“Samaria” von Kim Ki-Duk

Moralische Sauerei oder Geniestreich?

“Samaria” von Kim Ki-Duk

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Kim Ki-Duks Drama “Samaria” ist im selben Jahr entstanden wie sein international anerkannter “Bin-jip”. Während “Bin-jip” jedoch weltweit durchaus im Filmmarkt mitmischen konnte, blieb “Samaria” weitgehend unbekannt. Bei der Thematik verwundert dies jedoch nicht weiter: denn in “Samaria” geht es um die Prostitution eines blutjungen Mädchen.

Von Alexander Sigrist.

Jae-Young und Yeo-Jin, zwei junge Mädchen, verbindet eine nicht ganz ungefährliche Freundschaft. Yeo-Jin steht nämlich Wache, während sich Jae-Young an Männer verkauft. Eines Tages übersieht Yeo-Jin eine Polizeistreife und Jae-Young verletzt sich bei der Flucht vor derselben schwer. Sie liegt im Krankenhaus und hat nur einen letzten Wunsch: sie möchte noch einmal einen Freier sehen, in den sie sich verliebt hat. Yeo-Jin geht ihn holen – muss jedoch als Bezahlung mit ihm schlafen. Als die beiden im Krankenhaus ankommen ist es bereits zu spät: Jae-Young ist tot. Yeo-Jin beschliesst, um die Erinnerung an Jae-Young reinzuwaschen, alle Freier zu besuchen und ihnen ihr Geld zurückzugeben. Eine folgenschwere Entscheidung…

Was für eine Sauerei!

Es ist kein ungefährliches Thema, welches sich Kim Ki-Duk für sein Werk, das nun bereits fünf Jahre auf dem Buckel hat, ausgesucht hat. Es geht nämlich um die Prostitution zweier sehr junger Frauen, deren Alter einen moralisch gefestigten Zuschauer durchaus erschüttern kann. Aber viele Dramen haben mit heiklen Themen wahre Meisterwerke erschaffen und so hofft man, dass Kim Ki-Duk mit seiner Erfahrung in Regie und Dramatik etwas gutes daraus machen kann. Der Schein scheint jedoch zu trügen, denn mehr als einmal möchte einem die Galle hochkommen ob der schieren Sorglosigkeit, mit welcher der koreanische Regisseur zu Werke geht: so prostituiert sich Jae-Young ganz gerne, viele der Freier sind eigentlich ganz nette Kerle und überhaupt ist alles nicht so schlimm – aber wenn Ki-Duk seine beiden Hauptdarstellerinnen auch noch nackt (wenn auch intelligent gefilmt) zeigt, dann grenzt dass an Explotation der übleren Sorte.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Den moralischen Tiefflieger erreicht der Film, als er zeigt, wie einfach doch ein Freier geläutert werden kann: denn Yeo-Jin gibt nach dem vollzogenen Akt ihnen das Geld von Jae-Young zurück, anstatt eine Bezahlung zu verlangen. Die Freier werden darauf ganz handzahm, rufen zu Hause bei ihren Kindern an und sind fortan gute Menschen – das ist nicht nur erschreckend simplistisch, sondern einfach nur noch blöd und eine moralische Frechheit, denkt man an die unvorstellbare Menge an jungen Menschen die auf dieser Erde missbraucht werden. Von da an geht es kaum noch bergauf: als nämlich auch gleich noch die einzige Figur, die mit der einzig verständlichen Reaktion, nämlich Schock, auf die Prostitution der jungen Yeo-Jin reagiert, zum Sündenbock verdammt wird, spürt man wieder diese unbändige Wut auf Ki-Duk hochkommen, der sich moralisch derart unbedarft gibt, dass es wehtut.

Was für ein Meisterwerk!

Jedoch stellt sich, nachdem diese Wut auf den Regisseur verklungen ist, ein anderes Gefühl ein. Nachdenklichkeit. Vielleicht muss man “Samaria” anders verstehen – nicht als Auseinandersetzung mit der Prostitution an sich, sondern als Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft, in welcher selbst der Mensch zum Produkt wird. Erst wenn das Verhältnis zwischen Konsument und Produkt aufgelöst wird, eben in jener Szene, in welcher Yeo-Jin die Freier bezahlt, erst dann erkennt der Konsument, wohin der blinde Konsumwahn ihn geführt hat und versucht aus diesem elenden Verhältnis zu entfliehen.

Auf diese Flucht schliesslich antwortet die Vater-Tocher-Beziehung, welche in der zweiten Hälfte des Filmes thematisiert wird mit einer destruktiven Botschaft: nämlich dass jede Flucht aus dem gewohnten Konsumverhältnis nur in den Ausschluss aus der Gesellschaft und der Vereinsamung des Individuums enden kann. Natürlich kann man Ki-Duk vorwerfen, dass er die Thematik der Prostitution nur als Vorwand zur Darstellung der Konsumgesellschaft verwendet, anstatt sich wirklich damit auseinanderzusetzen – aber genau da liegt die Genialität des Werkes: denn Ki-Duk packt genau da an, wo es weh tut, nämlich an einer Stelle die Otto-Normal-Bürger gerne ignorieren würde und welche er niemals als normales Konsumverhältnis bezeichnen möchte.

Liest man den Film so, also symbolisch, so ist er wahrlich ein kleines Meisterwerk mit einer jedoch überaus fatalistischen Botschaft: es gibt keine Heilsgeschichte, keine Flucht aus dem Konsum, sondern nur die Verrohung, Egalisierung der Moral. Nun, was ist “Samaria”? Moralische Sauerei oder Meisterwerk? Diese Frage kann wohl nicht pauschal beantwortet werden, denn einerseits ist Ki-Duks Umgang mit der Prostitution junger Frauen ganz klar zu sorglos – andererseits jedoch kann auch die Nachdenklichkeit des Plots nicht ignoriert werden. Welche Seite nun stärker wiegt, dass muss jeder Zuschauer für sich selber entscheiden.

Ausstattung

Auf dem Silberling lassen sich ein ‘Making of’, die Pressekonferenz an der Berlinale, sowie der Trailer zum Film finden. Als besonderes Extra versteckt sich noch das Filmposter in der Verpackung der DVD. Sehr schön.


Seit dem 26. Juli 2009 im Handel.

Originaltitel: Samaria (Südkorea 2004)            
Regie: Kim Ki-Duk
Darsteller: Kwak Ji-min, Han Yeo-reum, Lee Eol, Woo Yong, Kim Kwi-seon
Genre: Drama
Dauer: 95 Minuten
Bildformat: 1,85:1 (16:9 anamorph)
Sprachen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Deutsch: Dolby Digital 5.1 / Koreanisch: Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Making of, Pressekonferenz an der Berlinale, Trailer, Poster
Vertrieb: Max Vision

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