“Hunger” von Steve McQueen

Hungern gegen Unterdrückung

“Hunger” von Steve McQueen

Hunger 1

1981 traten im nordirischen Hochsicherheitsgefängnis Maze Prison mehrere inhaftierte IRA-Kämpfer in den Hungerstreik. Zehn von ihnen hungerten sich zu Tode. Steve McQueens “Hunger” folgt einem der bekanntesten Häftlingen, Bobby Sands, in diesen grausamen Tod, und zeigt in eindringlichen Bildern, dass Thatchers Grossbritannien sein eigenes Guantanamo hatte.

Von Lukas Hunziker.

Dem britischem Künstler und Regisseur Steve McQueen – nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Schauspieler gleichen Namens, den wir aus Filmen der 60er und 70er Jahre kennen – gelang mit “Hunger” ein aussergewöhnliches Erstlingswerk. Eigentlich ein Videokünstler und Fotograf nahm er sich mit “Hunger” einem Spielfilm an, der sich keinen Deut um die Konventionen des modernen Kinos schert. “Hunger” lässt seine Hauptfigur erst kurz vor der Mitte des Films auftreten und hat praktisch nur einen nennenswerten Dialog, der dafür 22 Minuten dauert und am Stück gedreht wurde. Für Hauptdarsteller Michael Fassbender (zuletzt zu sehen in “Inglorious Basterds”) war dies jedoch nicht die einzige Herausforderung; um der verhungernden Sands überzeugend spielen zu können, verlor der deutsch-irische Schauspieler über 20 Kilo Gewicht. Gelohnt hat sich das aber auf jeden Fall.

Terroristen oder Freiheitskämpfer?

Der Film beginnt mit zwei Händen, die unter Schmerzen in ein gefülltes Lavabo getaucht werden. Es sind die Hände eines Gefängniswärters, und sie schmerzen von den Körpern der widerspenstigen Insassen, auf deren Haut und Knochen sie täglich treffen. Es sind Hände, die Zeugnis ablegen über einen Umgang mit Häftlingen, der grausam ist, gefühllos, verständnislos. Die Häftlinge – in den Augen der britischen Regierung Terroristen, in den Augen der IRA und ihrer Sympathisanten Patrioten – fristen ihr Dasein in dreckigen, winzigen Zellen. Ganz ohne Kontakt zur Aussenwelt sind die politischen Gefangenen jedoch nicht – in den Körperöffnungen ihrer Damenbesuche versteckt finden kleine Briefchen ins Gefängnis hinein und wieder hinaus, so dass der Widerstand auch hinter Gittern weitergeht.

Goldene Kamera für einen Meisterdialog

Einer der Gefangenen, Bobby Sands, gehört zu den bekanntesten Insassen und ist bis heute einer der gefeierten Helden der IRA. Als unerschrockener, unnachgiebiger Rebell wird er eingeführt, als einer jener Gefangenen, der auch dann nicht vor den Wachen kuscht, wenn dies bedeutet, dass er alle Gewalt zu spüren bekommt, zu der diese fähig sind. In einer 22minütgigen Szene, die ohne Schnitt gedreht wurde und auf die sich Michael Fassbender und Leinwandpartner Liam Cunningham tagelang intensiv vorbereitet haben, kündigt er einem der Gefängnisprediger einen Hungerstreik an. Das Gespräch zwischen den beiden ist der klare Höhepunkt des Films und wohl einer der Gründe, warum McQueen für “Hunger” 2008 die Camera d’Or in Cannes bekam.

© Ascot Elite
© Ascot Elite

Der Rest ist Schweigen und Geschichte. Bobby Sands hungert sich in 66 Tagen zu Tode. “Hunger” verkürzt diese Zeit auf gute zehn Minuten, in denen Bobby kein Wort mehr spricht. Das Ende ist so kompromisslos wie der Rest des Films, und man kommt nicht umhin den Mut zu bewundern, welche die Produzenten von “Hunger” gehabt haben müssen, sich traditioneller Filmdramaturgie so komplett zu verwehren. Wie sonst hätte es dem Film allerdings gelingen können, sein Publikum so sehr in einem Dilemma zu verstricken. Denn “Hunger” zwingt einem, die Grenzen von Terrorismus und Freiheitskampf neu zu überdenken und sich zu fragen, ob das eine nicht das andere ist, je nach Perspektive.

Austattung

“Hunger” kommt in einer exzellenten 2 Disc Fassung auf den Markt. Die Bonusscheibe enthält über zwei Stunden Interviews mit Regisseur Steve McQueen, Hauptdarsteller Michael Fassbender, sowie den Produzenten. Geführt werden die Interviews vom “Guardian” Filmkritiker Jason Solomons, dessen Enthusiasmus das Beste aus den vier Interviewten herausholt. Ein ‘Making of’ und anderer herkömmlicher Firlefanz ist da unnötig; die Interviews gehören zum besten Bonusmaterial, was die aktuellen DVD-Neuheiten zu bieten haben.


Seit dem 20. August 2009 im Handel.

Originaltitel: Hunger (Nordirland, Grossbritannien 2008)            
Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Liam Cunningham, Stuart Graham, Larry Cowan
Genre: Drama, Arthouse
Dauer: 91 Minuten
Bildformat: 1.78:1 Widescreen
Sprachen: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Interviews mit Regisseur, Hauptdarsteller und Produzenten, Interviewzusammenschnitt, B-Roll, Amnesty International Trailer
CH-Verleih: Ascot Elite


Wir verlosen 1 DVD von “Hunger”. Schicken Sie eine E-Mail mit dem Betreff “Hunger” an verlosungen@nahaufnahmen.ch und beantworten Sie folgende Frage: Welche irische Autorin arbeitete am Drehbuch von “Hunger” mit? Einsendeschluss ist der 30. November 2009.


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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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