Simon Stephens “Country Music” (Theater Winkelwiese)

Mitten aus dem Leben

Simon Stephens “Country Music” | Theater Winkelwiese, Zürich | 12.9.2009

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Foto/Copyright: Theater Winkelwiese, Zürich.

Mit Simon Stephens “Country Music“ hat sich Stephan Roppel ein höchst aktuelles Thema ausgewählt, um die neue Theatersaison an der Winkelwiese einzuläuten. Das Stück über jugendliche Gewalt und Ausweglosigkeit führt eine Problematik vor Augen, die nicht nur an den Rändern englischer Industriestädte, sondern überall auf der Welt vorhanden ist.

Von Lisa Letnansky.

Es ist eine laue Sommernacht im Jahr 1983, Jamie und Lynsey sitzen in einem Wagen auf dem Parkplatz einer Autobahntankstelle. Lynsey ist fünfzehn, Jamie achtzehn und das Auto, in dem sie sitzen, hat er am Nachmittag erst geklaut. Die Teenager schwelgen in Zukunftsphantasien, sie wollen gemeinsam abhauen, irgendwo ein neues Leben anfangen, arbeiten, ein Haus am Strand bewohnen und endlich einmal die schöne Seite des Lebens geniessen. Während Jamie von diesen Vorstellungen immer begeisterter wird, steigen in Lynsey langsam Zweifel auf. Was ist an diesem Nachmittag eigentlich genau passiert? Hat Jamie dem Verkäufer etwas angetan, als er die Reiseverpflegung – Chips und Tequila – aus dem Laden holte? Hat er ihn gar umgebracht? In die anfängliche Unbeschwertheit mischt sich mehr und mehr Zorn, Verzweiflung und Angst.

Unsichere Gesten und betretenes Schweigen
In vier eindringlichen und genau durchkomponierten Szenen zeichnet Simon Stephens vier Stationen im Leben von Jamie nach. Elf Jahre später sitzt er im Besuchsraum einer Haftanstalt und erhält Besuch von seinem jüngeren Halbbruder Matty, in einer weiteren Szene ist er aus der Haft entlassen worden und trifft sich mit seiner und Lynseys Tochter Emma, die er nicht mehr gesehen hat, seit sie noch ganz klein war. Das Leben ist nach dieser Nacht auf dem Parkplatz ohne Jamie weiter gegangen. Alle haben sich weiter entwickelt, sind erwachsen geworden, nur Jamie ist derselbe geblieben. Es scheint, als habe er einfach stagniert, in der Hoffnung, dass sich seine Träume von einem unbeschwerten Leben doch noch irgendwann erfüllen würden. Die Distanz, die sich zwischen ihm und den anderen Protagonisten eingestellt hat, scheint beinahe schon greifbar; unsichere Gesten und betretenes Schweigen sind die vorherrschenden Kommunikationsformen.

Foto/Copyright: Theater Winkelwiese, Zürich
Foto/Copyright: Theater Winkelwiese, Zürich

Die Abwesenheit der Umwelt
“Country Music“ kommt ohne zusätzliche Hilfsmittel aus. Ein Bühnenbild existiert sozusagen nicht, Requisiten wurden mit Ausnahme von Kleinigkeiten auch keine verwendet. Dies lenkt natürlich die ganze Aufmerksamkeit auf die Akteure. Die Abwesenheit der Umwelt richtet den Blick gleichsam ins Innenleben der Jugendlichen und führen zusätzlich vor Augen, dass diese Geschichte überall stattfinden könnte. Die vier Schauspieler verkörpern ihre Rollen jeweils mit grosser Detailgetreue und Einfühlsamkeit; allen voran ist jedoch Henrik Zimmermann zu nennen, der den von der rechten Bahn abgekommenen Jamie mit einer solchen Präzision verkörpert, dass sie oft recht abrupten Stimmungswechsel zwischen Wut und Vorfreude, Angst und Beruhigung durchaus glaubwürdig bleiben.

Der Mut zum Besonderen
Dennoch scheint „Country Music“ das gewisse Etwas zu fehlen. Vom Theater Winkelwiese ist man sich gewohnt, mit unkonventionellen und innovativen Einfällen überrascht zu werden, ob das nun den Plot des Stücks betrifft, das Bühnenbild oder die untermalende Musik. Da sich „Country Music“ einzig und allein auf die Handlung und die Dialoge der Figuren konzentriert, hätte man diesbezüglich gerne etwas mehr Mut zum Besonderen gewünscht. Die erzählte Geschichte bleibt leider etwas flach und es fehlen Spannungsbogen oder Reflexion.

Die Thematik der prekären Situation der randständigen Jugendlichen ist höchst aktuell und aus diesem Grunde auch überall präsent. Gerade darum müsste man sich jedoch etwas einfallen lassen, um nicht im grossen Brei des Diskurses unterzugehen.

Besprechung der Premiere am 12. September 2009.
Weitere Aufführungen bis am 17. Oktober 2009.

Besetzung
Anna-Katharina Müller
Elisabeth Rolli
Manuel Bürgin
Henrik Zimmermann

Regie : Stephan Roppel
Bühne und Kostüme: Marcella Maichle
Dramaturgie: Fanti Baum
Licht: Michael Omlin
Technik: Stefan Marti / Michael Omlin
Regieassistenz: Nadine Jaberg

Im Netz
www.winkelwiese.ch

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