“Porno unplugged” von Fabian Burstein

Doku-Roadmovie ohne grosse Erkenntnis

“Porno unplugged” von Fabian Burstein

Pornographie ist eine der grössten und gleichzeitig geächtetsten Wirtschaftszweige der modernen Welt. Der österreichische Dokumentarfilmer Fabian Burstein versucht in “Porno unplugged”, hinter die Kulissen der Erotikbranche zu schauen – was genau er dort zu finden hofft, bleibt allerdings bis zum Ende offen.

Von Lukas Hunziker.

porno unpluggedBudapest, Wien, Graz, Bad Ischl, Las Vegas, Los Angeles – Fabian Burstein folgt der Pornobranche in seinem Film von Ost nach West. “Porno unplugged” ist eine Art Roadmovie-Dokumentarfilm von einem, der auszog, mehr über das Phänomen Pornographie zu erfahren. Drei österreichische Ikonen der Branche holt er dabei vor die Kamera: Thomas Janisch, Chef des weltbekannten österreichischen Sexmagazins ÖKM, die Ex-Anal-Queen Renee Pornero, und Shooting Star Mick Blue, der sich auf dem amerikanischen Markt einen Namen gemacht hat. In Interviews mit ihnen sucht Burstein eine Antwort. Doch die Frage, die zu dieser gehört, wird niemals wirklich gestellt.


Eindrücke statt Erkenntnisgewinn
“Für Pornographie gibt es nicht die eine Erklärung”, konstatiert Burstein zu Beginn seines Films. Damit wäre die Frage eigentlich gestellt: “Warum gibt es Pornographie?”. Bursteins Antwort überrascht wenig, lässt jedoch erwarten, dass der Film, wenn nicht eine Erklärung, zumindest mehrere mögliche liefert. Doch Antworten sind genau das, was “Porno unplugged” nicht zu bieten hat; wer Zahlen, Fakten und Diagramme erwartet, wird enttäuscht – alles, was es zu sehen gibt, sind Eindrücke einer Reise durch eine Welt, mit der wir alle irgendeinmal konfrontiert werden, ohne sie wirklich zu verstehen.

Strukturiert wird diese Reise durch Interviewsequenzen mit dem österreichischen Pornojäger Martin Humer, einen konservativen Katholiken, der mit Aktionen und Strafanzeigen den Einzug von Pornographie in die österreichische Mainstreamkultur bekämpft. Zwischen diesen Interviewsequenzen zeigt Burstein, dass es dafür längst zu spät ist; Pornographie ist Mainstream, ist eine Branche mit einem Jahresumsatz von um die 20 Milliarden Dollar, sie ist überall und überall erfolgreich. Obwohl es kaum Eltern geben dürfte, die hoffen, dass ihre Kinder eines Tages in dieser Branche tätig und erfolgreich sein werden, wird das Erotikgewerbe seine Klischees je länger je mehr los.


Berufswahl Pornostar
Was “Porno unplugged” denn auch wirklich zu leisten vermag, ist zu zeigen, dass in der Pornobranche tätige Leute auch nur Menschen sind, und keineswegs gefühlskalte Nymphomaninnen und dauergeile Zuchthengste. Eine der ersten Stationen auf Bursteins Reise ist das Elternhaus von Pornodarsteller Mick Blue, wo dessen Mutter erzählt, wie ihre Familie mit der ungewöhnlichen Berufswahl ihres Sohnes umging und umgeht. Der eigentliche Hauptdarsteller von Bursteins Film, Mick Blue, wird somit ganz bewusst nicht als rammelnde Sexmaschine eingeführt, sondern als Kind, als Schüler, als junger Erwachsener, der irgendwann aus eigenem Antrieb zu einem Pornocasting ging, und kurz darauf eine steile Karriere startete.

Nicht viel anders erging es der österreichischen Pornoqueen Renee Pornero. Noch früher als Mick Blue ergriff begann sie, sich selbst zu vermarkten und wurde zu einer Vorreiterin der Webcampornographie. Auch sie zeigt Burstein nicht als das perverse, verdorbene Luder, welches man hinter ihrem Künstlernamen wohl vermuten würde, sondern als sympathische, intelligente Geschäftsfrau, die auch mal am Herd steht und Omeletten macht. Deutlicher könnte man mit Vorurteilen, die man gegenüber Pornostars haben mag, kaum aufräumen.


Sinnlose Landschaftsaufnahmen
Dass Pornodarsteller auch nur Menschen sind, ist allerdings eine Erkenntnis, die zu erlangen man keinen zweistündigen Dokumentarfilm zu schauen braucht. “Porno unplugged” vermag aber leider nicht viel mehr. Interessante Fragen, wie jene, warum Pornographie immer extremer wird und fast nur noch Sexualpraktiken dargestellt werden, welche die wenigsten von uns jemals ausprobieren möchten, bleiben im Raum stehen. Zudem ermüdet die Beschränkung auf Mick Blue und Renee Pornero mit der Zeit, während die zahlreichen Männer und Frauen, mit denen die beiden vor der Kamera kopulieren, stumm bleiben und nie die Gelegenheit bekommen, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Dem Film auch nicht besonders zuträglich sind die Landschaftsaufnahmen, die Burstein immer wieder in längeren Sequenzen über den Bildschirm flimmern lässt. Diese mögen zeigen, dass Burstein ein gutes Auge für schöne Bilder und poppige Zusammenschnitten hat, zum Film tragen sie jedoch wenig bei und ziehen ihn nur unnötig in die Länge. Trotz guter Interviews und einiger spannender Einblicke in die Erotikbranche erfährt man in “Porno unplugged” erstaunlich wenig über da, worüber 105 Minuten geredet wird. Und irgendwie sollte ein Dokumentarfilm doch genau das tun; einem etwas näher bringen, das einem fremd ist, das man nicht kennt, und das man verstehen möchte.


Ausstattung
Im ‘Making of’ spricht Fabian Burstein etwas weniger mystisch als er dies als Kommentator im Hauptfilm tut, und weiss die eine oder andere Geschichte zu erzählen, die spannender wäre als die dort gezeigten. Nicht verwendetes, aber durchaus sehenswertes Material gibt es ebenfalls zu sehen, einzig die zeitgerafften Szenen aus Pornodrehs, begleitet von einem nervigen Schnellvorlaufgeräusch, nerven. Eine schöne Zugabe bei der Special Edition ist die Soundtrack CD, die einige der coolen Tracks zu bieten hat, mit welchen der Film musikalisch untermalt ist.


Seit dem 23. Oktober 2009 im Handel.

Originaltitel: Porno Unplugged (Österreich 2009)            
Regie: Fabian Burstein
Darsteller: Mick Blue, Renee Pornero, Thomas Janisch, Martin Humer
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 105 Minuten
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Soundtrack-CD, Making of, Trailer und Teaser
CH-Verleih: Impuls

Im Netz
Trailer und offizielle Seite

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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