“Lornas Schweigen” von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Zwei Hochzeiten für eine Snackbar

“Lornas Schweigen” von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Le silence de Lorna

Lorna heiratet, um Belgierin zu werden. Lorna will ein zweites Mal heiraten, um Geld für eine Snackbar zu kriegen. Doch der Übergang von Ehe Nummer eins zu Ehe Nummer zwei gestaltet sich knifflig. Gefühle und Mafioso Fabio machen die Sache komplizierter, als sie sowieso schon ist.

Von Sandra Despont.

Anfangs scheint alles ganz einfach: zwei Hochzeiten werden Lornas Träume wahr werden lassen: Belgierin zu werden und zusammen mit Freund Sokol ein Geschäft zu gründen. Doch die zielstrebige junge Frau verliert langsam die Kontrolle über die Dinge und muss erkennen, dass man dem Teufel seine Seele nicht nur halb verkaufen kann.

Entzug als Hindernis

Um an den belgischen Pass zu kommen, heiratet die Albanerin Lorna den Junkie Claudy. Sie bezahlt ihn für die Heirat und sie will ihn für die Scheidung bezahlen. Doch um, wie geplant, mit ihrem Freund Sokol eines Tages eine Snackbar aufmachen zu können, braucht sie Geld. Unbedingt. Deshalb, und um überhaupt ihre Heiratsschulden zurückzahlen zu können, lässt sie sich auf Anraten des zwielichtigen Taxifahrers Fabio auf einen weiteren Deal ein: sie will einen russischen Mafiosi heiraten um ihm zu einem belgischen Pass zu verhelfen. Das Problem: es muss schnell gehen. Claudy wird zum Hindernis, zumal er plötzlich beschliesst, ernsthaft clean zu werden und so sein vorzeitiges Ableben nicht mehr ganz so problemlos inszeniert werden kann. Lorna entwickelt ausgerechnet jetzt, wo es ernst gilt, Gewissensbisse und, viel schlimmer für Fabios Plan, Gefühle für den Junkie.

Das Ende von Lornas Schweigen

Hauptdarstellerin Arta Dobroshi stellt die erst sehr zielstrebig und fast emotionslos wirkende Lorna überzeugend und verstörend nüchtern dar. Als Fabio aber den Entschluss fasst, Claudy durch eine vorgetäuschte Überdosis aus dem Weg zu räumen, zeigt sich, dass Lorna doch nicht bereit ist, für ihr Glück über Leichen zu gehen. Statt den Tod Claudys in Kauf zu nehmen, will sie eine vorzeitige Scheidung wegen ehelicher Gewalt erreichen. Trotz der guten schauspielerischen Leistung bleibt es ein wenig rätselhaft, wie die zuerst sehr nüchterne, angesichts ihres Junkie-Ehemanns ablehnende und gar angeekelt wirkende Lorna dazu kommt, ihn plötzlich bei seinem Entzug tatkräftig zu unterstützen und dabei sehr, sehr weit zu gehen. Schade ist auch, dass Lorna im letzten Teil des Films Selbstgespräche zu führen beginnt. Während ein guter Teil des Reizes für den Zuschauer vorher in Zeitsprüngen lag, nach denen es jeweils wieder darum ging, sich in der Handlung neu zu orientieren, und auch die recht unzugängliche Hauptfigur entschlüsselt werden musste, führt Lorna in den letzten Einstellungen plötzlich rührende und eher kitschig-klischeehaft gelagerte Gespräche mit ihrem ungeborenen Baby. Nachdem Lorna lange Zeit durch ihr Schweigen geglänzt und gerade dadurch zu einer lebensechten, authentischen Figur geworden ist, scheint das gewöhnungs- und erklärungsbedürftig.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Das stille Sprechen von politischen Problemen

Stilistisch bewegt sich “Lornas Schweigen” irgendwo zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Realität spricht aus jeder Aufnahme, ohne dass diese die Zuschauergeduld durch Wackelkameraführung strapaziert oder versucht wird, einen Livedokustil zu imitieren. Dadurch erreichen die Gebrüder Dardenne eindrücklich, dass keine Minute lang vergessen geht, dass “Lornas Schweigen” kein hollywoodeskes Machwerk der Phantasie ist, sondern von einem Schicksal erzählt, das es so oder ähnlich tatsächlich und tausendfach gibt. Der Film zeigt eindrücklich, dass der Weg hinein in die gute mitteleuropäische Gesellschaft für die meisten hoffnungsvollen Ausländer und Ausländerinnen durch einen Sumpf von Illegalität führt. Unschuld kann hier nicht gewahrt, moralische Opfer müssen gebracht werden, Pragmatismus ist gefragt. Gewissensbisse sind Luxus, oder, im Fall Lornas, allenfalls kleine Anfälle von Übelkeit, die ausgestanden werden müssen. Das Verbrechen versteckt sich hinter dem freundlichen, gut aussehenden und fürsorglich wirkenden Fabio, der sein wahres Gesicht erst offenbart, als Lorna nicht mehr bereit ist, ihr Glück durch das Leiden anderer zu erkaufen. Eine der Stärken des Filmes ist es, das Thema der Immigration zu behandeln, ohne politisch zu werden. Grundsatzentscheide über Einbürgerungen bleiben angesichts des Einzelschicksals völlig im Hintergrund. Keinerlei missionarischer Eifer ist zu spüren und gerade das macht den Film eindrücklich. Obwohl von tatsächlich existierenden Lebenswirklichkeiten gesprochen wird und “Lornas Schweigen” unbestreitbar einen dokumentarischen Einschlag hat, lässt sich der Film politisch nicht vereinnahmen. Es geht, und das wird ganz deutlich, um Menschen, nicht um Politik.

Ausstattung

Klein, aber fein sind die Extras auf “Lornas Schweigen”. Das Interview mit den Regisseuren hebt sich dadurch vom Durchschnitt ab, dass Solveig Anspach, ebenfalls Filmemacherin, präzise und von ihrem ganz eigenen Blick gelenkte Fragen stellt und dadurch über das “Wie-war-denn-die-Arbeit-mit-den-Schauspielern”-Einerlei hinausgeht. Auch das Interview mit der Hauptdarstellerin (die offenbar, was einem erst hier so recht auffällt, ihr bezauberndes Lächeln für die Rolle der Lorna weit hinten in einem Schrank verstauen musste) ist glücklicherweise mehr als das blosse 08/15-Wir-hatten-alle-soooo-viel-Spass Gequatsche.


Seit dem 7. April 2008 im Handel.

Originaltitel: Le Silence de Lorna (Frankreich, Grossbritannien 2008)            
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Darsteller: Arta Dobroshi, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Alban Ukaj
Genre: Drama
Dauer: 105 Minuten
Bildformat: Widescreen 1.77:1
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital
Bonusmaterial: Trailer, Interview von Solveig Anspack mit Jean-Pierre und Luc Dardenne, Interview mit Arta Dobroshi
Vertrieb: Impuls

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