Über den Plakatextremismus der Schweizer Rechten

Der ewige Muslime

Über den Plakatextremismus der Schweizer Rechten

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Erneut sorgt ein Wahlplakat für rote Köpfe. Für das Minarettverbot in der Schweiz wird geworben, indem man eine ganze Religion auf jene extremistischen Randgruppierungen reduziert, welche der grossen Mehrheit der Muslime weltweit verhasst sind. Verallgemeinerungen dieser Art sind gefährlich und erinnern an Propaganda, von der wir glaubten, wir hätten sie hinter uns.

Von Lukas Hunziker

Der Vergleich zwischen einem der bekanntesten antisemitischen Plakate des Nationalsozialismus und jenem, welches die SVP an Schweizer Plakatwänden sehen will, mag gewagt sein. Ganz abwegig hingegen ist er nicht. Denn beiden  liegt die Dämonisierung eines Teils der Bevölkerung zugrunde, den man als anders, als schädlich und als gefährlich betrachtet. Beide Plakate beruhen auf Klischees, auf Vorurteilen, bezeugen, wie verengt die Wahrnehmung jener geworden ist, welche Juden bzw. Muslime anfeinden. Der Jude und die vermumte Muslimin, beide stehen sie für eine Sorte Mensch, die unerwünscht ist, die verdirbt und deren Ausbreitung im Keim erstickt werden muss.

Weder die Juden noch die Muslime tragen Schuld an jener Stigmatisierung, für welche die beiden Plakate grausige Zeitzeugen sind. Beide Bevölkerungsgruppen wurden von anderen zu dem gemacht, was sie in der Propaganda gegen ihresgleichen verkörpern. Das Klischee des geizigen jüdischen Geldleihers gebaren die Christen im Mittelalter. 1236 erliess Kaiser Friedrich II. ein Gesetz, welches Juden so hohe Abgaben auferlegte, dass sie gezwungen waren, jene Wucherpreise zu verlangen, welche ihnen den Vorwurf des Geizes und des Betrugs eintrug. Hätten die Christen die Juden nicht über Jahrhunderte aus handwerklichen Berufen ausgeschlossen und in die Rolle der unbeliebten Geldgeber gedrängt, wäre es vielleicht nie zum Plakat des ewigen Juden gekommen.

Bomben und Burkas

Auf den Muslimen, welche von den heuchlerischen Schweizer Christkonservativen als Gefahr für ihr Land betrachtet werden, lastet ein weitaus jüngerer Fluch. Zwar litten auch sie lange unter Diskriminierung und Ausgrenzung europäischer Christen, doch gipfelten diese nie in jenem Rassenhass, welcher Ende des 19. Jahrhunderts über die Juden herein zu brechen begann. Zu verdanken hat der Islam seinen schlechten Ruf vielmehr jenen radikalen Gruppierungen, welche die Terroranschläge der letzten 10 Jahre zu verantworten haben. Sieht man von den Todesopfern ab, sind die wahren Opfer der Anschläge vom 9. September 2001 jene Muslime – zwischen 1,1 und 1,6 Milliarden weltweit – für die Terror nicht mit den Lehren des Islams vereinbar ist.

Nicht nur der islamische Terrorismus – auf dem Plakat der Initiative dargestellt durch die wie Raketen aufgereihten Minarette – hat dem Islam zu seinem Ruf verholfen. Die eine Burka tragende Frau steht für den Vorwurf des Westens, Frauen seien im Islam jegliche Freiheiten und Recht verwehrt und die Verschleierung des Gesichtes zeige ihre Unterwerfung gegenüber dem Mann. Zweifelsohne gibt es weltweit viele Frauen, die sich durch islamische Kleidungsvorschriften in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Allerdings ist die auf unserem Plakat abgebildete Burka die deutlich extremste Form der Verschleierung im Islam, und gründet auf einer Auslegung des Koran, welche nur von einer Minderheit getragen wird. Zudem darf nicht vergessen werden, dass viele der Frauen, die eine Burka oder eine andere Art der Kopfbedeckung tragen, diese nicht ablegen würden, selbst wenn sie ihnen nicht mehr vorgeschrieben wäre. Für viele gehört der Schleier ebenso zur Kleidung wie für uns Schuhe, doch für die Akzeptanz anderer Kleidungsgewohnheiten sind die Initianten der schweizerischen Anti-Islam-Initiative zu engstirnig. Dass auch im Christentum und im Judentum Schleier lange zur weiblichen Kleidung gehörten, und das offen getragenes Haar auch in Europa bis vor nicht allzu langer Zeit mit schändlicher Lebensführung in Verbindung gebracht wurde, wird ebenso gerne verdrängt.

Sekten ja, Weltreligion nein

Islamische Extremisten, welche die Christen hassen und von ihrem Land und Boden vertreiben möchten – davon dürfte es in der Schweiz sehr, sehr, sehr wenige geben, und der Wunsch, ein Minarett zu bauen, kommt kaum von ihnen. Die Angst jedoch, welche gerade durch Plakate wie jenem der SVP geschürt wird, reicht scheinbar, um eine ganze Religion zum Feind zu erklären und ebenso auf einen einzigen Typen zu reduzieren, wie dies die Nazis mit dem Plakat “Der ewige Jude” taten. Christlichen Sekten und radikalen Freikirchen, deren Gedankengut oft viel mittelalterlicher und gemeinschaftsschädigender ist, stehen in der Schweiz Tür und Tor offen. Extremistische Randgruppen innerhalb unserer eigenen Religion geniessen bei uns alle Freiheiten, eine Weltreligion hingegen wollen wir in der Ausübung ihres Glaubens behindern. Zu was für einem Vorbild macht uns das für jene Staaten, welche dasselbe tun? Staaten, die wir gerade deswegen verurteilen.

Die in den 1930er Jahren in Europa lebenden Juden waren keine Gefahr für das damalige Deutschland – sie waren Opfer einer über Jahrhunderte andauernden Diskrimierung, die ihresgleichen sucht. Die Mehrheit der Deutschen liess sich davon kaum beeindrucken und glaubte der nationalsozialistischen Propaganda. Für sie waren die Juden eine Bedrohung, der Grund für alles, was schief lief, und das verlangte nach einer Konsequenz. Wie die politisch stärkste Partei der Schweiz dieselben Mittel verwenden kann wie die damalige politische Führung in Deutschland, obwohl wir seit über 60 Jahren an Schweizer Schulen lernen, dass dies damals zu einem der schwersten Verbrechen gegen die Menschheit geführt hat, entbehrt jeder vernünftigen Erklärung.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Plakaten. Die deutschen Juden konnten ihrer Stigmatisierung nicht entkommen, indem sie ihrer Religion entsagten und sich eine andere Garderobe zulegten. Sie wurden als Angehörige einer minderwertigen Rasse gesehen, und diese liess sich nicht ablegen. Diesen Unterschied gibt es. Aber es ist der einzige.


Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Ein Gedanke zu „Über den Plakatextremismus der Schweizer Rechten

  • 28.07.2011 um 20:35
    Permalink

    Mann sollte sich nicht so verdecken das gesicht sollte frei bleiben!!

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