“Crossing Over” von Wayne Kramer

Vom schwierigen Zugang zum American Dream

“Crossing Over” von Wayne Kramer

Crossing Over 1

Für tausende illegaler Einwanderer ist sie das höchste zu erwerbende Gut in den USA: Die Green Card. Sie gewährt ihnen das Recht, legal in den Staaten zu wohnen und zu arbeiten, und das Ende der dauernden Angst vor Ausschaffung. “Crossing Over” zeigt die bewegenden Geschichten von sechs Immigranten, die um eine Green Card oder die Einbürgerung kämpfen – in für Hollywood ungewohnt kritischen und radikalen Tönen.

Von Lukas Hunziker.

Der Administration Bush kann man wenig Gutes nachsagen, wofür man ihr jedoch dankbar sein muss, sind ihre Auswirkungen auf die Filmindustrie. Selten hat das amerikanische Mainstreamkino so viele kritische Filme hervorgebracht, wie in den letzten drei bis vier Jahren. Beschäftigten sich die meisten dieser  Filme jedoch mit dem aussenpolitischen Engagement der USA, vor allem den Kriegen in Irak und Afghanistan (z.B. “Jarhead” und “In the Valley of Elah”), so widmet sich “Crossing Over” einem brandaktuellen innenpolitischen Thema. Illegale Immigration, vor allem aus Mexiko, aber auch aus diversen anderen Ländern, hat den Rechtsparteien ein neues Wahlkampfthema gegeben: die Eindämmung des Immigrantenflusses. Diesen wird, wie bei uns, vorgeworfen, Arbeitsplätze zu stehlen und die Sozialsystem auszunutzen. “Crossing Over” entlarvt die Praxis der Einbürgerung, bzw. der Aufenthaltsbewilligung, als rassistisch, ineffizient und unmenschlich.

Mitleid für Mexikaner

Max Brogan (Harrison Ford) ist ein alter Hase der “Migra”, der Amerikanischen Fremdenpolizei, deren Hauptaufgabe es ist, illegale Immigranten vor allem aus Mexiko aufzuspüren und zurück über die Grenze zu bringen. Während seine Kollegen heiss auf das Einfangen der Mexikaner sind und sich auf ihre Einsätze freuen, kommt Max je länger je weniger damit zu recht, dass er mit seiner Arbeit Familien auseinander reisst und Hoffnungen auf ein besseres Leben zerstört. Als  ihn bei einer Razzia eine junge Mexikanerin anfleht, sich um ihren Sohn zu kümmern, kann Max sich nicht dazu überwinden, die Vorschriften einzuhalten, und macht sich auf die Suche nach dem Sohn, um ihn zu seiner Mutter zu bringen. Als er zwei Tage später mit dem Kind an der Tür von dessen Elternhaus in Tijuana klingelt, öffnen die Grosseltern – von der Mutter fehlt jede Spur.

Keine Sympathie mit Terroristen

Max’ Partner Hamid ist der Sohn eines reichen arabischen Geschäftsmannes, der seit längerer Zeit in der USA lebt und kurz vor der Einbürgerung steht. Das schwarze Schaf der sonst streng muslimischen Familie ist  Tochter Zahra. In Amerika geboren hat sie keine Beziehung zu den Traditionen ihrer Familie und gibt sich voll und ganz dem freizügigen westlichen Lebensstil hin. Dies wird ihr genauso zum Verhängnis, wie einer anderen jungen Muslimin, Taslima, die im Gegensatz zu Zahra eine starke Beziehung zum Islam hat, und an einem schicksalshaften Tag einen Vortrag über die Motive islamistischer Terroristen hält. Obwohl sie deren Taten verurteilt und lediglich drauf hinweist, dass hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 mehr als nur religiöser Fanatismus steckte, ruft sie mit ihrem Vortrag das Departement für innere Sicherheit auf den Plan, das Taslima nach einer brutalen Hausdurchsuchung zur potenziellen Selbstmordattentäterin erklärt. Da ihre Eltern sich illegal in den Staaten aufhalten, droht damit der ganzen Familie die Ausschaffung.

© Ascot Elite
© Ascot Elite

Prostitution für die Greencard

Zu selben Zeit kämpfen die australische Schauspielerin Claire und der jüdische Musiker Gavin um eine Greencard. Gavin sieht seine Chance in der jüdischen Gemeinde von Los Angeles, und beginnt illegal an einer jüdischen Schule zu arbeiten. In seiner Freizeit macht er sich mit den wichtigsten jüdischen Glaubenstexten und Gebeten vertraut, um sich als Religionslehrer ausgeben zu können, wodurch er sich gute Chancen auf eine Greencard verspricht. Seine Kollegin Claire versucht indessen, sich kleinere Rollen als Schauspielerin zu sichern, um damit eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Als Sie eines Morgens das Auto eines Einwanderungsbeamten rammt, stellt dieser sie vor die Wahl: entweder er verpetzt sie oder sie steht ihm für drei Monate als Sexgespielin überall und jederzeit zur Verfügung, und erhält dafür nach Ablauf der Frist eine Greencard. Claires Hoffnungen in ein Leben in den USA sind zu gross, um abzulehnen.

Das Dilemma der Einbürgerung

Am Schluss von “Crossing Over” ist klar, dass die amerikanische Einbürgerungspolitik verfehlt und erfolglos ist. Bleiben darf, wer gute Freunde oder Geld hat, gehen muss, wer sich dem amerikanischen Gemeindenken nicht willenlos unterwirft oder zu einer unbeliebten Spezies von Einwanderer gehört. Bewegend und aufwühlend sind vor allem die Geschichten der reichen und der armen muslimischen Familie – Taslima, die eigenständige, kritische Muslimin, muss das Land verlassen, Hamids patriarchaler Vater, der seine Tochter lieber tot als frei sehen möchte, darf bleiben. Eine Szene bleibt besonders in Erinnerung und ist fast so stark wie jene mit der falsch aufgehängten Flagge in “In the Valley of Elah”: zu einer kitschigen Popversion der amerikanischen Nationalhymne an der Einbürgerungsfeier  werden Zahra und ihr Liebhaber ermordet. Ein bissiger Kommentar auf den Wert der amerikanischen Staatsbürgerschaft.

“Crossing Over” kann sich zwar einige pathetische, optimistische Szenen und Dialoge nicht verkneifen, bleibt jedoch vor allem als kritischer, wenn nicht gar anklagender Film in Erinnerung, und ist als solcher unbedingt zu empfehlen.


Seit dem 18. Dezember im Handel.

Originaltitel: “Crossing Over” (USA 2008)
Regie: Wayne Kramer
Darsteller: Harrison Ford, Ashley Judd, Jim Sturgess, Ray Liotta, Cliff Curtis, Summer Bishil
Genre: Thriller, Drama
Dauer: 108 Minuten
Bildformat: 1:2,35
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Bonusmaterial: “Beim Dreh”, Interviews, Trailer
CH-Vertrieb: Ascot Elite


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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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