“Let’s make Money” von Erwin Wagenhofer

Zielsicher in die Barbarei

“Let’s make Money” von Erwin Wagenhofer

Lets make money 1

Es gibt kaum noch jemanden, der es wagt zu bestreiten, dass die Finanzkrise das unausweichliche Resultat einer fundamentalen Fehlentwicklung des globalen Finanzwesens war. Wie es momentan aussieht, wird dies jedoch kaum etwas daran ändern, dass die unmenschliche westliche Marktwirtschaft ihren Wohlstand auf Kosten der Dritten Welt vergrössert. Dies und mehr zeigt “Let’s make money” in schockierenden 108 Minuten Aufklärung.

Von Lukas Hunziker.

Burkina Faso ist ein Land in Westafrika, mit zweimal so vielen Einwohnern und einer sechsmal so grossen Fläche wie die Schweiz. Der Rohstoff, welcher die Bevölkerung des Landes, das zu den ärmsten der Welt gehört, ihr Existenz verdanken, ist Baumwolle. Da sie in mühseliger Arbeit von Hand geerntet wird, gehört sie zu der qualitativ besten der Welt. Verkaufen lässt sie sich dennoch nur schwer, denn der Markt gehört den USA, welche durch Subventionen an ihre eigene Produktion zum unbesiegbaren Konkurrenten für Burkina Faso und andere afrikanischen Länder werden. Hätte die handgepflückte Baumwolle freien Zugang zum Weltmarkt, wäre Burkina Faso längst von der Liste der hochverschuldeten Entwicklungsländer verschwunden. Dummerweise ist sein Gläubiger, die Weltbank, nur bedingt daran interessiert, dass dies je passiert. Denn die Weltbank ist, trotz ihres scheinbar internationalen Charakters, fest in amerikanischen Händen.

Wirtschaftskiller und Schakale

Über die Machenschaften der Weltbank und anderen Finanzinstituten klärt in “Let’s make Money” nicht etwa eine ultralinke, Verschwörungstheorien brauende Aktivistin auf, sondern ein ehemaliger “Wirtschaftskiller”. Dessen Aufgabe war es, systematisch Drittweltländern mit profitablen Rohstoffen auszumachen, in welche die Weltbank investieren konnte, wobei investieren hiess, das Land in Schulden zu treiben, die über die Rohstoffe abbezahlt werden mussten. Die Stärkung des Dollars nach dem Vietnamkrieg war in erster Linie den Wirtschaftskillern zu verdanken, da diese die arabischen Länder dazu brachten, ihr Öl nur in Dollar zu verkaufen. Scheitern die Wirtschaftskiller, weil die politische Führung eines Landes unbestechlich ist, werden die “Schakale” in Land geschickt, um die politische Führung zu ermorden, was in einigen mittel- und südamerikanischen Staaten geschah. Scheitern auch die Schakale, wie im Irak, bleibt als letzte Lösung ein von den USA geführter Militärschlag.

Europa – ein Tennisclub für die Elite

Obwohl die USA zu den bissigsten Wirtschaftshunden gehört, stehen ihr die mitteleuropäischen Staaten in keine Weise nach. Einige der bedenklichsten Aussagen des Films werden von Gerhard Schwarz, Leiter der NZZ Wirtschaftsredaktion und Lehrbeauftragter an der Uni Zürich, gemacht. Unreflektiert wie ein SVP-Gemeinderat, der nicht über sein eigenes Unternehmen hinaussieht, entwirft er folgendes Gleichnis: Ein liberaler Staat ist wie ein Tennisclub. Wie dieser darf er von Neumitgliedern (also Immigranten) zusätzlich zum Mitgliederbeitrag einen Eintrittspreis verlangen, da die Neuen ja sonst von etwas profitieren würden, wozu sie nichts beigetragen haben. Mit anderen Worten: da Migranten aus Drittweltländern nichts zum Wohlstand in der Schweiz beigetragen haben, müssen sie erst einen Beitrag leisten, um bei uns aufgenommen zu werden.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Die Wahrheit sieht leider anders aus. Wie Erwin Wagenhofer im Interview erklärt, war es gerade die Absicht seines Films zu zeigen, dass die Drogendealer und kriminellen Ausländer, über welche sich rechte Parteien quer durch Europa beschweren, alles andere als freiwillig bei uns herumlungern, sondern schlicht in jene Länder flüchten, welche ihnen in ihrer Heimat die wirtschaftliche Existenzgrundlage zerstört haben. Der Wohlstand, auf den wir so stolz sind, ist einzig und allein durch die wirtschaftliche Ausbeutung afrikanischer, arabischer und asiatischer Länder möglich.

Die Finanzkrise – ein Kind des Neoliberalismus

Zu verdanken haben wir die aktuelle Krise des Finanzwesens dem Neoliberalismus, welcher mit Maggie Thatcher und Ronald Reagan Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre an die Macht kam. Dieser weichten die Regulierungen und die staatlichen Kontrollen für Banken und Finanzinstitute auf, um die Wirtschaft von lästigen Spielregeln zu befreien. Tatsächlich waren diese Spielregeln nach der Weltwirtschaftskrise ins Leben gerufen worden, um weitere Krisen ähnlicher Art zu verhindern. Der Neoliberalismus, so formuliert es ein Abgeordneter des Deutscher Bundestags schön, hat das langfristige Denken abgeschafft und den riskanten kurzfristigen Gewinn zur Lebensphilosophie der Wirtschaft erhoben. Heute hat die Freiheit des Finanzwesens solche Massen angenommen, dass es toleriert wird, wenn künstlich geschaffene Steuerparadiese – wie die in “Let’s make Money” porträtierte Kanalinsel Jersey – 11,5 Billionen Dollar systematisch vor staatlichen Steuerbehörden verstecken. Gerhard Schwarz entschuldigt solche Wirtschaftskriminalität, wie sie auch die Schweiz betreibt, mit den schockierenden Worten, dass ihm menschlichen Naturzustand alles privat sei.

Die Korruption der Menschenrechte

“Let’s make Money” wirft einen nüchternen, aber rasiermesserscharfen Blick hinter die Kulissen des Finanzsystems, welches wir nun mit staatlichen Subventionen zu retten versuchen, obwohl es die Krise, in welcher wir uns befinden, erst ermöglicht hat. In kurzen Episoden springt der Film von Schauplatz zu Schauplatz, von Indien nach Österreich, von Burkina Faso nach Washington, von Genf nach London, von Jersey an die Spanische Costa del Sol, an welcher menschenleere Golfplätze in der Wüste mit jenem Wasser grün gehalten werden, das der andalusischen Bevölkerung fehlt. Menschenrechtsverletzungen gibt es nicht nur in China, in Iran oder auf Guantánamo, es gibt sie überall, und nur zu oft werden sie durch jenes Geld finanziert, das wir auf der Bank “für uns arbeiten” lassen. Doch wir sind inzwischen so gut im kollektiven Verdrängen, so dass wir dennoch irgendwie mit uns leben können. Leider.

Die Streitfrage des Dokumentarfilms

Wie schon in “We feed the World” arbeitet Erwin Wagenhofer auch in “Let’s make Money” ohne Off-Kommentar. Der Film lebt ganz von seinen eindrücklichen Bildern und von zahlreichen Interviews, in welchen eine Reihe von Aussagen gemacht werden, die durch Mark und Bein gehen. Einerseits bleibt der Film damit so objektiv wie möglich und behält den moralischen Zeigefinger brav in der Hosentasche. Wer den Film sieht, muss die Puzzleteile einzeln zusammensetzen und sich seine eigene Meinung bilden. Dies verleiht “Let’s make Money” ein sehr hohes Mass an Glaubwürdigkeit, beraubt ihn aber gleichzeitig der Möglichkeit der Breitenwirkung. Der Film ist sehr viel tiefer und genauer als beispielsweise ein Michael Moore Film, der aus Prinzip einseitig, subjektiv und manipulierend ist. Andererseits wird “Let’s make Money” gerade deshalb auch nicht annähernd ein so breites Publikum finden. Lösen lässt sich dieses Dilemma nicht, und es steht uns Filmkritikern nicht an, Wagenhofer die Arbeitsweise populärer Dokus zu empfehlen. Was wir jedoch können, ist “Let’s make Money” als unerhört beeindruckenden Dokumentarfilm wärmstens zu empfehlen. Ganz ehrlich: wen der Film nach den 108 Minuten unberührt gelassen hat, der darf den Verfasser dieser Rezension eine halbe Stunde nach allen Regeln der Kunst durchprügeln.

Ausstattung

Unbedingt zu empfehlen ist das auf der DVD enthaltene 28minütige ‘Making of’. In diesem werden im Hauptfilm nicht verwendete, aber höchst brisante Interviewsequenzen gezeigt und Erwin Wagenhofer entpuppt sich als höchst interessanter Interviewpartner. Für Lehrpersonen wartet die DVD zudem mit Unterrichtsmaterial auf – ein seltenes, aber überaus sinnvolles Extra.


Seit dem 18. Juni 2009 im Handel.

Originaltitel: Le’ts make Money (Österreich 2008)
Regie: Erwin Wagenhofer
Darsteller: diverse Finanztycoons, Aasgeier und Wirtschaftsexperten
Genre: Dokumentarfilm
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch
Vertrieb: Max Vision

Im Netz

Trailer
Offizielle Seite (mit interessanten Hintergrundartikeln)


Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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