Stiller Has | So verdorbe

Plädoyer für die Leidenschaft

Stiller Has | So verdorbe

Die Wartezeit hat sich gelohnt: Nach dreieinhalb Jahren veröffentlichen Stiller Has mit „So verdorbe“ ein ausgefeiltes, musikalisch geschlossenes und vom Blues durchtränktes Album voller Höhepunkte.  Die autobiografisch gefärbten, doppelbödigen Texte von Endo Anaconda kreisen um Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht und Ausschweifungen jeglicher Art.

Von Christoph Aebi


www.stillerhas.ch
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Bereits das Cover von „So verdorbe“ deutet an, dass sich Stiller Has gewandelt haben. Wo früher Hasen, Moudis und Landjäger, die jeweils aktuellen Liederkollektionen illustrierend, prangten, ist dies nun eine in den Wolken schwebende Turmspringerin, die Arme nach hinten ausgestreckt. Sie fliegt durch die Lüfte und man fragt sich, wo sie wohl landen wird: Auf dem Boden der harten Realität oder weich gebettet? Segelt sie auf einer Wolke des Glücks oder ist sie auf dem Sprung ins Verderben? Um (amouröse) Höhepunkte und Abgründe, die Sehnsucht, das Verlangen aber auch um Einsamkeit sowie legale und illegale Drogen drehen sich die neusten Hasen-Songs. Wer gerne eine Liedersammlung über den Abwart Hene hätte oder sich nach Neuigkeiten aus dem Leben von Elvira sehnt, wird möglicherweise enttäuscht sein. Stattdessen gibt Endo Anaconda namenlosen, das Leben und die Liebe auskostenden und gleichzeitig daran leidenden Ich-Erzählern seine Stimme. Was nicht heisst, dass die Lieder zu hundert Prozent autobiografisch sind, denn „wenn ich all das erleben würde, was in meinen Liedern steht“, meint Endo, „wäre ich tot.“ Dennoch ist es wohl nicht vermessen anzunehmen, dass die Geschichten, welche hier erzählt werden, wenn nicht aus seinem Leben, so zumindest aus genauen Beobachtungen der Umgebung entstammen.

Rockig-bluesiger Sound dank neu formierter Band

„Zyt zum flüüge es isch summer/i ha d’schwümmflügeli montiert/und i tröchne mini fädere/i toue uf u stürze töif“ lässt der Protagonist des Titelsongs verlauten, nachdem er ein halbes Jahr in seiner Wohnung sitzen geblieben ist, „brochni härze offni fänschter i mim adväntskaländerli“ im Hintergrund. Nun ist er wieder bereit für das Spiel des Begehrens und Verliebens, die Schwimmflügel sollen ihn vor dem Absturz und dem Ertrinken retten. Die neu formierte Band mit Markus Fürst (Schlagzeug), Salome Buser (Bass, Orgel, Gesang) und dem virtuosen Multiinstrumentalisten, Komponisten und Produzenten Schifer Schafer (welcher bereits seit 2000 das linke Ohr des Hasen ist) gibt dazu kräftig Gas. Waren die Lieder von Stiller Has in ihren Anfängen vertonte Poesie, sind die doppelbödigen Texte von Endo Anaconda nun von einem druckvollen, rockig-bluesigen Sound umgarnt. Schifer Schafer gelang das Kunststück, allen live eingespielten Songs mit ein paar wenigen Overdubs das jeweils adäquate Soundgerüst zu verleihen. In „D’Helfti“ konterkariert die fröhliche, mit ihren Banjo-Klängen countryeske Musik gar den Text. Auf den ersten Blick geht es darum, dass der Ich-Erzähler seinen Tabak- („nume no zwänzgi wöu vierzgi lö eim um“) sowie den Alkohol-Konsum („i la d’finger vom wisse u vom rote nimme ni nume e chli“) mässigen möchte. Im Kern aber, wie im Grossteil dieser sublimen Song-Kollektion, doch wieder um die Liebe („vermisse di so halb/bisch mini helfti gsi bisch se gsi/verliebe mi anduurend/u glich nie meh“) und dass davon, je nach Gegenüber, sowohl zuviel als auch zuwenig nicht genug sein können.

Erstarrte Gefühle im venezianischen Nebel

Ganz und gar existentiell wird es in „Chlyne Tod“. „L’amour, c’est la petite mort“ pflegen die Franzosen zu sagen, wobei damit sowohl das Gefühl als auch der Akt gemeint sein können. „Lieber chly tod chlyne tod/als ohni liebi müesse läbe“ singt Endo und kreierte einen der schönsten, traurigsten aber auch ehrlichsten Songs, die in der Schweiz je über die Liebe, das Begehren und die Tatsache, dass diese oft nur eine begrenzte Zeit anhalten, geschrieben wurden. „Viellech gits o d’liebi nid/und es blibt numme d’sehnsucht zrügg/und die geit länger viel viel länger/als jedes läbeslange glück.“ Ebenso stark ist „Venedig“. Das Klischee als romantische Feriendestination für verliebte Paare wird hier dekonstruiert. Die Erkaltung und Erstarrung der Gefühle werden im venezianischen Novembernebel umso offensichtlicher („Venedig im Novämber/isch e chalte Ort/du wosch me zu dir/und i wott nume furt“). Einen humoristischen Tupfer setzt die Musik: Wie das Klicken der Kameras von asiatischen Besuchern in der Lagunenstadt begleiten die Klänge eines Koto (ein japanisches Saiteninstrument) das ganze Lied, inklusive dem sphärischen Outro. Kongenial eingerahmt wird „Venedig“ durch zwei Coverversionen italienischer Canzoni: In „Guarda che luna“ gibt Endo mit einer Mischung aus Leidenschaft und Ironie den Cantautore, der, wahnsinnnig vor Liebe, sterben möchte. „In cerca di te“ wurde ursprünglich von Gabriella Ferri interpretiert, die in den 70er-Jahren mit römischen und neapolitanischen Volksliedern berühmt wurde, in ihrem Leben mit Depressionen zu kämpfen hatte und 2004 durch einen Sturz aus dem Fenster ihres Hauses starb. „Guarda la luna“ und „In cerca di te“ sind Canzoni, welche Endo bei Liebeskummer gerne hört. Mit „Venedig“ und „Chlyne Tod“ haben Stiller Has nun einen zusätzlichen Soundtrack für alle Liebeskranke geschaffen.

Wintersportler und verkaterte Nachtschwärmer

Nicht alles ist gleich grossartig auf „So verdorbe“. Das wie ein Märchen beginnende „König“ („Es isch mal e König gsi“), welchem von seinem Lakaien aufgrund des nicht mehr vorhandenen Rückhaltes im Volk nahegelegt wird, abzudanken, ist zwar textlich stark. Der Abgesang auf absolutistische Tendenzen in der Gesellschaft zerfällt jedoch ein wenig durch die Rap-Einlage von Kutti MC, welche sich nicht so recht in den Rest des Stückes eingliedern mag. Brillant hingegen ist „Schifahre“, in welchem die Gitarren gegen Schluss fast wie im Delirium, in dem sich der einsame Protagonist befindet, aufheulen. Das Lied ist eine Begegnung der Nacht mit dem Tag. Wintersportler treffen mitten in Bern auf verkaterte Nachtschwärmer, welche Pulver eher mit Schnupfen als mit Neuschnee assoziieren. Ein metaphysisches Gruseln packt den Protagonisten, wenn er im Refrain „es isch ä schöne tag zum schifahre/ es isch ä sunntig us em bilderbuech“ intoniert. Man merkt, hier leidet einer an seiner Heimatstadt („i dere stadt isch immer sunntigmorge oder donnschtigabig-schlussverchaouf“) und fühlt sich doch daheim. So auch in „Merci“ dem würdigen Abschlusssong eines Albums, welches ein weiterer Meilenstein in der Geschichte von Stiller Has darstellt. „Merci“ verbindet das Politische mit dem Privaten („merci dass mir nie chrieg hei gha/ ussert dä deheime oder uf der outobahn), die Errungenschaften der Demokratie („merci dass i darf säge was i dänke/ merci dass dir niemer meh tüet hänke“) mit dem sehnsüchtigsten Wunsch des Erzählers: „I wott meh als mönschemöglich isch/ i wott nech ändlech lache geseh/ so lachit emal lachit lachit lachit isch scho rächt“. Nach 43 kurzen Minuten kann der Rezensent sein knappes Fazit in Form von Songschnipseln wiedergeben: „I wott meh“ und „Merci“!


Label: Sound Service

Im Netz:

www.stillerhas.ch




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