Nikolaj Gogol “Der Revisor“ (Schauspielhaus, Zürich)

Menschliche Abgründe

Nicolaj Gogol “Der Revisor“ | Schauspielhaus, Zürich | 30. Oktober 2009

Foto|Copyright: Matthias Horn
Foto|Copyright: Matthias Horn

Sebastian Nübling bringt Gogols Der Revisor (1836) nach Zürich. Obwohl der Klassiker bereits mehr als 150 Jahre alt ist, hat er keinesfalls an Aktualität eingebüsst. Das laute, groteske und überzeichnete Stück zeigt ein breites Repertoire an ausschliesslich negativen Reaktionen auf die Angst, kontrolliert und erwischt zu werden.

Das Stück sorgt gleich zu Beginn für Aufruhr. Nachdem Santanas Stück “Samba Pa Ti”, in gewisser Weise die Ruhe vor dem Sturm, zum zweiten Mal eingespielt worden ist, geht es hektisch zu und her. Der Stadtpräsident (Michael Neuenschwander) ruft sämtliche Amtsinhaber – die sich im Saal unter die Zuschauer gemischt haben –  zusammen, weil das Gerücht umgeht, ein Revisor besuche die Stadt. Alle gestikulieren wild durcheinander, geben wichtigtuerische Befehle und schreien in ihre Handys. Und zeigen dabei ein erstes Mal, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.

“Absolutely satisfied
Sämtliche Leute mit Rang und Namen haben Dreck am Stecken. Der Schulinspektor genauso wie der Postdirektor, der Richter oder der Direktor der Krankenhäuser. Bestechung und Veruntreuung von Geldern sind die Regel. Doch die Parole ist klar, die einzige gültige Antwort auf mögliche Fragen des Revisors lautet: “We are absolutely satisfied.” Die korrupten Stadtbewohner versuchen, den Revisor für sich einzunehmen und schrecken auch vor Bestechung nicht zurück. Dabei zeigen sie ein breites Repertoire an Emotionen: Unterwürfigkeit, Selbstmitleid, Aggression, Korruption und Denunziantentum. Der Stadtpräsident drängt ihm sogar seine eigene Tochter (Franzsika Machens) zur Heirat auf. Der abstossende “Revisor” (Matthias Bundschuh) spielt gierig mit und bereichert sich, wo er nur kann.

Bild|Copyright: Matthias Horn
Bild|Copyright: Matthias Horn

Kein Lerneffekt
Und wie im wahren Leben so oft, ziehen die Amtsinhaber keine Lehren aus ihren Fehlern: Als der Fall auffliegt und klar wird, dass der vermeintliche Revisor vielmehr eine Projektion der eigenen Ängste war, sucht man sofort einen neuen Schuldigen. So werden die einzigen Unbestechlichen, die Brüder Dobtschinskij und Bobtschinskij (herrlich: Victor Calero und Tim Porath), am Schluss von den übrigen Stadtbewohnern gar noch verprügelt, weil sie das Gerücht des Revisors in Umlauf gebracht haben. So bleibt einem das Lachen manchmal im Hals stecken.

Bitterböse Komödie
Ein Highlight des Stücks sind zweifelsohne die Brüder Dobtschinskij und Bobtschinskij. Sie begeistern mit ihrer Zungenfertigkeit und ihrem perfekt aufeinander abgestimmten Timing. “Der Revisor” ist eine bitterböse Komödie über menschliche Heuchelei. Weiter erreicht das Stück keine besondere Tiefgründigkeit.

Besprechung der Aufführung am 30. Oktober 2009.
Dauer: 1 h 40 Minuten
Weitere Vorstellungen: 5., 10., 16., 21., und 27. November.

Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Rainer Küng
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Regieassistenz: Mélanie Huber
Bühnenbildassistenz: Georg Keller, Barbara Pfyffer
Kostümassistenz: Eva Krämer
Hospitanz: Claudia Kobler, David Koch
Inspizienz: Irene Herbst
Soufflage: Gerlinde Uhlig Vanet

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

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