Hyakken Uchida: “Aus dem Schattenreich”

Der Albtraum kommt im Kimono

Hyakken Uchida: “Aus dem Schattenreich” (Erzählungen)

Unheimlich und albtraumhaft ist es, wenn der japanische Meister der fantastischen Literatur Hyakken Uchida versucht, einen das Fürchten zu lehren. Der in Japan 1922 publizierte Erzählband „Aus dem Schattenreich“ wurde nun zum ersten Mal ins Deutsche übertragen und auch wenn einige Passagen etwas unzeitgemäss wirken, verfehlt er seine Wirkung auch heutzutage nicht.

Von Lisa Letnansky.

schattenreich200Der Ich-Erzähler wandelt kurz vor Sonnenuntergang alleine auf einer langen, geraden Strasse, einem Deich oder Fluss entlang und verliert allmählich das Gespür für die Realität. So beginnen viele der achtzehn in «Aus dem Schattenreich» enthaltenen Kurzgeschichten Uchidas. Zumindest der japanische Leser verbindet mit dem Fluss das Jenseitsgewässer und somit das Reich der Toten; und der Tod ist auch eines der zentralen Themen dieses Werks.
Die Geschichten sind meist nur wenige Seiten lang und entwickeln schlagartig ein Tempo, das den Leser anfangs etwas überfordern könnte. Das Unheimliche und Übernatürliche bricht die Realität immer schnell und ohne Vorwarnung; Menschen haben plötzlich Pferdeköpfe, Tiere verwandeln sich in Menschen, oder der Protagonist findet sich an einem ihm vollkommen fremden Ort wieder ohne zu wissen, wie er dort hingelangt sein könnte.

Keine Sympathie für das Opfer
Die durchgängige Konstante der Geschichten ist der Ich-Erzähler. Obwohl es nirgends eindeutig ausgesprochen wird, scheint es immer derselbe Mann zu sein: Ein Lehrer Mitte dreissig, häufig auf Abwegen, mit einem Hang zum Geiz, dennoch wenig selbständig und unsicher im gesellschaftlichen und privaten Auftreten. Grossartig entwickelt wird diese Figur in den kurzen Geschichten leider nicht, so dass der Leser auch keine grosse Sympathie (oder Antipathie) für ihn entwickeln kann. Das ist insofern schade, weil man sich mit einem Protagonisten, dem man sich bereits verbunden fühlt und den man zu kennen glaubt, doppelt so gut gruseln kann. Uchida bringt es aber zustande, dass diese Verknapptheit der Charaktere dem bedrohlich Unheimlichen keinen Abbruch tut, nämlich indem er auch die ganze Umgebung nur schemenhaft auftauchen lässt.

Albtraumhafte Déja-vus
Diese Schemenhaftigkeit ist dann auch das eigentlich Grossartige an Uchidas Schauergeschichten. Indem er die unerklärlichen Geschehnisse einfach so passieren lässt, ohne sie vom Ich-Erzähler hinterfragen zu lassen, muten die Geschichte wie Albträume an. Die Menschen in Träumen kennt man oft irgendwoher, ohne genau zu wissen, wer sie sind; Dinge geschehen, ohne dass man wissen muss warum; andere Dinge verkehren oder verändern sich plötzlich, ohne dass man sich wirklich darüber wundert. Genau so verhält es sich in «Aus dem Schattenreich». Ein streng verfolgtes Leitmotiv ist das «Déja-vu»; die Menschen, Gegenden und Geräusche kommen dem Protagonisten ständig bekannt vor, aber er kann sie nicht einordnen. Die Neugier, herauszufinden, woher ihm die Dinge bekannt sind, führt ihn dann oft erst in die gefährlichen Situationen. Doch auch wenn im unbekannten Gegenüber nach längerer Zeit endlich ein Verwandter oder Freund erkannt wird, tappt der Protagonist über den Sinn der Geschehnisse nach wie vor im Dunkeln. Erkennen schafft hier keine Erkenntnis.

Die Urheber des Grauens
Auch wenn die Episoden miteinander nur durch die Hauptfigur verbunden sind, lassen sich verblüffende Parallelen erkennen. Die Urheber des Grauens sind fast immer Tiere oder Frauen, manchmal auch beide in einer Figur vereint. Traditionelle japanische Verhexungsgeschichten, wie wenn sich ein Fuchs in einen Menschen verwandelt, um anderen Menschen zu schaden, wechseln sich mit Episoden ab, in denen Frauen blutrünstige oder dämonische Züge annehmen. Aber auch wenn hier eine an Sigmund Freud mahnende (Traum-) Symbolik erahnt werden könnte, bleiben die meisten Geschichten für eine Interpretation absolut offen. Nur eine Geschichte verlässt den Rahmen der psychodramatischen Innerlichkeit der Hauptfigur: In „Albino“ soll ein schneeweisses Kind dazu benutzt werden, den Ich-Erzähler für die (christliche?) Religion zu öffnen. Dies ahmt eine Begegnung der Kulturen nach, die in allen anderen Geschichten vollständig ausgespart bleibt und „Albino“ somit als eine Art Fremdkörper im Erzählband erscheinen lässt. Trotzdem endet natürlich auch diese Geschichte überraschend und brutal.

Hyakken Uchidas Werke fanden bei ihrer Veröffentlichung verhältnismässig wenig Resonanz. Erst in den 1980er kam es in Japan zu einer Art «Hyakken-Boom»; die Texte wurden neu aufgelegt, einige davon wurden auch verfilmt (unter anderem 1993 in«Madadayo» von Akira Kurosawa, der eine autobiographische Kurzgeschichte Uchidas zur Vorlage hat) und Uchida etablierte sich langsam als erklärter Lieblingsschriftsteller vieler japanischer Autoren. Dass mit „Aus dem Schattenreich“ ein Versuch gestartet wird, diesen sicherlich einzigartigen Autor auch im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen, sollte der Deutschen Verlags-Anstalt hoch angerechnet werden.

Deutsche Verlagsanstalt
169 Seiten, ca. CHF 34.90

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