Gottfried Keller “Martin Salander“ (Schauspielhaus Zürich)

“Chez nous c’est comme partout“

Gottfried Keller “Martin Salander“ | Schauspielhaus Zürich, Pfauen | 19.9.2009

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Bild: Die Hochzeitsgesellschaft Salander/Weidlich| Foto/Copyright: Tanja Dorendorf | T+T Fotografie

Der Roman von Gottfried Keller erzählt die Geschichte des Heimkehrers Martin Salander in die Schweiz des 19. Jahrhunderts. Stefan Bachmann setzt den von Thomas Jonigk dramatisierten Text in die späten Fünfziger Jahre mit einigen für Auge und Ohr schönen Regieeinfällen.

Von Jolanda Heller.

Zwei Mal wurde Martin Salander (Gottfried Breitfuss) von seinem Freund Louis Wohlwend (Nicolas Rosat) um sein Vermögen gebracht, das erste Mal war es das Geld seiner Frau Marie (Susanne-Marie Wrage), das zweite Mal das in Brasilien erarbeitete Kapital. Zehn Jahre war er insgesamt fort von Frau und den Kindern Netti (Franziska Machens), Setti (Miriam Maertens) und Arnold (Niklas Kohrt), die arm und brav in Münsterberg (sprich: Zürich) dahin lebten. Wichtiger scheint Salander auch nach seiner Rückkehr die Karriere als (Bildungs-)Politiker, er will die Schweiz mitgestalten und -bilden. In Herzensdingen ist er wenig erfahren, lässt sich beinahe ein drittes Mal von Wohlwend via dessen Schwager-Püppchen, Myrrha Glawicz (Franzsika Machens; E.T.A. Hoffmans “Der Sandmann“ lässt grüssen) übers Ohr hauen. Es bleibt ihm erspart, lächerlich macht er sich trotzdem.

Bild: Myrrha Glawicz (Franzsika Machens) vor Möni Wighart (Jean-Pierre Cornu) und Martin Salander (Gottfried Breitfuss) | Foto/Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie
Bild: Myrrha Glawicz (Franzsika Machens) vor Möni Wighart (Jean-Pierre Cornu) und Martin Salander (Gottfried Breitfuss) | Foto/Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie

Der Roman Gottfried Kellers wurde von Thomas Jonigk in die dramatische Form gebracht und der Vorlage durchaus gerecht. Gottfried Breitfuss als Martin Salander gibt den behäbigen, in der Schweiz risikolosen Demokraten gut. Ganz anders und also risikofreudig arbeitete er sich in Brasilien geradezu neoliberal hoch und die Frage stellt sich, wie kommt man ohne krumme Geschäfte zu so viel Geld, das er ganze zwei Mal erneut verdienen musste, weil er von seinem Freund übers Ohr gehauen wurde? Sein Schwiegersohn Isidor Weidelich (Patrick Güldenberg) bindet ihm das grosse Vermögen denn auch auf die Nase, weil Salander ihn für seine unsauberen Geschäfte in der Kanzlei verurteilt. Und hier wird das Stück brandaktuell und man hätte gerne den Erklärungsnotstand von Salander – wir kriegen keine Begründung für dieses Wirtschaftswunder – erklärt gekriegt. Zwar wird angeklagt wie es im Programm steht, dass “Karrierismus, Aktienspekulation, aber auch Wirtschaftskriminalität und Ämtermissbrauch“ um sich greifen, doch Stefan Bachmanns Umsetzung auf der Bühne ist es nicht gelungen, das auch griffig und nachhaltig (auch so ein zeitgenössisches Unwort) umzusetzen.

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Bild: Susanne-Marie Wrage beeindruckt als Marie Salander | Foto/Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie

Aus dem Theater spaziert man leichten Ganges heraus, hat einen gelungenen Theaterabend genossen, doch zum Nachdenken hat der Abend nicht angeregt. Das Bühnenbild (Hugo Gretler) und die Kostüme (Esther Geremus) sind aus den Fünfziger Jahren, ganz nach den Filmen von Kurt Früh (Stefan Bachmann hatte seine Begeisterung für diesen Regisseur in einem Interview kundgetan), das Licht (Ginster Eheberg) nimmt diesen etwas dreckigen Sepiaton an, der erst verschwindet, als die rotweissen Schweizer Lampions zum Hochzeitsfest (oder war’s der 1. August) der Töchter Salander in grellem Licht erglühen. Steril. So steril sind auch die politischen und heimattümlichen Vorträge des Pfarrers und des Vaters Salander, der wie es in besseren Kreisen (öfters) vorkommt, Geschäftliches und Privates auch an einer Hochzeit zu vermengen weiss, und so die Basis für weiteres gutes Wursteln legt. Gefeiert wird hier aber nicht, und Freude kommt eh wenig auf, auch nicht wenn die Marthalersch’ anmutenden Lieder erklingen.

“C’est partout comme chez nous“ (es ist überall wie bei uns) oder sprachspielersich noch einmal “chez nous c’est comme partout“ (bei uns ist es wie überall), heisst es einmal. Keiner ist besser als der andere, es geht nur darum, nicht erwischt zu werden.

Premiere am 18. September 2009.
Besprochen wurde die Aufführung vom 19. September 2009.
Dauer: ca. 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause.

Besetzung
Martin Salander: Gottfried Breitfuss
Marie Salander: Susanne-Marie Wrage
Setti Salander / Alexandra Wohlwend: Miriam Maertens
Netti Salander / Myrrha Glawicz: Franziska Machens
Arnold Salander: Niklas Kohrt
Jacob Weidelich: Miguel Abrantes Ostrowski
Amalie Weidelich: Friederike Wagner
Isidor Weidelich: Patrick Güldenberg
Julian Weidelich: Sean McDonagh
Möni Wighart: Jean-Pierre Cornu
Luis Wohlwend/Pfarrer: Nicolas Rosat

Regie: Stefan Bachmann
Bühnenbild: Hugo Gretler
Kostüme: Esther Geremus
Musik: Till Löffler
Lichtdesign: Ginster Eheberg
Dramaturgie: Thomas Jonigk

Im Netz
www.schauspielhaus.ch


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