“State of Play” von David Yates

Politkrimi am Puls der Zeit

“State of Play” von David Yates

State of Play 1

 Selbst britische Filmkritiker äussern sich bisweilen bissig über Filme aus ihrer Heimat. Das britische Kino tut sich schwer, Filme sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern durchzubringen. Ganz anders hingegen sieht es mit den Fernsehproduktionen der BBC aus. Diese sind in der Regel grundsolide, und werden nicht selten von Hollywood adaptiert. “State of Play” ist das jüngste Beispiel dafür, und noch vor dem US-Remake gibt es nun das Original auf DVD.

Von Lukas Hunziker.

Zwei Todesfälle, zwischen denen es scheinbar keinen Zusammenhang gibt, führen den jungen Journalisten Cal McCaffrey auf die Spur eines Polit- und Wirtschaftsskandals. In einem Hinterhof werden ein junger Schwarzer und kurz darauf ein Pizzalieferant, welcher unfreiwilliger Zeuge wurde, erschossen. Fast zur selben Zeit stirbt Sonia Baker, eine Mitarbeiterin des aufstrebenden Umweltpolitikers Stephen Collins, auf den Schienen der Londoner U-Bahn – angeblich ein Selbstmord. Zuerst scheinen beide Fälle nur mässig interessant, bis Stephen Collins an der Pressekonferenz die Fassung verliert und zu weinen beginnt. Der Doppelmord wird von der Presse links liegen gelassen, da man in Collins Tränen einen Affärenskandal wittert. McCaffrey, Journalist für “The Herald”, rät bei der Redaktionssitzung als einziger dazu, sich nicht auf schmuddelige Spekulationen über Collins Sexleben einzulassen, da er Collins und dessen Frau von früher kennt.

Bösewicht Erdöl-Lobby

Bis zu diesem Punkt folgte das Hollywoodremake mit Russel Crowe der BBC-Serie, begann dann jedoch ein eigenes Netz aus Verschwörungen und Skandalen zu spinnen. Der amerikanische Cal McAffrey deckt in der Kinoversion von “State of Play” die Machenschaften amerikanischer Sicherheitsfirmen auf, welche ihr Geld mit privaten Einsätzen in Kriegsgebieten verdienen. Der britische Cal McCaffrey hingegen kommt im Laufe seiner Untersuchungen von Sonia Bakers angeblichen Selbstmord und dem Mord am jungen Schwarzen, für den bald nur noch er sich interessiert, der Öllobby auf die Spur, welcher der radikale und unkäufliche Abgeordnete Collins ein Dorn im Auge ist. Was der fünfstündigen BBC-Serie weit besser geling als dem zweistündigen Kinofilm, ist die Verdeutlichung der Zusammenhänge zwischen Politik, Wirtschaft, und – der Presse.

Die schwindende Macht der vierten Gewalt

Obwohl es der BBC-Serie weniger als dem Kinofilm darum geht, der Druckpresse die (vielleicht letzte) Ehre zu erweisen, stellt auch sie die Frage nach der Rolle der Presse im 21. Jahrhundert. “State of Play” spielt in einer Welt, in welcher die Wahrheit und die öffentliche Meinung von Grossunternehmen und Lobbies geformt und beeinflusst werden. “The Herald” steht nach dem Abschluss von McCaffreys Ermittlungen vor dem Dilemma, dass er eine sensationelle Story hat, ein Meisterstück des investigativen Journalismus, welches seine Geldgeber ihm jedoch nicht erlauben, zu drucken. Damit stellt “State of Play” letztlich die Frage, ob es die vierte Gewalt denn überhaupt noch gibt, oder ob sie zum Sprachrohr gewinnsüchtiger Unternehmen geworden ist, welche die Publikation unbequemer Wahrheiten jederzeit verhindern können.

Simms vor Crowe, McDonald vor McAdams

“State of Play”, sowohl die Serie als auch der Kinofilm, ist am Puls der Zeit und führt brandaktuelle Themen und Fragen in einem spannenden Politkrimi zusammen, in welchem die Presse die Helden stellt. So gut jedoch die Kinoadaption gemacht ist, an die BBC-Serie kommt sie nur in ihren besten Momenten heran. David Yates’ 300-Minuten-Serie kommt zugute, dass sie sich für ihre Figuren und ihre relativ komplexe Geschichte genügend Zeit nehmen kann, Zeit, welche ein Kinofilm nicht hat. Während Russel Crowe auf der Leinwand mehr die Karikatur eines Journalisten spielt, formt John Simm Cal auf dem Bildschirm zu einer komplexen, interessanten Figur, einem Helden mit Makeln. Auch Crowes Leinwandpartner Rachel McAdams und Ben Affleck stehen im Schatten von Kelly McDonald und David Morrissey, welche in der BBC-Serie brillieren. Wem der Kinofilm also gefallen hat, dem sei die BBC-Serie herzliche empfohlen, wem der Kinofilm nicht gefallen hat, dem erst recht.

Austattung

Die DVD kommt, kaum überraschend, ohne Bonusmaterial daher. Weitaus frustrierender ist allerdings, dass keine Untertitel anwählbar sind, was es Zuschauern ohne sehr gute Englischkenntnisse fast unmöglich macht, die Serie in der Originalfassung zu schauen. Diese ist weitaus lebendiger als die eher müde deutsche Synchronfassung, wegen der zahlreichen Dialekte und der Umgangssprache jedoch anspruchsvoll. Schade.


Seit dem 28. August 2009 im Handel.

Originaltitel: State of Play (Grossbritannien 2003)
Regie: David Yates
Darsteller: John Simms, Kelly MacDonald, David Morrissey, Bill Nighy, James McAvoy
Genre: Thriller
Dauer: 300 Minuten
Bildformat: 1,78:1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
CH-Verleih: Impuls

 

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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