Angelika Overath: „Flughafenfische“

Ein Volk von Umgeleiteten

Angelika Overath: „Flughafenfische“ (Roman)

Angelika Overath nimmt sich in ihrem neuen Roman den internationalen Flughafen als Ort der Begegnungen vor. Wo so viele Menschen aufeinandertreffen, herrscht höchste Anonymität, trotz einer gewissen Verbundenheit durch das Unterwegssein und die Müdigkeit. Und gleich neben der totalen Einsamkeit steht die Möglichkeit einer neuen Freundschaft.

Von Lisa Letnansky.

flughafenfische200„Flughafenfische“ spielt an einem der grössten Flughäfen der Welt. Dort treffen täglich Hunderte von Menschen aufeinander, ohne dass sich ihre Lebenswege wirklich kreuzen. Manchmal entstehen aber auch interessante und einzigartige Begegnungen, die freilich meist nicht von Dauer sind. Eine solche Erfahrung machen auch Tobias, der Wärter des Flughafen-Aquariums, und Elis, eine Magazin-Photographin auf Reisen. Während die beiden sich einander langsam annähern, geht im Raucherfoyer nicht weit von ihnen langsam eine Ehe in die Brüche.

„Die Fische reden ja auch nicht“
Tobias lebt für seine Fische. Obwohl er an der Quelle des Reisens lebt, ist er nie gross herumgekommen und kennt den Grossteil der Welt nur aus Filmen. Über Fische, Korallen und lebende Steine weiss er jedoch Bescheid. Der Mann, der sich selbst als „situationsbedingt gesprächig“ beschreibt, hat sich in dem riesigen Aquarium des Flughafens einen Lebenstraum erfüllt. Er behandelt die Fische, Seepferdchen und Rochen wie seine Kinder, füttert sie von Hand und freut sich, wenn „so ein Seepferdchen ganz zu ihm heraufkam und sich mit seinem Schwanz um einen seiner Finger legte und eine Weile daran festhielt“. Den Menschen kann er eigentlich nicht viel abgewinnen. Das Einzige, was ihm an ihnen interessant erscheint, ist ihre Müdigkeit. Während er die Scheiben des Aquariums putzt, beobachtet er heimlich die Gewohnheiten der Schlaflosen und „sammelt“ sie. Bis er Elis begegnet.

Flughafen-Fata-Morgana
Die übermüdete Photographin muss am Flughafen auf ihren Anschlussflug warten. Obwohl sie anscheinend in ihrem Leben schon viel gereist ist und sich oft an Flughäfen aufgehalten hat, ist sie jedes Mal wieder überwältigt von der Anonymität und den Massen, die wortlos aneinander vorbeigleiten, „ein Volk von Umgeleiteten“. Und auch vor der Orientierungslosigkeit dieses Ortes ist sie nicht gefeit; so steht sie trotz grossem Durst minutenlang vor einer riesigen Auswahl an Wasserflaschen, ohne sich für eine entscheiden zu können. Schläfrig wandelt sie im Flughafen herum, um sich die Zeit zu vertreiben. Als sie das Aquarium das erste Mal sieht, glaubt sie zunächst an eine müdigkeitsbedingte „Flughafen-Fata-Morgana“, erkennt dann aber dessen Echtheit und erstaunt sich über die „Flughafenfische“.
Wenig später läuft sie auch Tobias über den Weg und beginnt, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Dieser scheint anfangs nicht begeistert über diese Entwicklung, mit der Zeit entsteht aber auch ein gewisses Interesse seinerseits („als Müde ist sie interessant“) und sie sprechen über die Paarungsgewohnheiten der Meeresbewohner, Elis’ Reisen in ferne Länder und die Möglichkeit, dass sich Menschen ändern können.

„Leben ist tödlich“
Gleichzeitig sitzt nicht weit von ihnen ein Mann, der eigentlich nicht raucht und nicht trinkt, im Raucherfoyer, qualmt eine Zigarette nach der anderen und trinkt Oban Single Malt Whiskey aus der Flasche. Der bedeutende Biochemiker wird gerade von seiner Frau verlassen, die nach dreissig Jahren Ehe per SMS mit ihm Schluss macht. Dies und die Mischung von ungewohntem Alkohol und Nikotin führen ihn zu ungeahnten Überlegungen über die Gewohnheiten der Menschen und deren und seine eigene mögliche Zukunft. „Leben ist tödlich“ lautet sein pessimistisches Motto.

Gedanken in Echtzeit
Overaths knappe, aber überdurchschnittlich blumige Sprache entwickelt eine ungeheure Intensität und Unmittelbarkeit. Als Leser ist man öfters geneigt, den Rotstift zu zücken und grosse Ausrufezeichen neben solch schöne Wortschöpfungen wie „Schauekel“ oder „Augenarbeiterin“ zu malen oder die Passagen, in denen die Gedanken der Protagonisten quasi in Echtzeit entwickelt werden, anzustreichen. „Ehe ist wie Rauchen. Ehe hat Distinktion.“ „Ein Überprüfen auf Intensität, eine berufsbedingte Wahrnehmungsstörung.“ „Eine professionell arrangierte, bemessene Portion Korallenriff.“
Auch wenn die Ankündigung auf dem Umschlag, dass sich in dem Roman eine „verschwiegene Liebe entwickelt“, wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, ist „Flughafenfische“ ein sehr lesenswertes Buch über zwischenmenschliche Beziehungen. Die perfekte Reiselektüre, vor allem für jene, die noch einen Aufenthalt am Flughafen vor sich haben.

Luchterhand
173 Seiten, ca. CHF 34.90

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