“The Hurt Locker” von Kathryn Bigelow

Beinahe Perfektion im falschen Film

“The Hurt Locker” von Kathryn Bigelow

hurt locker 1

Regiedame Kathryn Bigelow stürmt mit einer siebenköpfigen Besetzung bestehend aus sechs Männern und einer Frau die Männerbastion Action-Kriegsdrama und legt einen Film vor, der tausendmal besser ist als 95 Prozent seiner von ihren männlichen Kollegen dirigierten Vorgänger. In “The Hurt Locker” bringt sie ihr aussergewöhnliches Gespür fürs Filmemachen zum leuchten, in dem sie sich an einen Stoff heranwagt, dem andere schlicht nicht in die Nähe kommen dürfen. Einziger Wermutstropfen: der Film ist nicht, was er zu sein vorgibt.

Von Tom Messerli.

“The Hurt Locker” basiert auf den persönlichen Erfahrungen, die der Journalist und Drehbuchautor Mark Boal in einer Spezialbombeneinheit im Irak gemacht hat. Hochkarätig besetzt mit Jeremy Renner (“The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford”), Anthony Mackie (“Half Nelson”), und Brian Geraghty, (“Jarhead”), sowie mit Stars wie Guy Pearce, Ralph Fiennes und Evangeline Lilly in Cameo-Auftritten, verbindet der Film packende, realistische Action mit ergreifend menschlichem Drama.

“The Hurt Locker” handelt vom – sofern dies überhaupt existiert – Alltagsleben in einem sogenannten bomb disposal unit, und erzählt von Soldaten, welche sich Tag für Tag auf die Suche und Entschärfung improvisierter, für tödliche Anschläge vorgesehener Bomben im besetzten Bagdad machen. Kreuz und quer streifen die Männer durch die Stadt, dorthin wo dünne Kabel unter Schutt, Sand und Geröll Hinweise auf lebensgefährliche Sprengkörper geben. Ihre Aufgabe stellt sich so einfach wie unfassbar: entweder sie entschärfen oder sprengen kontrolliert die tödlichen Bedrohungen, oder letztere machen umgekehrt und unkontrolliert dasselbe mit ihnen. Dabei porträtiert der Film in wahrscheinlich realistischer Manier die unterschiedlichen Aufgaben im dreiköpfigen Team, die unfassbare Routine, die scheinbare und die eigentliche Hierarchie in der Gruppe, und vor allem die unerträgliche Belastung für die Soldaten, diesen allgegenwärtigen Gedanken beim Aufwachen am Morgen, noch vor dem Mittag in Stücke gerissen zu werden.

Krieg als Droge

Vor allem aber beschäftigt sich “The Hurt Locker” mit dem Gedanken eines Lebens im Krieg, welches von Hingabe über Hinneigung zur Sucht wird; sprich mit der Idee, wie für gewisse Menschen der Adrenalinschub des Krieges zur Droge verkommen kann. Jeremy Renner schauspielt ein unvergessliches Porträt von Staff Sergeant Willliam James, einem durchschnittlich anmutenden Draufgänger mit durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlicher Postur, durchschnittlicher Intelligenz und durchschnittlichen Ansprüchen. James wäre im Wilden Westen wohl ohne Unterbruch an Rodeos geritten, aber sein Leben spielt im Irakkrieg, wo er herausfindet, dass er eine Wucht von einem Soldat ist. James gedeiht mit der zunehmenden Angst, je gefährlicher die Situation, desto ruhiger und glücklicher wird er. Er liebt es, Bomben zu entschärfen, er liebt es, Risiken einzugehen, manchmal um der Mission Willen, manchmal seinetwegen.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Ihm gegenübergestellt stehen seine beiden Untergeordneten Sergeant Sanborn (Anthony Mackie), der an Aufmerksamkeit, Vorsicht und Dienstvorschrift glaubt, sowie Sergeant Thompson (Guy Pearce), welcher einfach ein netter Kerl zu sein scheint, der gerne und bald in Frieden nach Hause kehren möchte. Die drei Charaktere kollidieren mit zunehmender Heftigkeit, je näher sie ihrer bald erwarteten Ablösung kommen und je gefährlicher die Missionen werden, die sie gemeinsam meistern müssen. Dabei bleibt die Figur von James mit Abstand die interessanteste, weil sie sich jedem Stereotyp entzieht. James wirkt vom Adrenalin angezogen und abgestossen zugleich, wird dadurch möglicherweise sogar ein besserer Soldat. So entzieht sich auch der Film als solches einem simplen Urteil oder einer einseitigen Botschaft. Das Interesse des Films liegt im Krieg selbst, in diesem einzigartigen, menschlichen Phänomen. Insofern ist “Tödliches Kommando” vielleicht der erste Film über den Irakkrieg, der so etwas wie ein Nachkriegsgefühl zu vermitteln vermag. Es geht nicht mehr um Politik und deren Entscheidungsträger, sondern um die Untersuchung eines Krieges, welcher passierte, und die Frage, wie er war. Die dabei gelieferte Antwort klärt schnell: er war, ist, anders.

Fast gelungene Sprengung einer Männerbastion

Interessant ist allerdings, wie Kathryn Bigelow das Thema angeht. Einerseits vermittelt sie die oberflächlichen Aspekte einer Actionszene kurz, bündig, und so gut und überzeugend wie manch einer. Sie sprengt das (zumeist in Jordanien aufgebaute) Filmset unumwunden in die Luft, man möchte meinen, es handle sich dabei um eine künstlerische Hommage an John Whoo, nur ist die Kopie schlicht noch besser als das Original. Anderseits weiss Bigelow – im Gegensatz zu Regisseuren wie Whoo oder etwa auch Michael Bay – dass Explosionen alleine noch keinen Film gut machen. Und so erzählt sie mit fast ausschliesslich männlichen Darstellern eine Geschichte über Männer, zu einem Thema, welches erfahrungsgemäss eher Männer in die Kinosäle bewegt und lässt die vermeintliche Männerangelegenheit (Krieg und Action für starke Typen die sicher nie weinen) ohne mit der Wimper zu zucken in die Luft gehen.

Allerdings findet sich hier wohl auch die einzige Schwachstelle von “The Hurt Locker”. Der Film wird als Actionstreifen angepriesen, beworben und verkauft. Dass er das nicht ist, wird vermutlich nur einem Bruchteil der von solchen Werbesprüchen ins Kino gelockten Zuschauer auffallen. Und so dürfte ein Grossteil des Publikums, das diesen Film eigentlich verdient hätte, diesen wohl gar nie sehen, während jene, die auf eine Fortsetzung von “Bad Boys” und “Lethal Weapon” aus sind, den wirklichen Inhalt von “Tödliches Kommando” nie begreifen werden.

Explosionsartig in den Regieolymp

Denn Bigelow interessiert sich für die Menschen inmitten eines Traumas und beweist dabei ein besonderes Gespür für die Psyche von Soldaten unter Druck. Es ist ebendieses Verständnis für die psychologischen Aspekte von actiongeladenem Erzählstoff, dass sie in eine eigene Liga aufsteigen lässt. Während des gesamten Films ist das menschliche Element so essentiell, dass, wenn immer etwas passiert, man sich gleich persönlich betroffen fühlt. All dies wird von der Machart des Films kräftig unterstützt und verstärkt. Auf der einen Seite baden die Filmszenen in einer Audiountermalung von zermürbender Stille und ohrenbetäubendem Lärm, vermengt zu einem Hörerlebnis, das seinessgleichen sucht.

Andererseits verwendet die Regisseurin in “Tödliches Kommando” fast ausschliesslich Handkameras, nicht etwa um das Publikum schwindlig zu machen oder gar Aufregung zu vermitteln wo sonst nichts Aufregendes wäre, sondern um unterschwellig den Eindruck zu vermitteln, man folge den Charakteren auf Schritt und tritt. Die Kamera wackelt nicht, sie lebt; der Blick ist nicht allsehend, aber gestochen scharf fokussiert. Der Kamerawinkel wird zum Beobachtungsblickpunkt des Publikums und durch diese intensive Perspektive führt der Film einen innert wenigen Minuten in eine Trance von instinktiver Aufmerksamkeit und Mitgefühl, dass man schweissgebadet mitfiebert im Gefühl, das eigene Leben stehe auf dem Spiel, sollte William James die Entschärfung der nächsten Bombe misslingen.

Fazit: “The Hurt Locker” reiht sich nahtlos in eine Tradition von hervorragenden Filmen ein, die im Zusammenhang mit dem Krieg im Irak entstanden sind, übertrifft diese aber in mancher Hinsicht. Kathryn Bigelow zeigt den modernen Krieg mit einer visuellen Wucht und emotionaler Intensität, die den Zuschauer mitten hinein ins ohrenbetäubende und schwindelerregende Kriegstreiben im Irak katapultiert. Wer einen Actionfilm über “wahres Heldentum” und “unerschrockene Opferbereitschaft” von “echten Typen” sucht, soll sich im Kinoprogramm nach Alternativen umsehen. Wer bereit ist, sich auf die unfassbare Idee einzulassen, moderne Schlachtfelder hätten eine mächtige Anziehungskraft, der und die sitzen im richtigen Film und können sich auf eine nervenzerfetzende Dokumentation und einen bohrenden Blick auf die seelenbetäubende Härte des Menschenunwerks Krieg gefasst machen.


Seit dem 13. August 2009 im Kino.

Originaltitel: The Hurt Locker (Land 2008)            
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jeremy Renner, Anthony Mackie, Guy Pearce, Ralph Fiennes, Brian Geraghty, David Morse, Evangeline Lilly
Genre: Drama, Action
Dauer: 130 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

Im Netz
Trailer
Offizielle Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.