Jugendsprache in aller Munde

Jugendsprache in aller Munde

Von Jugendlichen gesprochen, von Erwachsenen besprochen

Studentisches Hospitium, Jena (um 1750). Bildquelle: wikipedia.de


Die Jugendsprache ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Es gibt sie schon lange, wenn nicht schon immer. Seit einigen Jahren wird die Jugendsprache aber in der Öffentlichkeit zunehmend diskutiert und kritisiert.

Von Céline Crevoisier.

Die Sprache nimmt während der Jugend einen wichtigen Platz in der Identitätsfindung ein. Sie dient zur Abgrenzung von Jüngeren und von Älteren, aber auch von anderen Gleichaltrigen und somit zur Identifikation mit einem bestimmten sozialen Umfeld und seinen Normen. Eine Jugendsprache, die alle jungen Menschen sprechen, gibt es also gar nicht. Je nach Interessen und Umgebung variieren ihre Ausdrucksweisen.

Im Wandel der Zeit
Die Jugendsprache ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Von einer von der Standardsprache etwas abweichenden “Studentensprache” wurde schon während der Reformationsbewegung im 16. Jahrhundert berichtet. Erste Zusammenfassungen ihrer speziellen Ausdrücke wurden um 1800 von den Studenten selbst erstellt. In späteren Jahren wurde auch die Sprache nichtakademischer junger Menschen mehr beachtet, festgehalten und erforscht. Einige dieser altertümlichen Begriffe wurden im Laufe der Zeit in die Standardsprache integriert und zählen heute zu den geläufigsten überhaupt, beispielsweise “sich einschreiben” (zum Beispiel sich für einen Kurs einschreiben; dieses Wort war vor ein paar Jahrzehnten eine neuer Begriff der Studenten) oder für etwas “blechen” (bezahlen)

Allerdings verändert sich nicht nur eine Standardsprache, sondern auch eine Jugendsprache. Jede Jugendsprache ist irgendwann veraltet. Ihre jeweiligen Eigenheiten sind ein Abbild der zeitgemässen Gesellschaft, ihrer Strukturen, Normen, Ereignisse sowie neuer Möglichkeiten und Erkenntnisse. Diese nehmen Einfluss auf die Menschen und ihre Sprache.

In der heutigen Zeit
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zählen zu diesen Einflüssen vor allem die verstärkte internationale Zusammenarbeit und Mobilität, die sich rasch weiterentwickelnde Technologie sowie die Medien, insbesondere Fernsehen und Internet, die zunehmend von Spass, Unterhaltung und von Fremdsprachen gekennzeichnet sind. Die Menschen müssen lernen, sich mit Anderssprachigen zu verständigen und dafür eine gute Auffassungsgabe besitzen. Sie müssen flexibel sein, schnell, lustig, herausragend, überzeugend.

Wie zeigen sich diese Aspekte in der Jugendsprache unserer westlichen Kultur? Zum Auffälligsten in der mündlichen Jugendsprache gehören die unbekannten Wörter (zum Beispiel Internationalismen wie “chillen” (sich entspannen, rumhängen) oder “cool” (sehr positive Wertung)), die bekannten Wörter in ungewohntem Kontext (etwa Neologismen durch Bedeutungserweiterungen von Begriffen wie “geil” oder “fett”) und die häufig eingesetzten kleinen Wörter zur Verstärkung einer Aussage wie “mega” oder “hammer” (sehr).

Wem zudem schon mal einen Einblick in den schriftlichen Sprachverkehr Jugendlicher gewährt wurde, erinnert sich ganz sicher an die vielen aneinandergereihten Buchstaben oder  Zeichen, die für einen nicht Eingeweihten keinen Sinn ergeben. Diese Buchstaben sind Abkürzungen, bestehend aus den Anfangsbuchstaben der Wörter in manchmal ziemlich langen Sätzen (Akronyme wie “HDMFGUL” (hab dich mega fest gern und lieb) oder “LOL” (laugh out loud, lots of laughs)). Und die Zeichen sind Darstellungen der Gefühle des Schreibers (Emoticons wie “:o)” (Freude, Lachen) oder “<3” (liegendes Herz, “hab dich lieb”)).

Leben und leben lassen
Die Jugendsprache wird heute genau wegen dieser kennzeichnenden Neuartigkeiten kritisiert und für den Verfall der Sprache verantwortlich gemacht. Die Anstösse für die neuen Stilmittel kommen jedoch von den massgebenden gesellschaftlichen Aspekten. Wörter aus Fremdsprachen sind wichtig für die internationale Zusammenarbeit, neuerfundene Wörter ein Zeichen von Kreativität, was für Unterhaltungswert spricht, und verstärkende Wörter fördern die Überzeugungskraft.

Die Akronyme und Zeichensprache gibt es zudem auch in der “Erwachsenenwelt” (man denke nur an all die CEOs, die man ebensogut als Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzende bezeichnen könnte). Sie dienen in unserer eilenden Gesellschaft dazu, Platz und Zeit zu sparen. Sie sind ökonomischer Natur. Die Schriftsprache der Jugendlichen könnte so als eine Art Vorbereitung für den Berufsalltag angesehen werden. Und schliesslich geht es auch dort darum, dass jeder Fachmann weiss, wofür bestimmte, in seinem Tätigkeitsfeld wichtige Begriffe, Akronyme oder aneinandergereihte Zeichen stehen – genau wie bei Jugendlichen in ihren Szenen. Kommunizieren die Jugendlichen mit Menschen anderer sozialer Gruppen, können die meisten ihren Sprachstil zumindest teilweise anpassen, um gegenseitige Verständigung zu ermöglichen. Mit dem Einstieg ins Berufsleben verflüchtigen sich zudem grosse Teile ihrer jugendlichen Mundart.

Wer nun also die Jugendsprache kritisiert, kreidet indirekt auch die Gesellschaft mit ihren Eigenheiten an. Jene Gesellschaft, die von Erwachsenen definiert wird und in der sich die Jugendlichen zurechtfinden sollten. Kritik an der Jugendsprache bedeutet aber auch, den allgemeinen Sprachwandel zu bemängeln, der wiederum auf dem Wandel der Gesellschaft beruht. Ein Teufelskreis, der von den vorgebenden Menschen, den Erwachsenen, durchbrochen werden muss.

Im Netz
Von Jugendlichen erstellte Homepage mit Beispielskatalog und Fragebogen zum eigenen Wissenstest unter: jugendsprache.juniorwebaward.ch


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