Sven Regener “Herr Lehmann“ (Schlachthaus Theater Bern)

Die 80er in Berlin

Sven Regener “Herr Lehmann” | Schlachthaus Theater, Bern | 14.10.2009

SvenRegenerHerrLehmann

Pünktlich zum dreissigjährigen Jubiläum des Mauerfalls bringt das Schlachthaus Theater zusammen mit mammagena theaterproduktion einen der bekanntesten Romane, der dieses Ereignis thematisiert, auf die Bühne.

Von Lisa Letnansky.

Sven Regeners „Herr Lehmann“ für viele seiner Leser das, was man sich unter einem Freigeist der 80er Jahre gerne vorstellt. Er lebt für den Tag, nicht für die Zukunft, geniesst seine Freiheit ausgiebig und wirft gerne und viel mit alltagsphilosophischen Weisheiten um sich. Trotzdem ist auch er eine zerrissene Figur. Seiner Freundin wirft er bereits am ersten Abend das „Ich liebe dich“ an den Kopf und in Gedanken erwägt er bereits die Möglichkeit einer Familiengründung; er möchte eigentlich locker und lässig wirken, hasst es aber, wenn ihn seine Bekannten „Herr Lehmann“ nennen und gleichzeitig duzen und spricht dies auch lautstark aus. Seine Geschichte ist eigentlich eine alltägliche und unspektakuläre, aber dank Regeners Komik und dem Charme, mit dem er seine Figuren umhüllt, wurde der Roman wie auch Leander Haußmanns Verfilmung ein voller Erfolg.

Literatur und Lyrics
Die Idee, Herrn Lehmanns Geschichte nun auf die Bühne zu bringen, ist daher auch vollends nachzuvollziehen, vor allem, da es nicht nur ein blosser Abklatsch der Story werden sollte, sondern diese um eine weitere Komponente erweitert wurde: Im Schlachthaus gibt sich „Herr Lehmann“ als Musiktheater, zwischen den einzelnen Szenen werden Songs von Sven Regeners Berliner Kultband „Element of Crime“ gespielt. Die Zusammenführung der Lyrics und des Romans aus gleicher Feder ist ein grosses Vorhaben, das sich als durchaus anregend erweist, auch wenn die musikalischen Texte mit den vor- und nachfolgenden Szenen thematisch und stimmungsmässig nicht immer ganz harmonisch sind.

Ein toller Einfall
Umso stimmiger ist dafür die Bühnenkonzeption gelungen. Auf einer etwas erhobenen Bühne stehen die Instrumente, und ein kleiner Laufsteg geht davon ab in Richtung der Zuschauer; darauf findet der Grossteil der Geschichte statt. Daneben sind einige kleine Tische platziert, zusammen mit einer winzigen Bar. Herr Lehman ist von Beruf Barkeeper in einer Kneipe namens „Einfall“, und da er auch in seiner Freizeit gerne mal ein Bierchen trinkt, kann man diese Umgebung ohne Weiteres als sein zweites Wohnzimmer betrachten. Ausser dem Personaltischchen sind die anderen Plätze für das Publikum bestimmt. So können einige der Zuschauer die Geschehnisse aus nächster Nähe, sozusagen auf der Bühne selbst miterleben und die Theatergruppe hat sich einige Statisten gespart.

Schauspielernde Musiker
Auf der Bühne halten sich Musik und Schauspielerei die Waage. Aber die meisten der Darsteller sind in erster Linie Musiker und erst in zweiter Schauspieler, und das merkt man manchmal leider auch. So vermag es der Berner Singer Songwriter Trummer zwar, den Lebemann und Freizeitphilosophen Frank Lehmann richtig charismatisch rüberzubringen, wirkt dabei aber immer etwas unsicher; mit der Gitarre in der Hand und dem Mikrophon vor dem Gesicht ist er dann wieder ganz Profi und in seinem Element. Ganz anders verhält es sich mit Rolf Johannsmeier, der sich die Rolle Karls, Herrn Lehmanns bestem Freund, quasi einverleibt hat und für die komischsten Momente des Stücks sorgt.

Berner Spezialitäten
Die Geschichte Herrn Lehmanns dürfte einem Grossteil der Zuschauer bereits vom Buch und/oder Film bekannt sein; sie aber nochmals mit einem eigenen Soundtrack zu erleben, lockt viele Personen ins Theater. Dass Herr Lehmann diesmal nicht aus Bremen, sondern aus Bern stammt und ein Teil der Lieder und des Textes ins Berndeutsche übertragen wurde, macht einen weiteren Reiz aus. Schade ist nur, dass es dabei auch geblieben ist; ausser der sprachlichen Adaption wurden keine weiteren „Berner Spezialitäten“ beigemischt und auch sonst fehlt die Interpretation. Der Text und die Geschichte wurden so zwar nicht weiterentwickelt oder umgedeutet, dafür aber angenehm musikalisch umrahmt.


Besprechung der Premiere am 14. Oktober 2009

Weitere Aufführungen: 15.-18. Oktober 2009


Besetzung
Christoph Trummer
Carmen Riha
Rolf Johannsmeier
Evelyn Scheiben
Michael Wyder
Robert Aeberhard

Inszenierung: Rolf Johannsmeier
Musikalische Leitung: Trummer, Robert Aeberhard
Bühne und Kostüme: Renate Wünsch
Produktionsleitung: mammagena theaterproduktion
Songs: Sven Regener/Element of Crime, Trummer
Stückfassung: Rolf Johannsmeier, Carmen Riha, Trummer

Im Netz
www.schlachthaus.ch
www.trummeronline.ch

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