Comeback des Jahres

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“Avatar” oder ein Querschnitt durch James Camerons Filmschaffen

Avatar 1

Sage und schreibe 12 Jahre hat es gedauert, bis sich Action-Tausendsassa James Cameron mit einem ordentlichen Kinofilm nach “Titanic” zurück meldet. Mit “Avatar” bricht er reihenweise Rekorde und verspricht die Revolution des Kinos eingeläutet zu haben – klar, technisch ist “Avatar” ein atemraubendes Werk. Dennoch wirkt der Film wie ein Best of seines bisherigen Schaffens. Grund genug, “Avatar” im Kontext seiner bisherigen Filme zu beleuchten.

Von Alexander Sigrist.

“Avatar” steht beinahe schon als Synonym für progressive Technik: Camerons neuster Film ist ein technologisches Wunderwerk, das gekonnt gerenderte Bilder mit gefilmtem Material vermischt. Wie kein zweiter Film erreicht “Avatar” eine (fast) perfekte Verschmelzung zwischen Computer-Figuren und richtigen Schauspielern – dieses Streben nach technischer Perfektion lässt sich beinahe im ganzen Cameron’schen Schaffen ausmachen: ob nun in “Terminator”, einer der ersten Filme, der mit einer komplett gerenderten Figur aufwartete, oder “Terminator 2”, der mit dem ‘morphenden’ T-1000 neue Massstäbe setzte (ein Effekt, der auch heute noch grossartig aussieht). Ob in “The Abyss”, mit den animierten Wasser-Aliens oder in “Titanic” mit dem digitalen Modell des Kult-Schiffes: die meisten Werke Camerons streben nach technischer Ausgebufftheit, wollen mit den Effekten die Leute verblüffen. Das funktioniert einmal mehr: “Avatar” und seine digitale Brillanz blasen den Zuschauer schlichtweg über den Haufen.

Andererseits erreicht Cameron nie die angestrebte Perfektion: seine Filme sind und waren immer an der Spitze der technologischen Machbarkeit, bedeuten jedoch nie eine (versprochene) Revolution. “Avatar” ist wie seine Vorgänger eher eine Evolution, eine Weiterentwicklung des Vorhandenen, und kaum ein völliger Umsturz des Gewesenen. Wer Cameron geglaubt hat, er würde ein völlig neues Erlebnis schaffen, wird enttäuscht werden.

Cameron und die (dünne) Story
Mal Hand aufs Herz: keines von James Cameron Werken kann sich mit einer beflügelten Story brüsten. Okay, “Terminator 1 und 2” geben sich alle Mühe, kreieren einen eigenen Geschichtsverlauf – aber die Story-Präsentation ist und bleibt in beiden Teilen geradlinig. Dasselbe gilt für Camerons Vorzeigewerk “Titanic” (Lovestory wird zum Untergangfilm) oder “Aliens”: Camerons Stories schlagen keine Haken, waten oft durch Klischees und bedienen sich schonungslos bei Vorbildern. Dass auch sein Revolutionswerk “Avatar” sich nicht aus diesem Cameron-typischen Dünn-Story-Gerüst befreien kann, erscheint dennoch erschreckend: zehn Jahre lang soll Cameron an seinem Werk gearbeitet haben – und dennoch erinnert “Avatar” in ungesundem Mass an “Der mit dem Wolf tanzt”, “Pocahontas”, “Matrix”, “Starship Troopers”, “Aliens” und dergleichen. Ausserdem bedient er sich ausgiebig bei älteren Science-Fiction Stories der 50er und 60er Jahre (Poul Andersons “Call Me Joe” zum Beispiel hatte die Avatar-Idee schon im Jahre 1958).

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Trotz ihrer Einfachheit haben Camerons Stories jedoch eine gewisse Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Das mag an der Vertrautheit liegen, daran, dass Camerons Stories zeigen, was man schon kennt, Dinge eben, mit denen man sich, trotz Science-Fiction- und Action-Übergau, identifizieren kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass Cameron ein gutes Händchen für Charaktere und Schauspieler hat: fast immer wachsen einem seine Figuren ans Herz, ja selbst Kampfroboter und blaue, 2 Meter grosse Aliens gewinnen an Tiefe und Glaubwürdigkeit. Camerons Werke, und dazu zählt auch “Avatar”, gewinnen selten einen Blumentopf für ihre Story, doch ihre Charaktere bleiben im Gedächtnis und – und genau das macht einen grossen Film aus – im Herzen stecken.

Cameron und Sigourney Weaver
Sigourney hat in “Aliens” unter Camerons Regie der bösen Alien-Queen den Hintern versohlt. Natürlich ist sie auch in “Avatar” schweinisch cool. Noch Fragen?

Cameron und die Moral der Geschichte
Cameron scheint die Welt zu mögen – und scheint sich auch um sie zu sorgen. In “The Abyss” reisen Aliens zur Erde, um eine Warnung abzugeben: wenn die Menschen weiterhin ihre Ressourcen im gegenwärtigen Ausmass verbrauchen, werden bald keine Ressourcen mehr vorhanden sein werden. In “Aliens” gibt es eine böse Firma, deren Gier nach Mehr zur Xenomorph-Katastrophe führt. “Avatar” ist eigentlich ein Best of-Mix der beiden: eine böse Firma strebt nach den Ressourcen auf dem Planeten Pandora, ohne Rücksicht auf Verluste – will heissen: wenn die friedlebende (d.h. hier im Über-Einklang mit der Natur) Rasse der Na’vi dabei draufgeht, dann ist das nun mal so. Ja, “Avatar” ist im Grunde genommen ein Öko-Film, der vor bösen, machtgeilen Konzernen warnt und die Rückkehr des Lebewesens zur Natur propagiert – so eine Moral ist zwar durchaus vertretbar, für einen revolutionären Sci-Fi-Film aber erschreckend untief und ausgekaut.

Cameron und das Monströse
Das Monster gehört fest zu Camerons Film-Kanon – und dies in allen möglichen Formen und Farben: Kampfroboter, H.R. Gigers Alien, Unterwasseraliens (ob computergeneriert wie in “The Abyss” oder ‘real’ wie im Dokumentarfilm “Aliens der Meere”), Camerons Fantasie scheint keine Grenzen zu kennen. Kein Wunder lässt er derselben in “Avatar” absolut freien Lauf und zieht alle Register seines Könnens: sein Sci-Fi-Epos glänzt mit einer Vielzahl an Kreaturen und Viechern, und einer Welt, die selbst als lebendig bezeichnet werden könnte. Dieses Monströse, welches in “Avatar” von erschreckend bis wunderschön, zerstörerisch bis lebensspendend reicht, ist dann auch die eigentliche Stärke des Films: Cameron erschafft eine komplette Welt, voller Monster und Feen, Zauber und Technik, welche jede und jeden verzaubern muss, der oder die sich darauf einlässt. Hier hat Cameron seinen Höhepunkt erreicht, in dem er alle die Energie seiner früheren Filme bündelt und wo man wahrlich die zehn Jahre Arbeit sieht.

Cameron und Überzeit
Blieb “Terminator” noch in gewohnten Laufzeit-Rahmen (105min), so überzog Cameron, sobald er den Durchbruch geschafft hatte, ohne Rücksicht auf gängige 120min-Kino-Konventionen: “Aliens” je nach Fassung 131-148min, “Terminator 2” ebenfalls bis zu 148min, “True Lies” 135min, “Titanic” 187min – nicht weiter verwunderlich, dass “Avatar” mit knapp 160min zu Buche schlägt. Verwunderlich jedoch, dass Camerons Werke trotz ihrer Laufzeit kaum langweilig werden.

Kurz und knapp: “Avatar” ist ein typischer Cameron. Im Guten, wie im Schlechten. James Cameron erfindet weder sich, noch das Rad, noch das Genre, und schon gar nicht den Film neu. Trotzdem schafft er es einen Film vorzulegen, der im Gedächtnis bleibt; einerseits auf Grund seiner visuellen Brillanz, aber doch auch auf Grund seines aufrichtigen Herzens: hinter der technologischen Masturbation lebt nämlich eine magische Welt, die verzaubern kann – wenn man sich nur darauf einlässt.

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