Belarus Free Theatre „Zone of Silence“ (Theater Winkelwiese Zürich)

Alle Augen auf Weissrussland!

Belarus Free Theatre „Zone of Silence“ | Theater Winkelwiese, Zürich

Bild|Copyright: Theater Winkelwiese Zürich
Bild|Copyright: Theater Winkelwiese Zürich

Für eine Woche war das Theater Winkelwiese unter weissrussischer Besetzung. Die Gruppe Belarus Free Theatre machte mit ihren politisch motivierten Stücken während diesen Tagen auf die problematischen Umstände in ihrem Heimatland aufmerksam und begeisterte das Publikum mit ihrem Mut und ihrer Authentizität.

Von Lisa Letnansky.

Das Belarus Free Theatre wurde 2005 von Natalia Koliada, ihrem Mann Nikolai Khalezin und dem Regisseur Vladimir Shcherban gegründet. Bis heute ist es das einzige freie Theater Weissrusslands und hat, wie zu erwarten war, in seiner Heimat mit starken Repressionen zu kämpfen. Von Anfang an haben sie ihre Stücke im Untergrund – auf Waldlichtungen oder in Privatwohnungen – aufgeführt und ihre Situation hat sich nicht gerade verbessert seit gegen sie in Weissrussland ein Berufsverbot verhängt wurde. Umso mehr Unterstützung erhält die Gruppe dafür aus dem Ausland. Sie hat mit zahlreichen renommierten Dramatikern zusammen gearbeitet, darunter Tom Stoppard, Harold Pinter und Václav Havel. Ausserdem war sie bis jetzt auf vielen internationalen Festivals zu Gast und machen so im Ausland auf die prekäre Situation in Weissrussland aufmerksam.

Von Kindern und Randständigen
Vom Leben in Weissrussland berichtet das Belarius Free Theatre auch in “Zone of Silence“. Das Stück ist in drei Teile gegliedert und verfolgt so drei verschiedene Herangehensweisen. Im ersten Teil “Childhood Legends“ erzählen die Darsteller vom Aufwachsen in ihrer Heimat. Die politischen Rituale in der Schule werden genau so als Zwang und Unterdrückung empfunden wie die Armut und Kriminalität im Elternhaus. Trotzdem vergessen sie nicht, auch die Liebe vieler Eltern zu erwähnen, welche diese ihren Kindern auch in den schwierigsten Zeiten entgegen zu bringen versuchen. Der zweite Teil “Diverse“ handelt von Randständigen und Aussenseitern. Dabei unterstreicht die Gruppe ihre Geschichten von Schwulen, Alkoholikern und Obdachlosen jeweils mit kurzen Filmsequenzen, welche deren realen Vorbilder in ihrer trostlosen Umgebung zeigen. Den Abschluss des Stücks bildet das Kapitel “Numbers“. Darin werden erschütternde Statistiken und Zahlen vorgelegt, die nochmals die Realität und Aktualität der vorher gezeigten Geschichten untermauern.

Viele kleine Geschichten
72 % der Bevölkerung Weissrusslands haben Schwierigkeiten, den Begriff “Demokratie“ zu erklären. Jährlich verschwinden zwischen 1000 und 1200 Menschen spurlos, darunter auch hohe Politiker. Weissrussland besetzt den ersten Platz in der Selbstmordstatistik Europas. Diese Fakten werden von den Schauspielern mit symbolischen Bildern dargestellt und die plakativ starke Bildsprache, die sie dabei verwenden, wirkt erschreckend, fügt sich aber dennoch harmonisch ins Ganze ein. Das Belarius Free Theatre zeigt mit “Zone of Silence“ nicht einfach nur eine Geschichte, sondern viele kleine Geschichten, die zusammen einen eindrücklichen Überblick über das gesellschaftliche Leben in Weissrussland geben. Die Schauspieler erweisen sich dabei als ausgesprochen ungehemmt und authentisch, und sie haben keine Angst davor, manchmal auch etwas ins Pathetische abzugleiten, was dem Stück jedoch keinen Schaden einträgt.

Die Geschichte eines Volkes
“Zone of Silence“ erzählt nicht Geschichten von Individuen, sondern die Geschichte eines ganzen Volkes. Auch das Bühnenbild ist so gestaltet, dass alles exemplarisch bleibt, denn es ist sozusagen gar nicht vorhanden. Die Darsteller kommen mit wenigen Requisiten aus und verlassen sich dabei voll und ganz auf die Sprache und das Spiel. Eine kleine Schwierigkeit stellt nur die englische Übertitelung des auf Russisch gehaltenen Schauspiels dar. Die oft mit hoher Geschwindigkeit gehaltenen Monologe machen es einem zuweilen unmöglich, dem Spiel und gleichzeitig dem Text zu folgen. Das Gute dabei ist jedoch, dass man durchgehend mit vollster Konzentration dabei ist und die Authentizität der russischen Sprache auf sich wirken lassen kann.


Besprechung der Aufführung am 6. Dezember 2009.

Dauer: 2 Stunden 30 Minuten (mit Pause).

Spiel/Autoren
Pavel Gorodnitski
Yana Rusakevich
Oleg Sidorchik
Anna Solomianskaya
Denis Tarasenko
Marina Yurevich

Regie: Vladimir Shcherban


Im Netz
http://www.winkelwiese.ch
http://www.dramaturg.org/?lang=en


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert