“The International” von Tom Tykwer

Ruhe mit Sturm

“The International” von Tom Tykwer

The international 1

Wunderpar passend zur gegenwärtigen globalen Rezession erscheint mit “The International” ein Film mit potentieller Ventilwirkung auf DVD: die Banken sind böse und endlich tut einer etwas. Mehr noch, Clive Owen legt sich nicht nur mit einem gigantomanen Finanzunternehmen an, sondern konkurriert sich metanarrativ auch gleich noch mit Jason Bourne und James Bond, wobei er unter der Direktion des “Lola rennt”-Regisseurs erstaunlich und wohltuend wenig rennen muss.

Von Tom Messerli.

In der Neuverfilmung von “The Pink Panther” gastiert Clive Owen mit einem Auftritt als Agent 006, was Steve Martin selbstgefällig mit der Bemerkung kommentiert, dass es zur Superzahl nicht gereicht habe. Er spielt damit offensichtlich darauf an, dass Owen kurz als möglicher Bond-Darsteller in der Nachfolge Pierce Brosnans im Gespräch war, bevor letztlich Daniel Craig die Rolle erhielt. Nun, Owen mag seine Chance Agent 007 zu spielen verpasst haben, das hält ihn aber nicht davon ab, weiterhin in Actionfilmen auf sein mögliches Bond-Potential aufmerksam zu machen. Der jüngst auf DVD erschienene “The International” ist quasi Fortsetzung der Initiativbewerbung.

Die Geschichte des ganz im Stile von “Spy Game” gewitzt erzählten und auffällig ästhetisch angelegten Firmenverschwörungsthrillers ist inspiriert von einem wahren Geldwäscheskandal rund um die Bank of Credit and Commerce International, die im Jahre 1991 in den Mittelpunkt eines der bisher grössten internationalen Finanzskandale geriet. Dabei verblüfft und überzeugt “The International” von Beginn weg und grösstenteils in seiner durchdachten, ruhigen Machart: Der Film gart auf einer Art pessimistisch angehauchter Sparflamme, welche nur mittendrin in einen bizarr anmutenden, spektakulären Schnellfeuersturm im New Yorker Guggenheim Museum ausbricht – ein vorübergehendes Actionpotpourri, das sich zwar nur schwer erklären lässt, sich aber durchwegs mit Bourne und Bond auf Augenhöhe messen kann – Erfolg definiert sich hier durch die Anzahl Einschusslöcher in den Wänden berühmter Bauwerke.

Bösewichte im Zeitgeist der Rezession

Owen spielt Louis Salinger, einen zerzausten Londoner Agenten, der schon früh im Film so aussieht wie selbst der moderne Bond meist erst gegen Ende seiner Missionen, und der für Interpol die undurchsichtigen Machenschaften einer internationalen Bank untersucht, deren Geschäfte der schlüpfrige dänische Chef Jonas Skarssen (Ulrich Thomsen) und ein mysteriös anmutender, älterer deutscher ehemaliger Staatssicherheitsdienstler (Armin Mueller-Stahl) leiten. Dabei stellt sich heraus, dass die Bank nicht nur gigantische Kredite an revolutionshungrige Organisationen in Kleinstaaten in der Dritten Welt gewährt, sondern mit Waffenkäufen selbst aktiv in das Konfliktgeschehen eingreift, und so ein ausgefeiltes Netzwerk von verdeckten Schulden kreiert, das schlussendlich die Mitsprache in der Staatsverwaltung ermöglicht – die Bank kontrolliert den Geldfluss, die Regierung, das Leben.

© Sony Pictures
© Sony Pictures

Der Film beginnt mit Salingers Komplizen, der in den Strassen Berlins nach einem Treffen mit einem bankinternen Informanten kollabiert. Die Diagnose sagt Herzinfarkt, der von Salinger in der rechtsmedizinischen Abteilung entdeckte Einstich weist auf andere Umstände hin, die Angelegenheit kommt ins Rollen. Salinger taucht fortwährend tiefer in den Fall ein und involviert seine Kollegin und stellvertretende New Yorker Bezirksstaatsanwältin, Eleanor Whitman (Naomi Watts), eine Art Pendant zum Bond Girl. Ihre gemeinsame Untersuchung deckt Betrug, Korruption und Mord auf.

Fein gemacht, von allem etwas

Regisseur Tom Tywker (seine Visitenkarte: “Lola rennt”) beweist einen scharfsinnigen Blick für die Wirkung der klinischen Innen- und Aussenbauweise von Grossfirmen: immer wieder findet sich sein heruntergekommener Held in furchteinflössenden, kathedralenhaft anmutenden, architektonischen Monstrositäten der modernen europäischen Finanzwelt, welche den Zuschauerinnen und Zuschauern quasi en passant vor Augen führen, wie gross der Goliath, dem sich Salinger beinahe besessen in den Weg stellt, wirklich ist.

Drehbuchautor Eric Singer seinerseits ist mit Liebe zum Detail für die kriminologischen Momente zuständig. Nachdem ein Italienischer Politiker auf der Piazza Duca d’Aosta vor dem Mailänder Hauptbahnhof von einem Scharfschützen ermordet wird, versuchen Whitman und Salinger herauszufinden, wo sich der Schütze positioniert hatte. In einer Säule finden sie das Loch eines Fehlschusses, sie bohren das Einschussloch durch die Säule durch zu Ende, gucken in Umgekehrter Richtung durch das Loch und sehen in dessen Verlängerung exakt das Fenster, von wo das tödliche Geschoss abgefeuert wurde. Für die Zuschauenden ist das fast wie zuhören bei den neusten Fällen von Inspektor Logo, nur besser. Hübsch gemacht!

Gelegentlich läuft Owens frustriert-zerknittertes Schauspiel Gefahr, etwas eintönig anzumuten, und dass Naomi Watts ganz und gar ungetreu dem gemeinhin bekannten Bondmädel bereits vorzeitig aus dem Geschehen genommen wird, dürfte auch nicht überall auf Zustimmung treffen, macht den Film aber sicher nicht unglaubwürdiger. Tatsächlich ist “The International” ein überraschend gut gemachter Thriller, der die einen ob der schönen Settings, die anderen wegen der ruhigen, eher kopforienteirten Machart, zufriedenzustellen vermag – und der dank der obenerwähnten, schier unendlichen Guggenheim-Schiesserei auch die Herzen jenes Publikums zu erwärmen vermag, die sich eher mit Jason Bourne oder eben James Bond anfreunden können. Was Clive Owen angeht, seine Referenzen als Agent bleiben nach “The International” durchaus intakt, man nimmt ihm seine verhältnismässig unspektakuläre Rolle durchaus ab. Sollte Daniel Craig in absehbarer Zeit seinen Massanzug an die Wand hängen, so wäre es durchaus denkbar, dass Owen nach einem Gang zum Stylisten noch einmal zum Thema werden könnte. Das Bewerbungsdossier ist auf jeden Fall eingereicht.

Ausstattung

Die DVD lohnt sich auch aufgrund der ausführlichen Extras. Der Film ist zusätzlich sowohl mit deutschem als auch englischen Audiokommentaren unterlegt. Das weitere Bonusprogramm ist durchaus sehenswert, von erweiterten Szenen über das Making of bis zur detailerklärten Schiesserei im Museum sowie einem Clip über die Bedeutung der Architektur und schliesslich dem offiziellen Trailer, alles ist drin und nicht zu knapp. Schade, dass nicht mehr reguläre DVDs mit so ausführlichen Extras daherkommen.


Seit dem 17. September 2009 im Handel.

Originaltitel: “The International” (Deutschland, USA 2008)            
Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Clive Owen, Naomi Watts, Armin Mueller-Stahl, Urlich Thomaen. u.a.
Genre: Thriller, Drama, Action
Dauer: 113 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Audio: Dolby 5.1
Bonusmaterial: Englischer AUdiokommentar, Deutscher Audiokommentar, Erweiterte Szenen, Making of, Guggenheim – Dreharbeiten, Die Bedeutung der Architektur in “The International”, Die Autostadt, Trailer
Vertrieb: Impuls

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