Martin Walker: „Bruno – Chef de Police“ (Kriminalroman )

Fertig Idylle – zum Glück!

Martin Walker: „Bruno – Chef de Police“ (Kriminalroman )

Pure Idylle. Dann ein Mord. Und es wird spannend. Und dann interessiert man sich plötzlich sogar für den Gutmenschen Bruno. Martin Walker lässt im Roman über Brunos ersten Fall eine grausam zugerichtete Leiche in eine fast unglaubwürdige Idylle platzen.

Von Sandra Despont.

brunochefdepoliceAm Anfang ist alles gut. Benoît Courrèges, von allen Bruno genannt, der Dorfpolizist des 2900-Seelendorfs Saint-Denis, führt ein beschauliches Leben, in dem das Aufregendste der beharrliche Kampf gegen die EU und deren absurden Richtlinien für die Landwirtschaft ist. Die Marktleute vor den EU-Inspektoren zu warnen und redegewandt auch mal einen Immigrantenjungen, der eine Kartoffel im Auspuff des Autos der Inspektoren platziert hat, aus dem Schlamassel zu holen, gehört zu Brunos täglichen selbst verordneten Pflichten und Freuden. Doch dann wird die Idylle durch einen brutalen Mord getrübt.

Tod eines Harki
Der alte Hamid, Immigrant und Algerien-Veteran, dessen Familie von allen geschätzt und geachtet wird, ist brutal ermordet worden. Und überraschenderweise scheint der Mord rassistisch motiviert gewesen zu sein, denn auf die Brust des Alten ist ein Hakenkreuz eingeritzt. Sofort schalten sich die örtliche Gendarmerie und die Police Nationale ein. Die Spurensuche führt in das Milieu der Neonazis, denn wer sonst könnte schon einen Harki, einen Algerier also, der an der Seite der Franzosen gekämpft hat, und Träger des croix de guerre töten wollen? Doch Bruno mag nicht so recht an Rechtsextremisten in Saint-Denis glauben und ermittelt auf eigene Faust. Mit Hilfe der zugezogenen Britinnen, der ehrgeizigen Inspectrice Isabelle Perrault und seiner durch nichts zu ersetzenden Ortskenntnis macht er sich daran, den wahren Grund für die Ermordung Hamids herauszufinden. Und er merkt bald, dass er dafür in der Vergangenheit Hamids wühlen und bis in die Zeit der Résistance zurückgehen muss. Was er endlich herausfindet, ist dann um einiges interessanter als der xte rassistisch motivierte 0815-Mord und tut der walkerschen irgendwie allzu nett und beschaulich geratenen Dorfidylle nur gut.

Kratzen am Lack
Anfangs sträubt sich alles in einem. Bruno ist irgendwie zu attraktiv (er ist der Frauenschwarm von Saint-Denis) und zu nett, die Landschaft zu bezaubernd, die Franzosen zu aufrecht, die Immigranten zu integriert, das Dorfleben zu geputzt, die Abneigung der EU gegenüber und der bauernschlaue Kampf gegen sie zu klischiert und erfolgreich, um wahr zu sein. Man dreht das Buch um und, aha, Martin Walker kommt aus Schottland, ist Journalist, war vor allem in Grossbritannien und den USA tätig, lebt heute aber auch im Périgord. Schönschön, als quasi Tourist kann man da ja alles niedlich finden, denkt man. Nach den ersten vierzig Seiten ist man eigentlich bereit, den Roman wegzulegen. Doch dann passiert endlich, und zum Glück, der Mord. Und nun wird es langsam interessant. Oder zumindest interessanter. So richtig spannend wird „Bruno – Chef de police“ allerdings nie. Wer Krimis mag, die sich vor allem durch spektakuläre, blutige Verbrechen und atemberaubende Verbrecherjagden auszeichnen, soll Walkers Roman also besser fern bleiben. Für alle anderen sei gesagt, dass Walker immerhin ein bisschen an dem Lack seiner Dorfidylle kratzt, und das ist gut so, denn sonst wäre die Geschichte um Bruno endgültig in die Unglaubwürdigkeit abgedriftet. Auch so wird man den Verdacht nicht los, dass in dieser ländlichen Idylle vieles irgendwie zu liebenswürdig, zu klischeestrotzend bleibt und eher in eine Tourismuswerbung als in einen Roman des 21. Jahrhunderts passt.

Bruno, der etwas simple, durch und durch gutartige Dorfpolizist, schleicht sich einem bis zuletzt trotzdem irgendwie ins Herz. „Bruno – Chef de police“ ist merklich auf eine Fortsetzung angelegt. Da sind Brunos romantischen Anwandlungen, seine Vergangenheit als Soldat auf dem Balkan und auch das ganze Panorama an Dorfbewohnern, das hier prägnant skizziert wird. All dies könnte, sollte und wird wohl in weiteren Bruno-Romanen eine Rolle spielen. Es bleibt dabei zu hoffen, dass Bruno als Figur und das Périgord als Umgebung etwas mehr Profil, Ecken und Kanten gewinnen. Sonst wird die Idylle, die nicht mal so richtig trügerisch genannt werden mag, irgendwann nur noch für ausgewachsene Eskapisten und EU-Gegner erträglich.

Diogenes
352 Seiten, ca. CHF 35.90


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.