial aus drei knapp 8minütigen Dokumentationen zu Regisseur Ridley Scott, dem Drehort Marokko, und der Romanvorlage. Während die beiden letzteren gerade noch geniessbar sind, quillt die erste Dokumentation vor Selbstbeweihräucherung des Regisseurs so stark über, dass man jene Stelle auf der DVD, wo diese gespeichert ist, am liebsten mit einem Messer rauskratzen möchte. Scott bezeichnet sich unter anderem als Nahostexperten, da er schon fünf (!) mal da war. Und die restlichen Crewmitglieder stimmen dieser Aussage hechelnd bei. Dabei ist gerade “Body of Lies” ein weiterer Beweis dafür, dass Ridley Scott wohl zu den überschätztesten Autoren gehört, welche Hollywood zu bieten hat.


Seit dem 6. März 2009 im Handel.

Originaltitel: Body of Lies (USA 2008)            
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Russel Crowe, Mark Strong, Golshifte Farahani
Genre: Thriller
Dauer: 123 Minuten
Bildformat: 2,40:1
Sprachen: Englisch, Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Spanisch, Niederländisch, Dänisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Finnisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Audiokommentar, Kurzdokumentationen
Vertrieb: Warner

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Offizielle Englische Seite

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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