“Slumdog Millionaire” von Danny Boyle

Indien am Scheideweg

“Slumdog Millionaire” von Danny Boyle

Slumdog Millionaire 1

Jamal Malik, ein Chai-Wallah (am besten übersetzt mit “Teejunge”), schafft die Sensation: er beantwortet in der indischen Ausgabe von “Wer wird Millionär” mehr Fragen richtig, als man einem Waisen aus dem Slums von Mumbai je zutrauen würde. “Slumdog Millionaire” zeigt den Aufstieg einer Wirtschaftsmacht am Leben zweier Brüder, von denen sich einer für Geld und Macht, der andere für die Liebe entscheidet.

Von Lukas Hunziker.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt sich der junge Inder Jamal, und gibt auch nach zahlreichen Rückschlägen nicht auf, das Herz seiner grossen Kinderliebe Latika zu gewinnen. Im Weg steht ihm dabei nicht, dass diese seine Gefühle nicht erwidert, sondern die sozialen und wirtschaftlichen Umstände Bombays, des heutigen Mumbais.

Gewalttätige Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems rauben den Brüdern Jamal und Salim im Kindesalter die Familie. Als Waisen geraten sie, wie viele Kinder der Slums, in die Hände einer Kinderbettelbande. Salim, herrschsüchtig und bestimmt, wird schnell zu einem Handlanger des Gangsters, der die Kinder betteln schickt. Jamal soll wegen seiner Stimme ein Strassensänger werden – er weiss jedoch nicht, dass er als blinder Strassensänger wesentlich mehr verdienen wird, und deshalb geblendet werden soll. Salim schafft es zwar, seinen Bruder zu retten, nicht jedoch Latika, ein Waisenmädchen, mit dem sich die beiden angefreundet haben. Sie in der rasant wachsenden Metropole Mumbai, wohin Salim und Jamal nach einigen Jahren als Kleinkriminelle zurückkehren, wiederzufinden, scheint hoffnungslos. Jamal jedoch will nichts anderes, als Latika aus den Händen der Kinderzuhälter zu befreien.

Indien im Wandel
“Slumdog Millionaire” schafft gekonnt den Spagat zwischen Liebesgeschichte und Sozialdrama. Anthony Doo Mantle, einer der wohl interessantesten Kameramänner der Gegenwart, hat faszinierende Bilder eines Landes eingefangen, dass sich in sechzig Jahren von einer Kolonie zu einer Weltwirtschaftsmacht entwickelt hat, welche die Vereinigten Staaten und Europa wohl bald hinter sich lassen wird. Als sich Jamal und Salim nach langer Trennung auf der Baustelle eines neuen Wolkenkratzers wiedersehen, erblicken sie dort, wo einst die Slumsiedlungen standen, in welchen militante Hindus ihre Mutter umgebracht hatten, das Finanzzentrum einer neuen Weltstadt. Wie die Brüder hat sich auch ihr Land aus dem Elend befreit und schwingt sich höher und höher hinauf.

Slumdog Millionaire 2
© Studio / Produzent

Trügerische neue Welt
Doch dem wirtschaftlichen Aufschwung folgen Korruption und Gewissenlosigkeit. Während Jamal durch seine Liebe zu Latika unberührt bleibt vom Wunsch, am neuen Wohlstand teilzuhaben, hat Salim seine Seele längst an die Schattenseite Mumbais verkauft. Kurz nach der Rückkehr der Brüder in ihre Heimatstadt trat er in die Dienste von Gangsterboss Javed, und lieferte diesem auch Latika aus. Zu einem Handlanger, Gangster und Killer verkommen, wendet sich Salim schliesslich auch gegen Jamal und stellt sich zwischen ihn und Latika. Die einzige Chance für Jamal ist, von Latika am Fernsehen gesehen zu werden, in ihrer Lieblingssendung “Wer wird Millionär”.

Märchen und Parabel
Die Geschichte des gutherzigen und des verdorbenen Bruders zeigt damit sowohl Züge eines Märchens als auch einer gesellschaftlichen Parabel. Danny Boyle zeigt in “Slumdog Millionaire” ein differenziertes Bild von einem Land, von dem wir oft nicht wissen, ob wir es nun der ersten oder der dritten Welt zuzuordnen haben. Jamals, Salims und Latikas Geschichte ist ebenso die Geschichte ihrer Heimat, welche unbeirrt westlichen Vorbildern nacheifert und dabei seine Unschuld verliert. Ob die Geschichte für Indien ganz so märchenhaft ausgehen wird wie für Jamal und Latika im Film, sei allerdings dahin gestellt, denn das Schicksal, dass in “Slumdog Millionaire” auf Jamals Seite steht, gehört nun mal ins Reich der Märchen.

Austattung
Das Bonusmaterial besteht aus ca. 20 Minuten Interviewmaterial mit Regisseur Danny Boyle und den Hauptdarstellern Dev Patel und Freida Pinto. Zusätzlich gibt es ein kleines Featurette zur Toilettenszene und eine Audiokommentar von Danny Boyle und Dev Patel. Die Interviews sind schön inszeniert und interessant, gerne jedoch hätte man etwas mehr über die vieldiskutierten Darsteller der Kinderrollen erfahren; die in den Slums von Mumbai gecastet wurden.


Seit dem 23. Oktober 2009 im Handel.

Originaltitel: Slumdog Millionaire (Nordirland, Grossbritannien 2008)            
Regie: Danny Boyle
Darsteller: Dev Patel, Freida Pinto, Madhur Mittal
Genre: Drama, Romance
Dauer: 115 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews mit Regisseur Danny Boyle und den Hauptdarstellern Freida Pinto und Dev Patel
CH-Verleih: Warner


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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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