Das grosse nahaufnahmen.ch-Interview mit Endo Anaconda

„Ich schwanke immer wieder zwischen Euphorie und Verzweiflung“

Das grosse nahaufnahmen.ch-Interview mit Endo Anaconda

Bild: Christoph Aebi
Bild: Christoph Aebi

Der Stimm- und Wortakrobat der Berner Erfolgsband Stiller Has über augenzwinkernde Schmalz-Romantik, die Doppelbödigkeit der neuen Lieder, die Schweiz als Hochglanz-DDR und Christoph Mörgeli, den Hofnarr der Rechten.

Von Christoph Aebi.

nahaufnahmen.ch: Vor drei Jahren habt ihr zuerst die CD „Geisterbahn“ eingespielt und seid danach damit auf Tournee gegangen. Im Gegensatz dazu spielt ihr einige Lieder eures neusten Werkes „So verdorbe“ bereits seit letztem Jahr live und erst jetzt werden diese auf CD verewigt. Was hat euch zu diesem Entscheid bewogen?

Endo Anaconda: Wir sind immer auf Tournee und spielen eigentlich das ganze Jahr. Eine spezielle Tournee in diesem Sinne gibt es also nicht. Wir spielen, wenn wir Zeit haben und angefragt werden.

Wie unterscheidet sich die neue CD „So verdorbe“ deiner Meinung nach von den vorherigen Werken?

Das ist schwierig einzuschätzen. Meistens bestimmen irgendwelche Kritiker, was sie darin sehen. Für uns ist es einfach das nächste Projekt. Die Songs sind vielleicht ein bisschen anders, als man sie bisher von Stiller Has kennt.

Inwiefern anders?

Es ist weniger ein Sich-Lustig-Machen über irgendwelche Abwarte oder so (Endo bezieht sich hier beispielsweise auf das Lied „Hene“ über den Abwart gleichen Namens, Anm. d. Red.). Einfach ein bisschen weniger Kleinkunst. Es ist auch sehr viel musikalischer.

Die neuen Lieder erinnern mich von der Stimmung her an die „Chole“-CD, sie sind sehr melancholisch…

Melancholisch nicht unbedingt, nein.

Ein Song wie „Chlyne Tod“ beispielsweise…

Der ist nicht melancholisch, sondern einfach mal ein gescheiter Song übers Ficken, der nicht ordinär ist. Sonst wird ja nur Scheissdreck geschrieben. Sex hat ja auch emotionalen Wert. Das ist mal ein Versuch, einen guten Song über Sex zu schreiben.

Salome (die Bassistin von Stiller Has, Anm. d. Red.) hat mir erzählt, dass eine Kollegin von ihr weinen musste, als sie das Lied hörte. Es ist also ein Song, welcher bei den Leuten starke Gefühle auslöst.

Der kleine Tod ist halt das Leben.

Oder die Cover-Version des Fred Buscaglione-Klassikers „Guarda che luna“, welche ebenfalls auf der neuen CD sein wird..

Das ist augenzwinkernde Schmalz-Romantik. Eigentlich sind es schon Liebeslieder, ja.

In diesem Lied heisst es übersetzt: „Verrückt vor Liebe will ich sterben, in dieser Nacht ohne dich will ich sterben“.

Der CD-Titel heisst ja „So verdorbe“ und behandelt ein bisschen dieses Thema: Die Höhepunkte und Abgründe der Sexualität.

Wie viel Autobiographisches steckt in deinen Liedern?

Das ist eben gerade das Geheimnis. Was autobiographisch ist oder nicht, müssen die Leute selber herausfinden. Die Lieder sind sicher nicht nur autobiographisch. Wenn ich all das erleben würde, was in meinen Liedern steht, wäre ich tot.

Was war die Inspiration für den Song „Venedig“, die erste Single aus dem neuen Album?

„Venedig“ ist das Gegenteil vom Klischee als Stadt der Verliebten. Venedig hat für mich etwas ungeheuer Morbides. Ich finde die Stadt im Winter eigentlich interessanter. Im Sommer ist es total überlaufen. Venedig im Winter ist schon etwas Spezielles. Es hat eine melancholische Seite.

In „Schifahre“, einem weiteren neuen Lied, outest du dich sozusagen als Wintersport-Hasser.

Man muss sich unter „Schifahre“ eher vorstellen, dass man die ganze Nacht durchgemacht hat, völlig verkatert ist und einen ausschweifenden Lebensstil führt. Dann trifft man auf „normale“ Leute, die alle Skifahren gehen und man selber sitzt in der Bellevue-Bar (lacht schallend) und kann daran nicht teilnehmen, weil man halt anders lebt.

Hat die Bellevue-Bar die ganze Nacht geöffnet?

Nein, das ist das „Dead End“. Dort kommt der Protagonist des Liedes nicht rein, weil er entweder zu früh oder zu spät dran ist –  oder einen zu schlechten Ruf hat.

Wie entstehen eure Songs? Ist zuerst der Text da oder die Idee für eine Melodie?

Das ist nicht immer ganz gleich. Ich höre zum Beispiel irgendein Riff von Schifer Schafer, dann fällt mir ein Satz ein und das Ganze wird dann immer mehr verdichtet.

Hast du einen Ordner, wo du alle Textideen sammelst?

Ja, ich habe viel handschriftliches Rohmaterial.

Hattet ihr für die Arbeit an der neuen Platte eher zuviel Material?

Es hat Sachen, die noch eine Art Baustelle sind. Die kommen dann aber auf die nächste Platte.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Lieder, die als Singles ausgekoppelt werden sollen, „Venedig“ und „Justine“, ausgewählt?

Man passt sich da den Radiosendern an und versucht, Auflagen zu erfüllen, welche diese haben. Es ist ein formaler Filter, wo man sagt, dieses und jenes Lied kann man dem Radio anbieten. Anderes ist eher nicht geeignet, weil es mit dem sonstigen Radioprogramm nicht kompatibel ist.

Das Titellied „So verdorbe“ zum Beispiel..

Würden sie wahrscheinlich nicht als Single akzeptieren, wird aber ein Knüller.

Die Cover sind ein wichtiger Bestandteil eurer Platten. Bisher wurden diese jeweils von Hans Stalder gestaltet. Wird das auch bei eurem neusten Werk der Fall sein?

Nein, das neue Cover habe ich gestaltet. Hans Stalder hatte diesmal keine Zeit. Die neue CD ist auch ein anderes Projekt und unterscheidet sich vom alten Hasen.

Wie wird das Cover aussehen?

Das Cover ziert eine Turmspringerin, bei welcher man nicht weiss: Ist es eine Selbstmörderin, eine Kunstspringerin oder ein Engel? Es hängt mit der Textzeile zusammen: „Zyt zum Flüge, es isch Summer“.

Aus welchem Lied stammt diese?

Aus „So verdorbe“, dem Titelsong. „Zyt zum Flüge, es isch Summer. I ha d Schwümmflügeli montiert“.

Vor zwanzig Jahren erschien eure Debüt-Musikkassette (das gab es damals noch) mit dem Titel „Stiller Has’“. Ein normaler Feldhase hat eine Lebenserwartung von zirka 12 Jahren. Stiller Has hoppelt nun bereits seit zwanzig Jahren quer durchs Schweizerland.

In der Mythologie der Indianer zum Beispiel sind die Hasen unsterblich. Sie kommen und verschwinden mit dem ersten beziehungsweise letzten Sonnenstrahl. Der heutige Hase ist auch nicht der Gleiche wie früher, vielleicht eher ein Nachfahre des Urhasen. Er hat einen Teil der alten Hasengene noch drin, hat aber auch sehr viel neue Einflüsse. Mit Salome ist beispielsweise eine femininere Komponente dazugekommen. Der Hase ist jedes Mal wieder ein bisschen anders. Er ist halt kein Duo mehr, wir sind jetzt eine Band.

Ein Kritker schrieb im letzten Jahr nach einem eurer Konzerte, der Has nähere sich je länger je mehr dem profanen Berner-Mundartrock an. Wie reagierst du, wenn du so etwas liest?

Dann versteht er wohl nichts von Texten und von Musik. Ein Stück wie „Schifahre“ beispielsweise hat überhaupt noch nie jemand gemacht. Es gibt auch Leute, welche die Doppelbödigkeit der Lieder nicht verstehen. Das ist eigentlich auch gut. Ich denke, wem es nicht gefällt, der muss sich die Musik auch nicht anhören. Die Erfahrung ist, dass es viel mehr junge Leute im Publikum hat, seit wir als Band unterwegs sind. In einer gewissen Szene haben wir eine Art Kultcharakter für junge Leute und deswegen nun auch viel mehr junges Publikum. Eine Band wie Span beispielsweise hat das nicht oder zumindest weniger. Polo Hofer ist wieder etwas anderes. Der macht Volksmusik und das machen wir im Prinzip auch.

Mir ist damals schon auf der „Stelzen“-Tour aufgefallen, nachdem „Znüni näh“ im Radio ein grosser Hit war, dass sich das Publikum ziemlich verjüngt hat.

Das kann man halt nicht steuern. Vielleicht ist auf der neuen Platte auch kein Hit. Ich kann mir nur vorstellen, dass sicher irgend etwas schon hängen bleiben wird.

Ich denke, dass es sehr schwierig ist, vorauszusehen, wie das Publikum auf neue Lieder reagieren wird.

Ja, die laden vielleicht ein oder zwei Stücke runter. Es ist eine Minderheit, die sich ein ganzes Album kauft und das ganze Werk, den ganzen Zyklus möchte.

Bild: Christoph Aebi
Bild: Christoph Aebi

Habt ihr die Krise im Musikbusiness in den letzten Jahren anhand der CD-Verkäufe selber auch bemerkt?

Die sind insgesamt zurückgegangen. Im Vergleich zum Rahmen, in welchem die Verkäufe generell zurückgingen, hat sich für uns nicht gross etwas verändert. Die letzte CD „Geisterbahn“ erreichte den Gold-Status.

Ist eure bisher erfolgreichste CD immer noch „Moudi“ oder bereits „Stelzen“?

Schon die „Moudi“-CD, aber am erfolgreichsten ist eigentlich der Sampler „Die grössten Schweizer-Hits“, der 150’000 mal verkauft wurde und auf welchem die Lieder „Gruusig“, „Moudi“ und „Znüni näh“ vertreten sind. Viele Leute haben unsere Platten noch nicht, kennen aber diese Lieder. Das ist auch der Grund, wieso wir, auch wenn wir kein aktuelles Werk haben, trotzdem jedes Jahr 3’000-5’000 CDs unseres Backkataloges verkaufen.

Inwiefern haben sich eure älteren Lieder verändert, seit die neue Bassistin Salome Buser und der neue Schlagzeuger Markus Fürst zur Band gestossen sind?

Wir haben nun ein tragendes Schlagzeug und einen guten Bass. Die Musik ist weniger jazzig, dafür härter, rockiger, bluesiger und hat mehr Druck.

Eure ersten beiden Werke „Stiller Has’“ und „Der Wolf ist los“ waren grösstenteils eine Art vertonte Poesie.

Das war zum Teil auch Zufall. Ich mag diese Phase nicht missen und bin froh, dass ich diese Werke zusammen mit Balts gemacht habe. Wir hatten eine gute Zeit, aber ich hatte Lust, für den Rest meines Lebens noch ein bisschen zu singen. Das ewige Rezitieren hatte für mich schlussendlich in musikalischer Hinsicht zu wenig Fleisch am Knochen. Ich denke, nun habe ich mehr Möglichkeiten, wirklich zu singen. Das ist ein neuer Aspekt, der mir gefällt. Ich mag nicht unbedingt ins Kleinkunstige zurückgehen, was nicht heisst, dass wir nicht doch an kleinen Orten auftreten könnten. Wir haben immer noch ein sparsames Konzept und eine schlanke Produktion im Vergleich zu anderen Bands.

War der Wunsch nach einer musikalischen Veränderung der Ausschlag, dass Balts die Band vor vier Jahren verlassen hat?

Die genauen Gründe kann ich nicht sagen. Vielleicht hatte er nach 16 Jahren Stiller Has auch einfach genug und wollte mal etwas anderes machen. Ich denke, das Improvisative, das verrückte Element, welches er als Musiker hatte, war ein gutes und lange tragendes Element des Hasen. Wir haben seinen Ausstieg an sich bedauert. Es wäre im gleichen Rahmen aber auch nicht weiter gegangen.

Also hat es diese Veränderung gebraucht.

Ja, es war vielleicht auch nicht die letzte Veränderung. Möglicherweise gibt es ja irgendwann mal einen Techno-Hasen, ich weiss es nicht.

Euer Lied „Vater la mi la gah“ ist auf der „Poulet Tour“-CD als Bonus Track in einer Remix-Version veröffentlicht worden.

Ja, die ist heiss.

Ist mit dem Vater in diesem Lied eigentlich Vater Staat gemeint?

Nein, es geht um irgendeine Vaterfigur. Ich kann das nicht genau sagen, ich hatte ja nie einen Vater. Es könnte auch die Kirche sein oder eine Partei.

Einige eurer Lieder haben Geschichte geschrieben. „Aare“ zum Beispiel, der live nicht mehr so oft im Repertoire auftaucht.

Man muss auch wechseln. Wir haben über hundert Stücke und ich mag nicht immer das Gleiche spielen. Es ist mir mit der Zeit verleidet, immer „Znüni näh“ zu spielen. Dann muss man das Lied ein wenig auf die Seite legen, damit es wieder frisch ist. Ich mag auch nicht zwanzig Jahre lang „Moudi“ singen. Den werden wir sicher auf der kommenden Tournee nicht spielen. Dafür werden wir vielleicht andere Songs wieder hervorholen, welche thematisch passen oder Lieder neu bearbeiten. Es gibt ja viele Sachen, die ich mit Balts gemacht habe, bei denen ich mir auch eine andere Umsetzung vorstellen kann. Mit Balts war es mehr eine Art Cartoon, das geht zu zweit gar nicht anders. Es gibt aber doch einige Sachen, bei denen ich mir auch vorstellen kann, diese mit einer Band umzusetzen und in dieser Hinsicht neu anzugehen. Es muss auch für einen selber lebendig bleiben. Ich möchte nicht bei jedem Konzert „Alperose“ singen müssen. Polo muss das, das ist aber kein Vorwurf.

Nachdem mit „Moudi“ zum ersten Mal der grosse Erfolg aufrat, habt ihr von jener Tour eine Live-CD veröffentlicht, welche heute im Handel nicht mehr erhältlich ist. Auf der CD gibt es einen denkwürdigen Moment, in welchem du sagst, dass euch jemand gefragt habe, ob ihr nicht das Gefühl hättet, durch den Erfolg nun vereinnahmt zu sein. Darauf hast du geantwortet: Die Leute meinten, man fühle sich sofort vereinnahmt, wenn man endlich einmal Einnahmen habe. Hat euch dieser plötzliche Erfolg damals unter Druck gesetzt im Hinblick auf weitere Veröffentlichungen?

Ich denke, wenn sich nach zwanzig Jahren nicht irgendeine Form von Erfolg einstellt, hat man sicher den falschen Beruf gewählt. Ich habe den Erfolg nicht vordergründig gesucht und bin froh, wenn ich meine Rechnungen bezahlen kann. Es ist ein Privileg, wenn man etwas machen kann, das dem eigenen Wesen entspricht und man davon leben kann.  Die zwanzig Jahre sind sehr schnell vorbei gegangen. Zuerst hiess es, die Musik sei schräg und mittlerweile sind daraus eine Art Volkslieder geworden. Ich finde, dies ist eine positive Entwicklung. Es gibt viele Leute aus der Improvisations-Szene, die gar nicht für ein Publikum spielen wollen. Wenn es den Leuten gefällt und die Konzertbesucher anfangen zu tanzen, finden sie das bereits blöde. Ich wollte immer für ein grosses Publikum spielen  Es war nie meine Absicht, in einem Jazzkeller Kunst für zwanzig, dreissig Leute zu produzieren. Ich habe nichts dagegen, das ist vielleicht eine Sparte, die man subventionieren muss, weil es sonst gar nicht funktionieren würde. Ich bin aber froh, sind wir selbsttragend.

Du schreibst auch Kolumnen, früher für die Berner Zeitung, nun für den Tages-Anzeiger und die Zeitschrift „FACES“.

Endo Anaconda: Die können sich nun keine teuren Kolumnisten mehr leisten. Für „FACES“ habe ich zwei Jahre geschrieben und diese Kolumnen werden sicher zu einem Drittel Bestandteil eines kommenden Buches sein. Mal sehen, wie die CD läuft. Man muss schauen, dass das nicht im gleichen Jahr veröffentlicht wird, sonst verdient man zu viel und es wird aus steuerlichen Gründen blöd. Man muss schon sagen, dass im Kanton Bern ein wenig Planwirtschaft herrscht. Wenn man im Jahr plötzlich 10’000 Franken zu viel verdient, ist man in einer anderen Steuerstufe und bezahlt 5’000 Franken zusätzlich. Irgendwie ist es perfid. Es ist gar nicht unbedingt wünschenswert, dass man das Einkommen allzu sehr steigert, weil es schlussendlich nichts bringt. Ich bin nicht jemand, der sagt, man müsse wenig Steuern bezahlen. Aber in einem gewissen Bereich ist es so konstruiert, dass der Mittelstand geknebelt wird und wenn man blöderweise jemand ist, der unterhaltspflichtig ist und man sich im unteren Drittel der Besserverdienenden befindet, kann man bankrott gehen, wenn man zu viel arbeitet. Eigentlich rentiert es dann eher, weniger zu arbeiten und weniger zu verdienen. Früher, als ich die Musik nur hobbymässig betrieben habe, hatte ich noch einen Job. Ich lebe heute aber nicht besser. Man wird verpflichtet, Gelder, die man in mageren Jahren braucht, einer als kriminelle Organisation verdächtigten Institution als dritte Säule zu überweisen, damit einem nicht alles genommen werden kann. Die Schweiz hat sehr viel von der alten DDR. Eine Art Hochglanz-DDR: Es ist warm, heimelig, eigentlich hat man alles, was man braucht auf einem hohen Niveau, ist aber irgendwie auch gefangen. Es ist nicht unbedingt ein Land, welches die Privatinitiative belohnt. Da pflichte ich einer gewissen freisinnigen Argumentation bei. Ich bin zwar eher links, aber manchmal werden Initiativen von Leuten einfach abgewürgt. Die Schweiz ist überperfekt und dadurch nicht sehr inspirierend, neben allen anderen positiven Seiten, welche das Land hat. Ich bin gerne Schweizer, aber ich habe meine bitteren Erfahrungen gemacht. Es heisst nicht, dass, wenn man gut verdient, man sich eine kreative Pause gönnen kann. Es wird nicht ruhiger und angenehmer. Man muss einen gewissen Level halten, der schwer abzubauen ist. Früher, als die Musik noch ein Hobby war, konnte ich besser arbeiten, musste nicht auf Druck irgendwelche Sachen machen.

Die Steuern bezahlt man in der Schweiz traditionellerweise ja immer erst nachträglich.

Es ist so konstruiert, dass die Leute verpflichtet sind, ihr Geld oder ihre Reserven einer Grossbank in den Rachen zu schieben, bei welcher man nicht weiss, ob man das Geld wieder bekommt oder nicht. Ich habe viel Geld auf die Seite gelegt, das mir jetzt fehlt. Nicht dass ich vom Bankrott bedroht wäre, aber die Reserven werden aufgefressen. Dieses System müssten sie überdenken. Es ist derart lähmend, wie eine Art planwirtschaftlicher Anti-Kommunismus, dem alles unterworfen ist.

Du hast dieses Jahr in Zürich eine viel beachtete 1.Mai-Rede gehalten, in welcher du gesagt hast, die Krise sei nichts anderes als eine Art Schweinegrippe des Finanzkapitals. Christoph Mörgeli hat sich daraufhin zu Wort gemeldet.

Mit Herrn Mörgeli muss man nicht wirklich debattieren, weil es nichts nützt. Man muss ihn als unterhaltende Figur wahrnehmen. Er ist ein Hofnarr der rechten Seite und ich bin vielleicht ein Hofnarr der linken Seite. Herrn Mörgeli will ich nicht überzeugen. Es braucht andere Leute, um die Probleme dieses Landes zu lösen. Er gehört dort sehr wahrscheinlich nicht dazu, ich wohl auch nicht. Ich habe mal eine Diskussion gesehen, mit einem SVP-Vertreter und einem Klimatologen (einem Professor, wirklich eine wissenschaftliche Kapazität), der sagte, die Klimaerwärmung sei aus diesen und jenen Gründen entstanden und das seien die Szenarien. Der SVP-Vertreter antwortete daraufhin: „Ja, das säged Sie!“. Was will man daraufhin sagen? Man kann beispielsweise entgegnen: „Herr Giezendanner, wenn Sie mir jetzt erklären, wie man die Logistik eines Lastwagenbetriebes aufbaut und ich würde als Klimatologe antworten: „Ja, das säged Sie!“. Auf welcher Ebene will man mit solchen Leuten diskutieren. Jemand, der sich 20,30,50 Jahre mit Klimatologie befasst hat. Dann kommt irgend so eine Dumpfbacke und sagt: „Das säged Sie!“. (lacht schallend). Was will man da sagen? Da geht man lieber jassen.

Herr Mörgeli hat in seiner Antwort auf deine 1.Mai-Rede unter anderem geschrieben, die Schweinegrippe sei weniger gefährlich als befürchtet.

Ja, es gebe bereits Entwarnung.

Waren die Schweinegrippe und die Finanzkrise auch Inspirationsquellen für neue Lieder?

Das kam bereits mit der „Geisterbahn“. Das „Geisterbahn“-Album ist einfach zu früh erschienen, würde ich sagen. Es lag etwas in der Luft, was ich damals aufgenommen habe. Die Vogelgrippe war gerade aktuell. Es gibt gewisse Esoteriker, die sagen, sie hätten das immer gewusst. Sehr interessant ist, dass die schlimmsten Esoteriker Banker sind. Die lassen von Elizabeth Teissier ihr Horoskop machen. Eigentlich ist das genau so etwas Abstraktes und Absurdes, wie an der Börse etwas zu investieren, das im Endeffekt fünfhundert Mal überkotiert ist. Da muss man leicht verrückt sein, das Geld in so etwas zu investieren. Das ganze Börsengeschehen ist irrational. Gefährlich wird es dann, wenn der Staat als reale Organisation irgendwelche irrationalen Verluste, die gar nicht möglich sind, weil das Geld gar nicht vorhanden ist, mit realen Steuergeldern bezahlt, um das ganze System aufrecht zu erhalten. Das ist eine Pappkulisse, sonst nichts. Es gibt nicht andere Werte ausser denen, welche da sind. Selbst wenn es so ist, geht es uns immer noch besser als vielen anderen. Man hätte sich überlegen müssen, wie man und wer das Ganze kontrolliert. Es geht aber nun genau gleich weiter. Jemand wie Herr Villiger ist erstens der falsche Mann an dieser Position und zweitens wollen sich die Banken sowieso nicht kontrollieren lassen. Es würde eigentlich heissen, dass viele Versprechungen nicht eingehalten werden können und dass wir andere soziale Strukturen suchen müssen, um die Zivilisation zu erhalten. Es gibt ja noch andere Strukturen als beispielsweise die Spitex. Das ist ja etwas Positives. Aber diese Pflegeheime. Jetzt haben sie gejammert, die Pflegeheime seien leer. Die Leute leben wohl zu gesund. Es gibt so eine calvinistische Tendenz, den Leuten alles, was ihnen Freude macht, beispielsweise das Rauchen, zu verbieten. Dieser Wahnsinn einer nüchternen, rauschfreien Gesellschaft, welche ein begleitetes, langweiliges, reglementiertes aber dafür gesundes Leben anbietet. Das muss nicht für alle das Ziel sein. Ein endloses, gesundes, zunehmend dementes Leben. Die Demenz ist immer noch die Haupttodesursache. Die Leute werden immer älter, aber ich glaube nicht, dass die Lebensqualität wirklich zunimmt.

Eine letzte Frage noch: Gibt es ein Lied der neuen Platte, welches dir besonders am Herzen liegt?

“Chlyne Tod“ finde ich schon etwas sehr Schönes. Eigentlich aber alle neuen Lieder. Ich weiss auch nicht, ich schwanke immer wieder zwischen Euphorie und Verzweiflung.

Endo Anaconda, herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch.

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