“Where in the World ist Osama Bin Laden” von Morgan Spurlock

Vom Suchen und Finden des Bösen auf der Welt

“Where in the World ist Osama Bin Laden” von Morgan Spurlock

Where in the World 1

Mission Impossible, möchte man denken: Ein Amerikanischer Dokufilmer reist in den Nahen Osten, um Osama Bin Laden zu finden. Doch Morgan Spurlock, der Fastfoodfeind aus “Supersize Me”, kommt den Wurzeln des Terrorismus’ näher, als es die Amerikanische Regierung wohl je kommen wird. Ein Film so beunruhigend wie optimistisch.

Von Lukas Hunziker.

Mit “Supersize Me” erklärte Morgan Spurlock dem Fastfood den Krieg – und gewann ihn. In seinem Selbstversuch bewies er, dass eine reine McDonalds-Ernährung letztendlich lebensgefährlich wäre. Der Gegner seines aktuellsten Films ist jedoch noch eine Runde tödlicher als der Big Mac – es ist Osama Bin Laden. Als Spurlocks Freundin schwanger wird, beginnt sich der Dokufilmer Gedanken zu machen, welche Gefahren die Welt für sein Kind birgt, und entschliesst sich, die grösste davon bis zu dessen Geburt zu eliminieren: den internationalen Terrorismus. Diesen gibt es, so weiss er aus den US-Medien, nur wegen einem Mann: Osama Bin Laden. Um diesen dingfest zu machen, müsste man ihn aber zuerst finden – und genau das will Spurlock in seinem Film versuchen.

Von Ägypten und Marokko …

Nach einem Crash-Kurs im Granatenausweichen, Heckenschützen-Aufenthaltsort-Bestimmen und Mit-Entführern-Kooperieren, fliegt Spurlock nach Ägypten, zur ersten Runde im Kampf gegen Bin Laden. Bereits hier wird das Amerikanische Feindbild vom Islams in seinen Grundfesten erschüttert: Spurlock trifft aufgeschlossene, moderne Weltbürger, die den Terrorismus geradeso verabscheuen wie er. Das Problem in Ägypten, so muss Spurlock feststellen, ist die von den USA unterstütze Regierung, die sich als Demokratie verkauft, deren Wahlen aber kaum mehr als ein gut inszeniertes Kasperletheater sind. Auch in Marokko zeichnet sich ein ähnliches Bild; der internationale Kampf gegen Terrorismus hat dazu geführt, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes gehemmt wird, und gerade dadurch der Zuwachs extremistischer Gruppen zunimmt.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

… über Israel und Saudi Arabien…

Die beeindruckendsten Szenen des Films sind jedoch jene in Israel und dem Gaza-Streifen. Die Palästinensische Bevölkerung hat nicht das geringste Interesse an Unterstützung der Al Qaida; im Nahostkonflikt geht es für sie in erster Linie um Land, nicht um Religion. Die schockierendste Szene des Films führt Spurlock schliesslich in ein jüdisch-orthodoxes Viertel, wo er beschimpft und schlussendlich sogar angegriffen wird und Polizeischutz benötigt. Religiöser Intoleranz prägt sich im Film als Bild eines jüdisch-orthodoxen Mobs ein. Selbst der fundamentalistische, muslimische Prediger, den Spurlock in Saudi-Arabien aufsucht, gewährt ihm, wenn auch widerwillig, ein Gespräch. Auch die erschreckendste Aussage des Films stammt von einer orthodoxen Jüdin, die auf die Frage, ob die jüdischen Siedlungen in der Westbank legal seien, antwortet: “They are not legal, now, but they are in the process of being legalised”.

… nach Afghanistan und Pakistan.

Die Endstation von Spurlocks Reise ist die Afghanische und Pakistanische Grenze und jenes Stammesgebiet, in welchem sich Osama Bin Laden mit höchster Wahrscheinlichkeit befindet. Doch bis dahin hat Spurlock das gelernt, was der Film schlussendlich Amerika und der ganzen Welt zeigen will: Osama Bin Laden ist ein Symptom, keine Ursache, des Terrorismus. Daraus zieht der Film ein beruhigendes und ein beunruhigendes Fazit. Beruhigend ist, dass der Film deutlich zeigt, dass der Grossteil der Islamischen Welt auch im Nahen Osten nicht hinter dem Terrorismus steht, sondern ebenso, wenn nicht sogar noch viel mehr, darunter leidet, als der Westen. Beunruhigend hingegen ist, dass sich niemand um die wirklichen Probleme der Islamischen Ländern im Nahen Osten zu kümmern scheint. Denn der Kampf gegen den Terrorismus ist erst dann gewonnen, wenn die USA nicht länger korrupte Regimes aus wirtschaftlichen Eigeninteressen unterstützen und jener armen Jugend Möglichkeiten für eine Zukunft bietet, die ohne diese ein gefundenes Fressen für extremistisches Gedankengut sind.

“Where in the World is Osama Bin Laden” ist unterhaltsam, witzig, tragisch – zugleich sehr Amerikanisch und sehr Amerika-kritisch. Die Vorurteile gegenüber dem Islam, welche der Film bekämpft, existieren jedoch weit über die US-Landesgrenzen hinaus, und gerade in einer Zeit, in welcher Parteien wie die SVP uninformierte, kontraproduktive und intolerante Propaganda gegen den Islam führt, gewinnt der Film auch bei uns grosse Aktualität.

Ausstattung

Neben geschnittenen Szenen und Trailer gibt es ein amüsantes, interessantes und aufschlussreiches Interview mit dem hoch sympathischen Morgan Spurlock, der eine knappe halbe Stunde von seinen Reisen im Nahen Osten erzählt.


Seit dem 16. Januar 2009 im Handel.

Originaltitel: Where in the World is Osama Bin Laden (USA 2008)
Regie: Morgan Spurlock
Darsteller: Morgan Spurlock
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 86 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Interview mit Morgan Spurlock, Geschnittene Szenen, Trailer, Fotogalerie
Vertrieb: Max Vision

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Trailer
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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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