“Marienbrücke” von Rolf Scheider

Sprache zum Kopfschütteln

“Marienbrücke” von Rolf Scheider

Wenn in der deutschen Literatur etwas fällig ist, dann ein grosser historischer Roman, der sich dem wahrlich ereignisreichen 20. Jahrhundert annimmt. Das Interesse gerade der jüngeren Generation am zweiten Weltkrieg und der DDR ist gross, und nichts wünschte man sich mehr als ein Epos, der einen diese immer mehr in die Ferne rückenden Ereignisse bleibend in Erinnerung behält. Rolf Schneiders Marienbrücke ist, entgegen erster Hoffnungen, alles andere als dieses Epos.

Von Lukas Hunziker.

marienbrückeDer Pressetext, der gleichzeitig auch der Klappentext von “Marienbrücke” ist, liess das Herz erst einmal höher schlagen: “Eine Kindheit in Nazi-Deutschland, eine Jugend in der jungen DDR, ein Leben zwischen Anpassung und Verrat.” In Schneiders Roman würden sich “Glaube und Irrtum des 20. Jahrhunderts” spiegeln, erfährt man weiter. Die Hoffnungen waren gross: nachdem das Label “Historischer Roman” mehr und mehr für durchschnittliche Thriller und Romanzen im mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Kleid in Besitz genommen wurde, klang dies in naiven Ohren wie die Verheissung eines durchdachten literarischen Festschmauses.

Ein Buch, ein Kampf
Die Ernüchterung jedoch kam schon nach wenigen Seiten. Jacob Kersting, der Protagonist von “Marienbrücke”, war mir von Beginn an unsympathisch, und das in erster Linie deshalb, weil er alles daran setzte, mich so schnell wie möglich so sehr wie möglich zu langweilen. Kersting kommt zu Beginn des Buches in Wien an, wo er an einer Publikation zum Architekten und Designer Josef Hoffman arbeiten soll – ein Privileg, vor allem weil dies hiess, ein nicht ganz einfach zu bekommendes Ausreisevisum aus der DDR zu erhalten. Nun  ja, ein älterer Mann, der über einen toten Architekt schreiben soll, schien nicht gerade eine spannungsgeladene Ausgangssituation für das erwartete Epos zu sein, aber bitte, eine Aufwärmphase von 20-40 Seiten muss man ja wohl jedem Roman von über 400 Seiten gewähren. Doch je mehr Seiten ich umblätterte, desto mehr schien sich die Handlung meiner Aufmerksamkeit zu entziehen, und desto mehr machte sich das eigentliche Problem des Romans bemerkbar.

Sprachdebakel
Auf Seite 20 angelangt, entschloss ich mich, folgende Stelle einmal zu unterstreichen: “Den Coupon, gegen den an der Kasse die gewünschte Auszahlung folgen sollte, erfasste sie, als handle es sich um ein zuckendes Tier oder ein männliches Genital”. Ich wollte es in meiner Rezension später als bis dahin bestes Beispiel für die etwas ungelenken Vergleiche und die teils etwas unrühmliche Satzstellung anführen. Bis Seite 50 hatte ich mehr als 17 Stellen unterstrichen, bei denen eigentlich jedem Lektor, den ich anstellen würde, die Augen schmerzen sollten. Sätze wie “Er wusste eine passende Antwort nicht”, “Die Obstbaumblüte geschah hier zwei Wochen später”, “Drinnen brüllte schmerzlich vieles Vieh” oder “Vor unstillbarem Hunger nach Zärtlichkeit schien sie zu beben” erinnerten mich an ungelenke Schulaufsätze, in welchen Schüler erfolglos versuchen, die Sprache und Syntax eines vergangenen Jahrhunderts nachzuahmen.

Auch die Metaphern und Vergleiche wurden zunehmend peinlicher. Gelächter klingt “wie eine Entleerung” und das weiche, “nach Eau de Cologne duftende Fleisch” einer Frau beginnt Kersting zu langweilen. Das Wort ‘Fleisch’, vor allem in der grauenvollen Sexualbildsprache, wird beinahe zu einem Leitmotiv; und auch bei der Beschreibung von Figuren leistet es bemerkenswerte Dienste: “Marianne Lehmann hatte böse schwarze Augen und trug an kurzen Knochen viel strammes Fleisch”. Petting schliesslich wird als ein Hin- und Herrutschen auf einer Hand beschrieben.

Angst davor, poppig zu sein
“Marienbrücke” ist das zweite Buch in meinen 20 Jahre Leseerfahrung, welches ich aufgrund der missglückten sprachlichen Umsetzung, nicht fertig gelesen habe. Das erste war, wohlgemerkt, eine unglückliche Übersetzung eines norwegischen Krimis gewesen. Schade ist nicht nur, dass Rolf Schneiders Roman seinem Klappentext nicht gerecht wird. Viel mehr macht es einmal mehr klar, warum deutsche Literatur, die sich dem Deutschland des 20. Jahrhunderts annimmt, kaum je ein breites Publikum findet – Erfolge wie “Der Vorleser” mal ausgeschlossen. “Marienbrücke” ist einer jener Romane, bei denen man das Gefühl nicht loswird, dass sie auf keinen Fall ein grosses Publikum finden möchten, aus Angst dadurch weniger “literarisch” zu sein. Sie Sexualmetaphorik ist das beste Beispiel dafür, wie man gängige sprachliche Bilder vermeiden will, und dadurch nur etwas noch Peinlicheres schafft.

Meine Schulklassen geben zum Literaturunterricht meist ein relativ deutliches Feedback: mehr zeitgenössische Bücher lesen! Doch so lange deutsche Literatur der Gegenwart Romane wie “Marienbrücke” hervorbringt, ist dieser Wunsch schwer zu erfüllen. Ob Schulklassen auf die ersten Kapitel von Rolf Schneiders Roman enthusiastischer reagieren würde als auf ein Drama Schillers, möchte ich in Frage stellen.


Osburg Verlag
412 Seiten, ca. CHF 34.50

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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