„Kill“ von Kihachi Okamoto

Geschichten mit Tradition

„Kill“ von Kihachi Okamoto

kill

Rapid Eye Movies dürfte sich mittlerweile zum Lieblingsverleih für alle Japanophile entwickelt haben: in angenehmen Abständen legt REM japanische Klassiker in schön gemachten DVDs vor – so durften wir bereits Filme wie „Lady Snowblood“, „Sasori“ 1-4 und „Zatoichi meets Yojimbo“ in unsere Sammlung aufnehmen. Zu diesen gesellt sich nun ein weiterer, leider beinahe unbekannter Klassiker: „Kill“ von Kihachi Okamoto.

Von Alexander Sigrist

Genta, ein desillusionierter Ex-Samurai, landet aus seiner Wanderschaft in einem kleinen Dörfchen, welches beinahe ganz zerstört ist: die Bevölkerung leidet unter den Kriegereien zweier befeindeter Clans, die sich um die Vorherrschaft in der Gegend balgen. Genta versucht die beiden Parteien so gegeneinander auszuspielen, dass die Sache friedlich gelöst wird, schliesst sich jedoch schliesslich sieben Samurais an, die sich in einer Bergfestung verschanzt haben – auf der anderen Seite steht Tabata, ein junger Bauer, der unbedingt Samurai werden will und sich so dem anderen Clan anschliesst. Es kommt zu einem blutigen Showdown zwischen den beiden Parteien, in welchem es sich herausstellen soll, was es wirklich heisst, ein Samurai zu sein.

Die Geschichte scheint ja irgendwie bekannt zu sein: zwei Clans, ein Dorf und eine Person mittendrin. Kein Wunder, denn Okamotos „Kill“ beruft sich auf die literarische Vorlage „Peaceful Days“, welche seinerseits auch für Kurosawas „Sanjuro“ Pate stand. „Sanjuro“ ist wiederum die Fortsetzung des Klassikers „Yojimbo“, welcher ja bereits die Thematik der verfeindeten Clans und des einsamen, auf sich bedachten Samurais auslotete.

So lassen sich durchaus Parallelen zwischen diesen drei Filmen ausmachen und man darf wohl behaupten, die drei Filme stehen als drei Bearbeitungen des gleichen Themas da. Eine Bearbeitung, die es auch nach Übersee geschafft hat: „Eine Handvoll Dollars“ ist das Western-Remake von „Yojimbo“, hat aber seinerseits offensichtlich wieder Einfluss auf „Kill“ gehabt, welcher ein Jahr später als der Film mit Eastwood in die Kinos kam – allein die Szene, in welcher Genta verprügelt wird, erinnert stark an den Western und man darf wohl behaupten, die Macher von „Kill“ haben sich auch ganz sicher „Für eine Handvoll Dollar“ ganz genau angesehen.

Samurais in einer ehrlosen Welt

Nun, „Kill“ mag wohl die jüngste Adaption des Stoffes sein (mal abgesehen von dem amerikanischen postmodernen Remake „Last Man Standing“ mit Bruce Willis), muss sich aber keineswegs verstecken, denn Okamoto findet genug eigenes, um die Geschichte für sich beanspruchen zu dürfen.

So ist seine Hauptfigur weit weniger abgebrüht als bei den anderen Adaptionen: Genta ist eine tragische Gestalt, der es um seine eigene Erlösung geht. Seine Motivation ist also nicht uneigennützig, aber wohl trotzdem edel, denn in einer Welt, welche die Samurai-Ideale aufgeben hat, ist einer der letzten, der versucht, diese Ideale hochzuhalten. Seine Verbindung zum Bauer ist das Faszinierende am Film: Tabata will unbedingt Samurai werden, hat wohl auch ein gutes Herz, doch weiss nicht, worauf er sich da einlässt. In Okamotos Welt sind die eigentlichen Samurais keine Helden, keine ehrhaften Männer, sondern Säufer, die sich um Frauen streiten, zu Gewehren greifen und sich gegenseitig verraten. Und in dieser Welt landen eben Genta, der seine eigene verlorene Ehre wieder finden will und Tabata, der einfach zu naiv ist, um wirklich zu verstehen, für welche verdorbene Ideale er sich einsetzt.

Okamoto macht also das, was er in vielen seiner anderen Filmen auch gemacht hat (wie zum Beispiel im grandiosen „Sword of Doom“): er dekonstruiert den Heldenmythos, zeigt, wie sich die Welt verändert und darum der Samurai untergehen muss. Ein Abgesang auf den Samurai, der sich selber zu Grunde richtet, durch seine Gier nach Geld und seine Gewissenslosigkeit.

Ganz ohne Hoffnung ist diese Welt jedoch auch nicht: obwohl der Grundtenor zwar düster und die Geschichte ernst ist, hat der Okamoto auch stets ein gutes Auge für Humor: zwischendurch setzt er sogar ein wenig Klamauk, ein wenig Wortwitz auf, was dem Film trotz seiner Ernsthaftigkeit ein wenig Leichtfüssigkeit verleiht. Die sympathischen Figuren tun da ihr übriges: Genta ist trotz seiner Tragik ein herrliches Schlitzohr und Bauer Tabata sorgt immer wieder für komische Erleichterung.

„Kill“ ist also ein kleines Meisterstück, welches von Okamoto grandios inszeniert wurde und vor allem mit einer tollen Geschichte und guten Charakteren punkten kann – auch wenn man sich in den ersten zwanzig Minuten von der Masse an Figuren erschlagen fühlt und man nicht immer ganz folgen kann, wer denn nun wen verrät, gehört „Kill“ in jede gut sortierte DVD-Sammlung und ist ein absolutes Schmankerl für alle Japanophile da draussen. Danke, Rapid Eye Movies.

Ausstattung

Ein Trailer und ein Teaser. Leider nicht mehr.


Seit dem 17. April 2009 im Handel.

Originaltitel: Kill! (Japan 1968)            
Regie: Kihachi Okamoto
Darsteller: Tatsuya Nakadai, Etsushi Takahashi, Naoko Kubo, Shigeru Kôjama
Genre: Samurai-Klassiker
Dauer: 117 Minuten
Bildformat: 2.60:1 (16:9 anamorph)
Sprachen: Japanisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono
Bonusmaterial: Teaser, Trailer, Trailershow
Vertrieb: MaxVision

Im Netz
Trailer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.