Der Zufall ist nicht immer gerecht

4, 22, 15, 45, 6, 21*

Der Zufall ist nicht immer gerecht

Die Ziehung der LottozahlenDie Ziehung der Lottozahlen

Der Zufall ist unser ständiger Begleiter – auch im Alltag, wenn wir nicht daran denken. Doch unser Gehirn hat Mühe, den Zufall zu erkennen und sieht Muster, wo es keine gibt. Und es gaukelt uns so vor, wir hätten die vollständige Kontrolle über unser Leben.

Von Martin Geiser

Bei der Ziehung der Lottozahlen ist alles immer genau gleich. Immer die gleichen Kugeln in der gleichen Maschine. Und dennoch: die Kugeln, die schliesslich am Ende herausfallen, zeigen fast immer eine andere Zahlenkombination. Welche Zahlen, einen oder mehrere Lottospieler zu Millionengewinnern machen, ist trotz den immer gleichen Gesetzen der Physik dem Zufall überlassen.

Der Grund dafür: Die Kugeln in der Lottomaschine liegen eben doch nicht jedes mal ganz genau gleich. Mal befindet sich Kugel 22 einen hundertstel Millimeter weiter rechts, mal liegt vielleicht ein winziges, nicht sichtbares Staubteilchen auf der Kugel mit der Nummer 15. Bereits winzige Veränderungen der Anfangsbedingungen führen, wenn die Kugeln dann in der Maschine tanzen und die physikalischen Kräfte aufeinander wirken, zu völlig andern Ergebnissen.

Alltäglicher Zufall

Auch wenn das Leben keine Lottomaschine ist – manchmal geht es uns Menschen wie den Kugeln bei der Ziehung der Lottozahlen. Wenn wir zielstrebig einen Weg einschlagen, ist doch dessen exakter Verlauf oft zufällig. Denn er wird, zum Beispiel in einer belebten Stadt, beeinflusst von zahllosen Faktoren, wie anderen Menschen, Ampeln, einem Schaufenster, oder dem Wetter. So kann es kommen, dass wir zufällig einen alten Freund treffen oder Dinge beobachten, die uns auf neue Ideen bringen.

Solche Situationen reihen sich im Leben nahtlos aneinander. Doch bewusst wird uns dies selten. Denn auch dort, wo der Zufall regiert, gaukelt das Gehirn uns Muster vor. „Einer der Hauptgründe, warum wir Zufallsereignisse fehldeuten, ist unser Bedürfnis, Kontrolle auszuüben“, schreibt der Physiker Leonard Mlodinow, Professor für Wahrscheinlichkeitsrechnung am California Institute of Technology in Pasadena. Am grossen Einfluss des Zufalls hat unser Gehirn hart zu beissen.

Und so baut es die Illusion auf, wir hätten alles im Griff. Nach einem erfreulichen Arbeitstag klopfen wir uns lieber innerlich auf die Schulter, als zuzugeben, dass der gelungene Kundenkontakt vielleicht auch nur die Folge vieler kleiner Zufälle war. Der Vorteil: Dies motiviert uns, weiterzumachen, wenn wir erfolgreich waren. Doch diese Illusion hat auch Nachteile.

Das Schnellgericht im Kopf

Ein paar Misserfolge einer Sportmannschaft in Folge und wir schliessen daraus, sie habe diese Saison keine Chance. Aus ein paar schlechten Resultaten eines Tennisspielers schliessen wir, seine Karriere habe den Höhepunkt überschritten. Dabei hatten die Sportler vielleicht bloss Pech. Und weil unser Hirn ein schlechter Statistiker ist, glauben wir, es liege an deren Fähigkeiten.

Die Tatsache, dass wir intuitiv schlecht in Statistik sind, hilft auch beim Aufbau von Vorurteilen. Dazu benötigt unser Gehirn bloss ein paar Begegnungen mit Menschen einer bestimmten Gruppe wie Ärzten, weiblichen Teenagern, oder Schotten, die alle – zufälligerweise – ähnlich verlaufen. Und es kommt noch schlimmer. Weitere Begegnungen oder Berichte von Leuten, die jene Menschen getroffen haben, werden vom Gehirn selektiv verarbeitet. Und zwar so, dass alles, was unser Urteil bestätigt, stärker wirkt, als dasjenige, was uns widerlegen würde.

Erfolg und Zufall

Eine weitere Fehlinterpretation passiert uns, wenn wir den Erfolg von Menschen beurteilen. Wir schätzen Leute als fähiger ein, wenn sie mehr verdienen. Dies zeigte ein Experiment aus den 1960er Jahren von Melvin Lerner, einem amerikanischen Sozialpsychologen. Er gab einem Publikum vor, hinter einem Vorhang lösten zwei als genau gleich qualifiziert beschriebene Männer ein Buchstabenrätsel. In Wahrheit lasen die Beiden zwei ausgeglichene, von Lerner verfasste Texte vor.

Leider könne er, so behauptete Lerner, nur einen der beiden Männer für seine Mühen entschädigen. Er nannte dem Publikum einen der Männer und befragte es, wer denn seine Arbeit besser gemacht habe. Die Zuhörer waren zu 90% überzeugt, dies wäre der Mann, der für seine Arbeit Geld erhalten hatte.

Auch wer per Zufall reich und berühmt wird, dem trauen wir, zumindest unbewusst, besondere Fähigkeiten zu. Dabei hatte diese Person vielleicht bloss Glück. Nicht jeder der Erfolg hat, ist automatisch talentierter als andere. Leonard Koppett, sagte beispielsweise in den 1980er und 90er Jahren voraus, ob die Aktienkurse in einem Kalenderjahr fallen oder sinken würden. Mit seinen Prognosen war er sehr erfolgreich: in 18 von 19 Jahren lag er richtig.

Er hätte berühmt und reich werden können, doch dann enthüllte der Kolumnist einer amerikanischen Sportzeitung, dass er die Börsenkurse schlicht mit Hilfe der Resultate des Super Bowls errechnet hatte.

Mlodinow zieht daraus den Schluss: „Wir sollten Menschen mehr aufgrund ihrer Fähigkeiten behandeln und nicht aufgrund ihres Erfolges.“


Literatur

Leonard Mlodinow (2009), Wenn Gott würfelt, oder wie der Zufall unser Leben bestimmt, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel: The Drunkard’s Walk, How Randomness Rules our Lives.

Cordelia Fine (2007), Wissen Sie, was ihr Gehirn denkt?, Spektrum akademischer Verlag Heidelberg.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel: A Mind of Its Own, How Your Brain Distorts and Deceives.


Links

Schweizer Zahlenlotto: www.swisslotto.ch

Zufälliger Artikel bei Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Spezial:Zufällige_Seite

* Aus Anlass dieses Artikels hat der Autor mit diesen Zahlen am vergangenen Samstag (3.10.09) Lotto gespielt. Die Zahlenkombination kam aufgrund verschiedener, nicht nachvollziehbarer neurobiochemischer Prozesse in seinem Gehirn zustande. Die Lottomaschine von Swisslotto spuckte jedoch die Kugeln mit den Nummern 44, 30, 36, 20, 11, 15 aus.

Ein Gedanke zu „Der Zufall ist nicht immer gerecht

  • 28.06.2010 um 19:29
    Permalink

    Hallo
    Ok , das die Kugeln in der Lottotromme div. anderst liegen könnten hatte ich mir noch nie überlegt , dennoch habe ich herausgefunden das bei einem warmen Umfeld, (sommer ,winter) die kugeln ,aufgrund ihrer masse (die zahl 4,8,9.3, ) häufiger vorkommen , wegen dessen gewicht bei warmen wetter bzw umfeld , der lack der Zahl auf der Kugel besitzt auch eine dichte und gewicht somit denke ich das tiefe zahlen ( 1,2,7,) seltener dran kommen , da die zahl nicht dick aufträgt.
    Dennoch bleibt auch bei schweren zahlen eine hohe wahrscheinlichkeit das diese in gewünschter reihenfolge gezogen werden .
    Fazit : es wiederspricht sich ein wenig .
    mfg

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