“Genius Party” von Atsuko Fukushima u.a.

(Kunst-)Werkschau

“Genius Party” von Atsuko Fukushima u.a.

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Kaum jemand arbeitet härter daran, die formalen Grenzen des Animationsfilms weiter Richtung “Jeeezes, what the?!” zu verschieben als das japanische Studio 4°C. Mit der Kurzfilmsammlung “Genius Party” ist nun unter ambitiösem Namen eine Werkschau des Studios auf DVD erschienen – nicht immer genial, aber durchaus nicht selten “Jeeezes, what the?!”

Von Christof Zurschmitten.

Vor zwei Monaten wurde an dieser Stelle der ebenfalls vom Studio 4°C produzierte “Mind Game” (2004) von Masaaki Yuasa vorgestellt. Der Film sei visuell überragend, so das Urteil, aber im Medium des Langfilms vielleicht schlecht aufgehoben: über 103 Minuten fehlte etwas, was den endlos einfallsreichen Bilderreigen im Innersten hätte zusammenhalten können. Als Antwort darauf gibt es nun “Genius Party”, bei dem im Namen des unterkühlten Studios sieben durchaus sehr unterschiedliche Regisseure ebenso viele und eben so unterschiedliche Kurzfilme präsentieren.

Gibt es bei der regen Produktivität des Studios überhaupt so etwas, wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Nun, es gibt einige wiederkehrende Motive, wie der unablässig aus den Riechorganen naseweiser Strassenkinder sich ergiessende Rotz (prominent präsent in “Tekkon Kinkreet” und nun erneut in den beiden “Genius Party”-Sektionen “Shanghai Dragon”, und in leicht abgewandelter Form, “Deathtic 4”). Eine gewisse Neigung zum Grotesken und Karnevalesken lässt sich selten abstreiten, ist letztlich aber wohl weniger aussagekräftig als – eben, die formale Ebene.

Studio 4°C-Produktionen zeichnen sich demnach aus durch eine Freiheit (die in seltenen Fällen zur Pflicht zu erstarren droht) zur totalen Ausnutzung der Optionen-Palette. Eine Vermählung des Indie-Spirits mit einer eher am Mainstrream orientierten Bildsprache, meint dazu wikipedia. Nahaufnahmen meint dagegen: Die Handzeichnung ist oft das Rückgrat, der Computer darf aber auch gerne unterstützend oder ersetzend eingreifen. Der Einbezug von Realfilm-Bildern ist gerne gesehen, wie auch das Wildern in diversesten Bilderwelten – von der Gesamtgeschichte der US-amerikanischen Trickfilm-Produktion über den Traditionsschatz des Mangas bis hin zu den gemalten Fantastereien des Surrealismus: Erlaubt ist, was gefällt und Mehrwert verspricht. Auch mit der Narration nimmt man es nicht immer so genau – Abstraktion und Assoziation ist ebenso erlaubt wie das gute, alte Geschichtenerzählen. Das Studio 4°C ist quasi, ganz unbescheiden, nichts weniger als Fahnenträger des Bereitsrealisierten und Nochmöglichen der gesamten Welt des Animationsfilms, und “Genius Party” der Katalog dazu.

Durch dieses Dickicht einen begehbaren Pfad der Kritik zu hauen, ist nicht einfach. Zumal einem nur das Wort als Machete bleibt, ein angesichts des wuchernden Stil- und Bilderwustes äusserst ungeeignetes Instrument (wo war noch einmal der Floor mit den zur Architektur tanzenden Hilflosen?). Darum sei halt zur Not der unoriginellste aller Leitfaden ausgerollt: Gehen wir die einzelnen Filme Schritt für Schritt durch.

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Organische Abstraktion

Den Anfang darf Atsuko Fukushima machen mit einer titelgebenden Sequenz, die schon einmal das Imaginationspotential des Publikums testet: zu einem pumpenden Techno-Track explodieren Lebensformen (ein sich selbst an Schnüren zusammen haltendes Vogel-Scheuchen-Wesen, grinsende Herzblumensteine, Mikroorganismen, was auch immer) in immer neue Farben und Formen. Auch wenn die Grenzen zwischen Video-Clip und Kurzfilm hier endgültig verschwimmen: Als energiegeladener Auftakt und Einstimmung in die kommende Explosivität taugt “Genius Party” allemal.

Den direkten Anschluss sucht vor allem Masaaki Yuasas “Happy Machine” – wenn auch später im Film (die Anordnung der einzelnen Filme erscheint einigermassen beliebig, was bei einer derartigen Vielfalt aber wohl kaum zu vermeiden war). Seine Sequenz weist im Gegensatz zu der Fukushimas auch einen klaren Protagonisten auf: Ein Baby, das mit der Transformation seiner Mutter konfrontiert in bizarre Welten abdriftet. Diese Transformation allein ist ein Meisterstück: In Verbindung von Handzeichnung, CGI und Fotografien zerfällt da ein Wesen auf eine Weise, die so beunruhigend originell wie der Erfahrungswelt eines Kleinkindes angemessen ist. Was darauf folgt, nimmt darauf aber kaum mehr Rücksicht: eine Begegnung mit zahlreichen, mal feindlichen, mal freundlichen, mal dazwischen angesiedelten Wesen in einer Welt, die so abstrakt wie organisch wirkt: Nichts vergeht hier endgültig, alle Auflösung (und Ausscheidung) ist immer nur der Anfang von etwas Neuem. “Happy Machine” ist zweifelsohne eines der stärksten Segmente der DVD.

Ebenfalls zum Abstrakten hin neigt Hideki Futamuras “Limit Cycle”, bei dem die Erzählung aber nicht als Geschichte, sondern ganz wörtlich zu nehmen ist: Ein Mann hält einen gut zwanzigminütigen Monolog, der wirkt, als hätte jemand einen Datenbank von Klassikern der Philosophie nach einigen wenigen Schlagwörtern durchsucht, die Ergebnisse durch eine Übersetzungsprogramm gejagt und willkürlich aneinander gereiht: Als “Finde das Zitat”-Spiel für Trinkabende von Philosophiestudenten vielleicht überzeugend, ansonsten aber ermüdend und überlang. Das ist umso mehr schade, als die begleitenden Visuals faszinierend sind: in erneut nahtlosen Übergängen werden durch allerlei Filter gejagte Bilder von Menschen (James Dean! Descartes!), Tabellen, Texte, Fotografien, Zeichnungen, Pläne, Muster, Formen, Farben in einander aufgelöst. Auch diese Ebene wirkt einigermassen kryptisch, im Gegensatz zur begleitenden oralen Verquastheit aber wenigstens seltsam schlüssig.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Und dann sind da noch die eher klassischen Erzählungen: Shinji Kimuras “Deathtic 4”, das mit plastischen, an Tim Burton angelehnten CGI-Bildern und einer obskuren pseudo-skandinavischen Sprache eine sehr stimmige, beinahe kindliche Welt eröffnet – bloss stinkt hier alles nach Tod und Verwesung, die extrem schönen Hintergründe eingeschlossen. Schade nur, dass Kimura mit dieser Welt nicht allzu viel anzufangen weiss und die schwächste Erzählung des gesamten Omnibus-Projekts beisteuert.

“Shanghai Dragon” wiederum darf verstanden werden als Feier der (kindlichen) Fantasie – noch so ein wiederkehrendes Sujet -, aber auch als liebevolle Parodie all der Mecha-, Sci-Fi- und Superhelden-Animes des Samstagmorgen-Programms: Ein Kind – genauer gesagt ein Rotzbengel – wird zur ultimativen Waffe im Kampf gegen ausserirdische Invasoren mittels eines Stifts, der alles, was dem kindlichen Geist einfällt, Wirklichkeit werden lässt. Shoji Kwamori greift auf eine ähnliche Technikpalette zurück wie “Tekkon Kinkreet” und vermählt CGI mit Handzeichnungen, die gelegentlich auch Wachsmalstift-Qualität annehmen darf. Ein hyperkinetischer, ziemlich gelungener Beitrag.

Yoji Fukuyamas “Doorbell” und Shinichiro Watanabes “Baby Blue” schliesslich sind die “realistischsten” und damit auch ruhigsten Sequenzen des gesamten Films, die im allgemeinen tosenden Bildrauschen denn auch ein wenig unterzugehen drohen.

Dies gilt vor allem für “Doorbell”, eine in der Mitte der Party positionierte Parabel, die einigermassen geschickt ein realitätsnahes Setting mit mysteriösen Elementen durchsetzt. Allerdings krankt die Sequenz an einer eher flachen Animation und isolierten kruden Einfällen, die seltsam deplatziert wirken.

Weitaus überzeugender ist da “Baby Blue”, der nicht nur durch eine sehr gelungene Animation mit stimmungsvollen Lichtsetzungen brilliert. Das Setting ist dem von “Doorbell” nicht unähnlich – beide Male geht es um Menschen im Teenage-Alter, die mit Grenzsituationen konfrontiert werden. Aber wo “Doorbell” seiner Schlusspointe nicht viel hinzuzufügen weiss, hat “Baby Blue” Charaktere, deren Beziehung und Geschichte eine Tiefe andeutet, die die 15 Minuten Laufzeit des Films Lügen straft.

“Baby Blue” gelingt damit etwas, das bei vielen Produktionen des Studios 4°C ansonsten nicht einmal sonderlich angestrebt wird – es entlässt einen mit einem Anflug von echter Nostalgie wieder in die Welt da draussen. Echte Emotionen also, jenseits des “Jeeezes, what the?!”. Nicht, dass dies keine echte Emotion wäre – wenn es in solcher Regelmässigkeit und Bestimmtheit kommt wie in “Genius Party”, darf man nach mehr eigentlich auch gar nicht fragen.

Ausstattung
Bei Ton und Bild lassen sich Rapideye wie immer nicht lumpen. Dazu kommen – wie immer – Postkarten, die aber auf ein selten reiches Motivarchiv zurückgreifen können und entsprechend hübsch ausgefallen sind. Auf der Software-Seite gibt’s sonst nicht allzu viele Hintergrundinformationen: Den obligaten Trailer und, als Schmankerl, eine weitere Reihe von Kurzfilmen, “Next Genius” genannt. Diese sind die Gewinner eines anlässlich der Premiere von “Genius Party” ausgeschriebenen Nachwuchswettbewerbs und durchaus sehenswert – natürlich mit weniger hohem Budget ausgestattet und ein bisschen weniger gewagt, aber einfallsreich nichtsdestotrotz.


Seit dem 17. Juli 2009 im Handel.

Originaltitel: Genius Party (Japan 2007)
Regie: Atsuko Fukushima, Shoji Kawamori, Shinji Kimura, Yoji Fukuyama, Hideki Futamura, Masaaki Yuasa, Shinichiro Watanabe
Mit: Animation
Genre: Mind Blowing-Anime
Dauer: 108 Minuten
Bildformat: 1,77:1 (16:9)
Sprachen: Japanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: DD 5.1 (Japanisch), DD 5.1 (Deutsch)
Bonusmaterial: Trailer, Postkarten, Next Genius-Kurzfilme
Vertrieb: Max Vision

Im Netz
Gleich mehrere Trailer tummeln sich im Web. Dort findet man auch gleich Trailer zum Nachfolgeprojekt, “Genius Party Beyond”.


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