“The Fall” von Tarsem Singh

Rein-Fall oder Ein-Fall?

“The Fall” von Tarsem Singh

The fall 1

Wenn man gleich auf dem Cover einer DVD mit dem Werbespruch “David Fincher und Spike Jonze präsentieren” konfrontiert wird, so erwartet man doch schon etwas Spezielles. Und speziell ist “The Fall” sicherlich – fraglich nur, ob Otto-Normalzuseher diese präsentierte Spezialität, welche sich fast auschliesslich auf visuellen Edelglanz beschränkt, goutieren kann.

Von Alexander Sigrist.

Die kleine Alexandria liegt mit einem gebrochenen Arm im Krankenhaus, wo sie auf den verletzten Stuntman Roy trifft. Er beginnt ihr eine Geschichte um fünf Helden, die einen bösen Gouverneur töten wollen, zu erzählen – dies jedoch nicht ganz uneigennützig, denn er will die Kleine dazu bringen, ihm Morphium aus der Hospitalsapotheke zu besorgen, um sich dann damit umzubringen. Im Leben sieht er keinen Sinn mehr: einerseits hat er sich als Stuntman so schwer verletzt, dass er nicht mehr laufen kann und andererseits ist seine Freundin mit dem Star des Films durchgebrannt.

Tarsem Singhs neustes Werk “The Fall” ist ein zweischneidiges Schwert dessen beiden Schneiden nicht weiter auseinander liegen könnten. Auf der einen Seite besitzt der Film eine technische Brillanz, die man nur selten findet. Visuell ist “The Fall” eine wahre Freude: Singh weiss ganz genau, wie man wunderschöne und surreale Bilder kreiert, was er ja in “The Cell” bereits eindrucksvoll bewiesen hat. So ist vor allem die Geschichte in der Geschichte um die fünf Helden toll gefilmt und lädt mit den schönen Bildern in endlos langen Landschaften zum Träumen ein, aber auch die ‘reale’ Ebene des Films ist sorgsam inszeniert und zeigt das vorhandene Gespür für das Medium Film. Ja, es ist eine wahre Freude, sich “The Fall” einfach nur anzusehen.

Wer braucht Tiefgang, wenn er Bilder hat!

Leider jedoch verlässt sich Singh fast ausschliesslich auf seine starken Bilder, denn inhaltlich bleibt “The Fall” wenig tiefgründig. Zwar versucht er schon die Psyche eines suizidalen jungen Mannes mit gebrochenen Herzen zu beleuchten und durchdringt diese dunkle Vorstellungswelt mit der sorglosen Fantasie eines fünfjährigen Mädchens, was sicherlich interessanten Stoff liefern hätte können. Dieser Stoff wird jedoch nie ausgelotet, zu wenig symbolisch sind die Erzählsequenzen und die fünf präsentierten Helden laden kaum zum Analysieren ein, da sie kaum Profil besitzen. Spätestens wenn einer der Charaktere Charles Darwin getauft wird, wird klar: die Erzählung im Film ist nur postmodernes, visuelles Zückerli, mit welchem sich Singh ordentlich austobt, ohne eine seinem Plot damit eine weitere Ebene zu geben.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Was jedoch nicht heissen soll, “The Fall” wäre langweilig: die Geschichte in der Geschichte hält, auch wenn sie dem Plot an sich nicht wirklich dienlich ist, durch die schiere Visualität bei Laune (auch wenn der Gewaltexzess gegen Ende hin allzu übertrieben ist) und die reale Geschichte lebt von der filigranen Beziehung zwischen der jungen Alexandria und Roy, welche vor allem durch die wirklich grossartige Cantica Cuntaru getragen wird, die trotz ihres jungen Alters alle anderen Schauspieler im Film locker an die Wand spielt.

“The Fall” hat also viele gut oder sehr gute Ansätze, aber zu einem guten Ganzen wird die Chose nicht: grandiose Bilder stehen einer Sinnlosigkeit gegenüber, die die Geschichte in der Geschichte nur zum Selbstzweck des Regisseurs macht, grossartige Schauspieler kämpfen gegen einen Plot ohne tiefgründige Ansätze. Hätte sich Singh nur mit der Hälfte der Energie, die er in die visuelle Grossartigkeit von “The Fall” gesteckt hat, dem Drehbuch gewidmet, wäre wohl ein Meisterwerk heraus gekommen. So bleibt schlussendlich nur ein optisches Glanzstück, für alle, die ihre Augen mal so richtig verwöhnen und ihr Gehirn ausschalten möchten.

Austattung
Mager: Zwei Audiokommentare und Trailer


Seit dem 28. August 2009 im Handel.

Originaltitel: The Fall (Grossbritannien, Indien 2006)            
Regie: Tarsem Singh
Darsteller: Catinca Untaru, Justine Waddell, Lee Pace, Sean Gilder
Genre: Drama
Dauer: 113 Minuten
Bildformat: 1,85:1 (16:9 anamorph)
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Audiokommentar mit dem Regisseur, Audiokommentar mit den Autoren und Schauspieler Lee Pace, Trailer
CH-Verleih: Max Vision

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