Samuel Beckett, Peter Handke “Das letzte Band“, “Bis dass der Tod euch scheidet“ (Schauspielhaus Zürich)

Doppelte Erinnerung

Samuel Beckett, Peter Handke “Das letzte Band“, “Bis dass der Tod euch scheidet” | Schauspielhaus Zürich

Bild|Copyright: Arno Declair, Berlin
André Jung als Krapp – Bild|Copyright: Arno Declair, Berlin

Das letzte Band/Bis dass der Tod euch scheidet ist die Verbindung zweier Monologe von Samuel Beckett und Peter Handke. Einmal aus männlicher und einmal aus weiblicher Sicht wird eine lange zurückliegende Liebesgeschichte erzählt.

Von Rahel Klauser.

Der einsame, alte Herr Krapp (André Jung) hört sich jedes Jahr an seinem Geburtstag Tonbänder an, die er früher besprochen hat. Dieses Mal ist es Spule 5 aus Schachtel 3. Ein Monolog, aufgezeichnet, als er noch 30 Jahre jünger war, “intellektuell auf dem Kamm der Welle”. Dabei ist der inzwischen dem Alkohol verfallene Krapp hin- und hergerissen zwischen Spott und Sehnsucht über sein früheres Ich. Einmal verhöhnt er sich, einmal lauscht er andächtig und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Spule 5 erzählt von einer vergangenen Liebe, von einer gemeinsamen Bootsfahrt. Ein Ereignis, das er sich gleich zweimal anhört.

Die Kraft der Erinnerung
Herr Krapp erledigt alles mit einem Tempo von einem, der es nicht mehr eilig hat im Leben. Er bespricht erneut ein Band, wirr und undeutlich. Seine Worte sind manchmal nur schwer zu verstehen. Nach einer Weile gibt er entmutigt und verärgert auf. Wieder legt er Spule 5 ein, abermals die Szene auf dem treibenden Boot. Er legt den Kopf auf den Tisch und lauscht wehmütig dieser kurzen Zeit, in der er glücklich war.

André Jung und Nina Kunzendorf – Bild | Copyright: Arno Declair
André Jung und Nina Kunzendorf – Bild | Copyright: Arno Declair

Zu zweit warst du falsch
Dann tritt die Frau aus dem Boot (Nina Kunzendorf) auf die Bühne und erzählt ihre Version der Geschichte. Sie zeichnet ein Bild des ewig Alleinigen, des Unglückspropheten. Auf den Punkt gebracht in ihrem Satz “Zu zweit warst du falsch”. Die namenlose Geliebte sagt über Krapp, er hätte um sich einen unendlichen Leerraum geschaffen, so dass eine wirkliche Nähe zu ihm niemals möglich war. Nur einmal in diesem Boot, da habe er ihr auch ihr Zentrum gelassen. Die Frau wirkt im Gegensatz zum heruntergekommenen Krapp aufgeweckt und lebendig. Im Stück wird dieser Gegensatz unter anderem unterstrichen von einer Erzählstimme aus dem Off, die eine Analogie zu zwei steinernen Statuen schafft, dürr und verwelkt die eine, blühend und frisch die andere.

Konzentration gefragt
Das Stück verlangt vom Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit. André Jung, der für sein Engagement mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde und 2009 den Nestroy-Preis als bester Schauspieler erhielt, nimmt man die Rolle des abgehalfterten Herrn Krapp gut ab. Zeitweise ist er leider etwas schlecht zu verstehen. Bei Nina Kunzendorf, deren Monolog sich wie ein regelrechter Wasserfall über den Zuschauer ergiesst, ist Konzentration gefragt. Die beiden Schauspieler vermögen das Publikum trotz einsamer Monologe und einem recht kargen Bühnenbild in ihren Bann zu ziehen.

André Jung als Krapp – Bild | Copyright: Arno Declair
André Jung als Krapp – Bild | Copyright: Arno Declair

Handkes Antwort auf Beckett
Handke selber, der Beckett (1906-1989) mehrmals begegnete, versteht “Bis dass der Tod euch scheidet” weniger als eine Antwort auf Beckett, sondern vielmehr als ein Echo: “Ein Echo, jetzt fern, im Raum und auch in der Zeit, jetzt ganz nah an Herrn Krapp, dem einsamen Helden des Stücks von Samuel B. Ein Echo, jetzt schwach und widersprüchlich, verzerrt, jetzt stark, verstärkt, vergrössert.”

Weitere Vorstellungen: 26., 27. und 29. Januar, 16. bis 19. Februar 2010.

Dauer: 1 h 30 Minuten


Besetzung
André Jung, Nina Kunzendorf, Barbara Nüsse (Toneinspielung)

Regie: Jossi Wieler
Bühne und Kostüme: Anja Rabes
Licht: Jürgen Tulzer
Video: Stefan Bischoff
Musik: Wolfgang Siuda
Dramaturgie: Julia Lochte, Thomas Oberender

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

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