“Mein Onkel Hubert” von Sabine Huttel

Perfektes Kleinod

“Mein Onkel Hubert” von Sabine Huttel

Im Sommer 1960 kommen die Hoffnungen auf eine richtige Familie und die erste Erfahrung von Freundschaft und Liebe für Helmi Schücking zusammen. Sabine Huttels Erstling ist eine leise, bezaubernde Geschichte über das Erwachsenwerden. Ein Drahtseilakt, der einen mit einem wohligen, sehnsüchtigen Gefühl zurücklässt.

meinonkelhubertEs ist nicht einfach, 1960 unehelich zu sein. Helmi Schücking weiss, dass sie leiser sein muss als andere Kinder, unauffälliger, braver. Ihr grösster Wunsch, Klavierspielen zu lernen, liegt in weiter Ferne. Jede kleinste Anschaffung, jeder kleinste Luxus ist für die Mutter, die quasi mit der Nähmaschine verwachsen ist, eine Belastung. Doch im Sommer 1960 scheinen Wunder möglich zu sein.

Ein E zum Glück?
Helmi nimmt ihr Schicksal erst einmal selbst in die Hand. Mutig fragt sie beim lokalen Klavierhändler, wie teuer denn die Reparatur des E käme, das ihr ständig das “Der Mond ist aufgegangen”-Geklimper verdirbt. Sie gerät an Hubert Fels, der nicht nur die Taste repariert, sondern ihr ab und zu auch Klavierstunden gibt – und Gefallen an Helmis Mutter zu finden scheint. Endlich verbringt Helmi einige Tage, in denen sie ein ganz normales Kind sein darf. Endlich darf sie mal (von Onkel Hubert dazu angestiftet) Unfug machen, unbeschwert sein, endlich denkt auch Helmis Mutter nicht immer nur an die vielen Kundinnen, die dann und dann ihre neuen Röcke, Blusen und sonstigen Kleider anprobieren wollen. Vielleicht, ganz vielleicht, und Helmi wagt es kaum zu denken, werden sie, Mama und Onkel Hubert eine Familie?

Ferienlager + Onkel = ?
Durch die Augen einer 12-Jährigen wirft Sabine Huttel in “Mein Onkel Hubert” einen präzisen, doch unprätentiösen Blick auf die enge Moral der 60-er Jahre, in der ein uneheliches Kind noch Anstoss erregte und einer Mutter ohne Ehemann mit Misstrauen und Geringschätzung begegenet wurde. Doch glücklicherweise missbraucht Huttel ihre Protagonistin nicht dazu, die 60-er Jahr als lebensfeindliche und rigide Zeit zu verunglimpfen. Denn wie sehr Helmi und ihre Mutter auch unter ihrer Lage leiden – Lebensglück hängt letztendlich nicht von Äusserlichkeiten, sondern von den Beziehungen zwischen Personen ab. Doch diese sind auch nicht unproblematisch. Die Mutter versorgt Helmi zwar, soweit es ihre finanziellen Verhältnisse erlauben, mit allem, was ein Kind so braucht, doch es fällt ihr schwer, dem Mädchen ihre Liebe zu zeigen. Helmi wiederum ist hin- und hergerissen zwischen der staunenden Verehrung für ihre tatkräftige Mutter und dem Wunsch danach, ein normales Leben zu führen. So aber findet sie sich damit ab, oft alleine zu sein, ihres Makels wegen keine Freunde zu haben. Aber der zum Greifen nahe Traum einer intakten Familie zerbricht ausgerechnet, als das undenkbar Schöne wahr wird: in den Herbstferien darf Helmi mit Onkel Hubert auf eine Chorfreizeit. Doch das Ferienlager macht ihr klar, dass sie sich in Onkel Hubert gründlichst getäuscht hat und einsam ein steigerbares Adjektiv ist. Wer jetzt Alarmglockengebimmel in seinem Kopf hört, hat Recht. Und doch auch nicht.

Auf Augen- und Nasenhöhe einer 12-Jährigen
Mit ihrem ersten Roman schafft Sabine Huttel eine vollendete Geschichte, die einen flugs in die eigene Jugendzeit versetzt. Denn ob eine Frau ein ganzes Haus in Verruf bringen kann, weil sie mehrere Tage das Putzen des Treppenhauses vernachlässigt hat, oder nicht – gewisse Hoffnungen, Träume und erste Enttäuschungen, gewisse Anforderungen der Gesellschaft und dass sich Individuen daran reiben – all das ist  zeitunabhängig. So ist “Mein Onkel Hubert” in den 60-ern verhaftet und trotzdem allgemeingültig, Helmi könnte ebensogut einer Familie von Sozialhilfebezügern entstammen und auf ihre ersten Techno-Parties gehen; ihre Erfahrungen würden trotzdem nicht an Gültigkeit verlieren und haben uns deshalb auch heute etwas zu sagen. Und wie Huttel ihre Protagonistin sprechen lässt, macht “Mein Onkel Hubert” perfekt. Die Autorin begibt sich gekonnt auf die Augenhöhe eines 12-jährigen Mädchens, das mit all seinen Sinnen beschreibt, was es sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt. Man atmet den Parfümduft der Mutter, hört sie “Hach’s dir gehütlich” sagen, sieht das Rot des Lippenstifts, ekelt sich vor der Eiersauce, spürt das Ziehen im Bauch, als Helmi klar wird, dass das nun Liebe ist. Alles in diesem Roman erzählt von Helmi und appelliert zugleich an die Leserinnen und Leser, lässt mitfühlen und ruft Erinnerungen wach. – Wie war das aber nun mit diesem Onkel Hubert?

Nein, kein Klischee – ein Kleinod
Man sieht es kommen. Ein Hubert, der Onkel genannt wird und sich mit Mädchen und Mutter befreundet, das kann in einem Roman nicht gutgehen. Umso erfreulicher ist es deshalb, dass Sabine Huttel sämtliche Klischee-Klippen umschifft und ihren Erstling nicht an den sich langsam heranschleichenden Monstrositäten alter Grüselmänner zerschellen lässt. Elegant macht sie das, ohne Helmi der Verachtung preiszugeben, ohne den Roman in allzu seichtes Wasser zu lenken. “Mein Onkel Hubert” ist ein Kleinod. Eine zärtlich erzählte Geschichte des Übergangs von der Kindheit zur Jugend, stimmig und dicht, dabei leicht und transparent, ohne Pathos, ohne eine äusserlich einfache, für die Protagonistin aber entscheidende Lebenswende aufzubauschen oder klein zu halten. Ein Buch, in dem man sich verliert und das man mit einer leichten Traurigkeit beiseitelegt. Das perfekte Buch also.


Osburg Verlag
205 Seiten, ca. CHF 32.90








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