“Hand aufs Herz” von Anthony McCarten

Hand aufs Auto

“Hand aufs Herz” von Anthony McCarten

Bei einem Ausdauerwettbewerb, der als Gewinn ein Auto verspricht, prallen verschiedenste Menschenschicksale aufeinander, verweben sich für kurze Zeit, trennen sich wieder. Am Schluss haben ein Landrover einen neuen Besitzer und einige Menschen ihre Grenzen gefunden.

Von Sandra Despont.

handaufsherzDie Idee ist so einfach wie bestechend. Um das serbelnde Geschäft mit seinen Neuwagen wieder anzukurbeln, richtet Terry “Hatch” Black einen Wettbewerb aus, der mit einem grossen Gewinn möglichst viele Teilnehmer und mit einem Rekordversuch in einer ganz speziellen Disziplin möglichst viel Medienaufmerksamkeit bringen soll. Wer seine Hand am längsten an einen Landrover halten kann, ohne einzuschlafen, abzugleiten oder sonstwie den Kontakt zur Karosserie zu verlieren, soll ebendiesen Landrover gewinnen.

Zyniker gegen Politesse
Tom Shrift ist einer der Teilnehmer. Ein durch und durch unsympathischer Kerl, dessen Emotionen zwischen Neid und Wut schwanken, der mit zahlreichen Ressentiments gegenüber sämtlichen Mitmenschen und insbesondere gegen Vorgesetzte und Staatsangestellte so aufgeladen ist, dass man ihn sich von Anfang an nicht mit der Hand am sondern eher mit seinem ganzen Körper unter dem Auto sehen möchte. Er trifft bei dem Wettbewerb, den er selbstverständlich widerlich findet, ausgerechnet auf die Politesse, die er jüngst als “Scheissnutte” und “Konkubine des Satans” beschimpft hatte, weil diese sich anmasste, ihm einen Strafzettel wegen Falschparkens auszustellen. Einen grösseren Gegensatz als den zwischen dem zynischen Menschenfeind Tom und der Politesse Jess Podorowski, die in Gutmenschenmanier das Auto bloss gewinnen will, damit ihre behinderte Tochter bei ihr wohnen bleiben kann, ist schwer ausdenkbar. Doch wie heisst es so schön: Gegensätze ziehen sich an. Doch bis dieses reichlich absehbare Grundgesetz der menschlichen Beziehungen in Kraft tritt, fliegen erst einmal die Fetzen, während die Lebensanschauungen Toms und Jess’, leider durch fatale Geldnot an ein Auto gefesselt, einander tagelang vor der Nase haben.

Beschäftigungstherapie für Rentner und Millionärssöhne
Die weiteren Teilnehmer sind Legion, doch wirklich ausdauernd die Hand an ein Auto halten – mit einer minimal kurzen Pause von fünf Minuten alle zwei Stunden – können die wenigsten. Darunter sind nicht nur Tom und Jess, sondern des weiteren ein Rentner und ein Ex-Soldat, ein kleiner Drogendealer und ein gelangweilter Millionärssohn, der einmal in seinem Leben etwas leisten will, um etwas zu bekommen. Was ist es, fragt sich vor allem Tom, das letztendlich den Ausschlag über Sieg oder Niederlage geben wird? Die körperliche Konstitution? Die grösste Geldnot? Der pure Siegeswille? Einer nach dem anderen scheidet mehr oder weniger tragisch aus, das Teilnehmerfeld schrumpft, begleitet von einigen mehr oder weniger tragischen, vielen komischen und manch belanglosen Ereignissen. Daran leidet “Hand aufs Herz” bedauerlicherweise ab und zu. Die geniale Ausgangsidee will nicht so recht in Schwung kommen. Wie die Teilnehmer mit ihren Händen am Auto scheint auch der Roman McCartens an der Stelle zu treten, ohne dass er einen dramatischen Höhepunkt erreichen kann. Obwohl der Roman nicht ereignislos genannt werden kann, gleitet die Handlung doch oft ins Beliebige oder Unglaubwürdige ab. Viel mehr Möglichkeiten als ein Teilnehmer nach dem anderen ausscheiden zu lassen, scheinen dem Autoren nicht offen zu stehen. Die grossen Fragen jedenfalls, die sich aus der Extremsituation der schlaflosen Teilnehmern ergeben, gehen allzuoft in der Banalität des Wettbewerbs und den manchmal doch etwas arg gesuchten oder allzu bereitwillig gefundenen Handlungsumschwüngen unter.

Keine Offenbarung, aber lesenswert
Dazu kommt, dass einen die Figuren nicht so richtig für sich gewinnen können. Man mag Tom seine Überheblichkeit, Tess ihre aufdringliche Güte und Demut angesichts eines ungerechten Schicksals nicht so recht verzeihen, auch wenn es diese beiden Figuren sind, die als Plattformen für durchaus scharfsinnige Analysen der Gesellschaft dienen. Sie sind insgesamt zu platt und zu eindimensional, um einen tatächlich für sich einzunehmen. Verglichen etwa mit seinem “Superhero”, in dem McCarten sein Können, was Figurenzeichnung und ungewöhnlichen Humor anbelangt, eindrücklich unter Beweis gestellt hat, wirkt “Hand aufs Herz” brav und blutleer. Die hohen Erwartungen, die man an McCarten hat, können also zu einer gewissen Ernüchterung führen. Trotzdem ist “Hand aufs Herz” wenn auch nicht gerade eine Offenbarung, so doch eine lesenwerte und insgesamt vergnügliche Studie über Menschen in Extremsituationen. 

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