„Pranzo di Ferragosto“ von Gianni di Gregorio

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“Pranzo di Ferragosto” von Gianni di Gregorio

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Mitte August in Rom. Alle Italiener, die irgendwie können, sind am Meer. Währenddessen erlebt Gianni in der verwaisten Stadt einige Tage in spezieller Gesellschaft: vier alte Damen sind in seiner Wohnung einquartiert. Sie kochen, sie essen, sie quatschen, sie lesen die Zukunft, sie schmollen. Das ist erstaunlicherweise gerade genug für einen gemütlichen Sommerfilm.

Von Sandra Despont.

Giannis Leben verläuft in einigermassen geordneten, wenn auch finanziell prekären Bahnen. Er kümmert sich um seine pflegebedürftige, etwas eigensinnige, aber insgesamt sehr charmante Mutter, macht täglich Abstecher in die Bar, wo er mit seinem Freund ein bisschen Alkohol die Kehle runter rieseln lässt, das Nötigste, vor allem aber reichlich Wein einkauft. Dann geht er nach Hause, kocht und trinkt dazu ein, zwei Schlückchen, um seiner Mamma beim Vorlesen dann wieder die mannhafte Schönheit der „Drei Musketiere“ vor Augen zu führen. Einziger Wehrmutstropfen: gerade ist es Sommer, August, und die Hitze in der Stadt ist fast unerträglich. Rom wirkt wie ausgestorben, alle sind am Meer. Und die, die noch nicht am Meer sind, die wollen noch hin. Wenn da nur nicht überall alte, ferienuntaugliche oder -unwillige Mammas wären.

„Wo du sie hinstellst, findest du sie wieder“

Der erste, der an Giannis Tür klopft, ist der Hausverwalter. Aus Gefälligkeit, und weil er mit der Miete arg im Rückstand ist, willigt Gianni ein, die Mutter des Hausverwalters über den Ferragosto bei sich aufzunehmen. Doch eine alte Dame kommt offenbar selten allein. Die Mutter bringt Tante Maria mit und bald gesellt sich auch noch die Mamma von Giannis Arzt Marcellino dazu. Es wird eng, doch die allgemeine Bekanntschaft lässt sich vielversprechend an. Ändert sich daran im Verlaufe des Films etwas? Nein. Die Damen sind zwar, erwartungs- und altersgemäss allesamt ein bisschen schrullig und eigen, insgesamt aber doch wohlerzogen und freundlich. Nicht umsonst preist der Hausverwalter die Tante als gesund „wie ein junges Mädchen“ und charakterlich einwandfrei: „da, wo du sie hinstellst, findest du sie wieder“. Recht hat er. Abgesehen von kleinen Zickereien, abgesehen davon, dass eine der Damen in ihrem unbändigen Freiheitsdrang das Weite sucht und eine weitere sich nicht ganz an ihren Diätplan hält, kommt es zu keinen grösseren Katastrophen. Und Gianni gibt sich herzensgut der Verpflegung und Unterhaltung der Damen hin. Ist der Film also langweilig? Irgendwie auch nicht. Von Anfang an wird durch die dokumentarische, ruhige Kameraführung, durch die natürlichen, lebensecht wirkenden Dialoge deutlich gemacht, dass es hier nicht um grosses Drama, sondern um eine kleine, entspannte Sommergeschichte aus dem in Sommerhitze siedenden Rom geht.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Weeeer hats erfunden?

So entzückend echt wie der Film selbst sind auch die Extras. Wir begleiten Regisseur Gianni di Gregorio zu den vier Hauptdarstellerinnen, die im echten Leben ebenso reizend sind wie im Film und rührend aufrichtig und begeistert von ihrer Filmerfahrung erzählen. Keine gestellte Lobhudelei erwartungsfroher Berufsschauspielerinnen, sondern ungeschminkte Lebensansichten vier alter Damen, von denen nur gerade eine vor „Pranzo di Ferragosto“ bereits die Luft des Showbiz geschnuppert hatte. Dass „Pranzo di Ferragosto“ eine eminent autobiografische Komponente hat, legt Gianni di Gregorio im Interview ebenfalls freimütig offen. Kapriziöse Mammas und Finanznöte kennt di Gregorio nur zu gut. Seine Idee, ein Film mit und über alte Frauen zu machen, hat verständlicherweise keine Begeisterungsstürme in der sich dem Jugendwahn hingebenden Filmindustrie ausgelöst. Doch dass ein ultrakleines Budget nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, sondern auch für viel Lebensnähe und Authentizität sorgen kann, beweist „Pranzo di Ferragosto“ meisterlich. Und was die Meinung anbelangt, alte Menschen im Film seien für das Massenpublikum nicht tauglich: es sein an den überraschenden Erfolg der „Herbstzeitlosen“ erinnert, die ebenfalls vom schrulligen Charme und dem ausgeprägten Charakter alter Damen gelebt und alt und jung begeistert haben. Alte Damen als Zukunft des Films? Warum nicht.


Seit dem 30. Oktober im Handel.

Originaltitel: “Pranzo di Ferragosto” (Italien 2008)
Regie: Gianni di Gregorio
Darsteller: Gianni di Gregorio, Valeria De Franciscis, Marina Cacciotti, Maria Cali, Grazia Cesarini Sforza, Alfonso Santagata, Luigi Marchetti, Marcello Ottolenghi, Petre Rosu, Biagio Ursitti
Genre: Komödie
Dauer: 72 Minuten
Bildformat:1,85:1
Sprachen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer, Teaser, Interview mit dem Regisseur, zu Besuch bei den Hauptdarstellerinnen mit Gianni di Gregorio
CH-Vertrieb: Impuls

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