Interview mit Sophie Zelmani

„Man trägt Dinge in sich, die nicht verschwinden, nur weil man sie eine gewisse Zeit verdrängt hat“

Bild:Severus Tenenbaum
Bild:Severus Tenenbaum

Interview mit Sophie Zelmani

Die nachdenkliche und schüchterne Schwedin hat soeben ihr achtes Album „I’m the rain“ veröffentlicht. Im E-Mail-Interview mit nahaufnahmen.ch verrät Sophie Zelmani, warum Vergebung für sie wichtig ist, wieso sie sich zu Hause am wohlsten fühlt und welches das Erfolgsgeheimnis ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Produzenten Lars Halapi ist.

nahaufnahmen.ch: Sophie, dein neues Album hast du in Schonen, der südlichsten Provinz Schwedens, aufgenommen. Wie wichtig ist für dich der Ort, an welchem du ein Album einspielst?

Sophie Zelmani: Es ist so, dass Lasse (Lars Halapi, Sophies Gitarrist und Produzent, Anm. d. Red.) vor ein paar Jahren nach Schonen umgezogen ist und sich dort ein Studio gebaut hat. So war es fast natürlich, dass wir uns entschieden, die neue Platte dort aufzunehmen. Es ist ganz wichtig für mich, dass ich mich an dem Ort, wo ich mich befinde, wohl fühle. Vor den Aufnahmen machen wir uns jeweils Gedanken, ob wir lieber isoliert irgendwo auf dem Land sein möchten oder doch eher zentral mitten in einer Stadt. Danach versuchen wir, ein geeignetes Studio zu finden.

Für deine letzte Platte „The Ocean and me“ hast du die Songs zusammen mit deiner Band an mehreren Abenden hintereinander jeweils in einer bestimmten Reihenfolge aufgenommen und danach die besten Takes jedes Liedes ausgewählt. Wie liefen die Aufnahmen zu deinem neusten Werk „I’m the Rain“ ab?

Ich reiste ein paar Mal zu Lasse nach Schonen und habe während meiner Aufenthalte dort an meinen Liedern geschrieben. Sobald ich das Gefühl hatte, dass ein Lied fertig war, haben wir es gleich eingespielt. Mit ein paar Songs haben wir jedoch gewartet, bis der Rest der Band sich zu uns gesellte, damit wir jene Lieder zusammen aufnehmen konnten.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, welches den Schreibprozess für deine neuste Liederkollektion in Gang gesetzt hat?

Die Lieder handeln ja von Gedanken und Gefühlen, welche aus mir herauskommen wollen. Man weiss im Voraus nie, über welche Themen man das Bedürfnis haben wird, Lieder zu schreiben. Aber es ist klar, dass auch für diese Platte gewisse Ereignisse ausschlaggebend waren.

„To be forgiven“, die erste Single aus dem neuen Album, handelt von der Notwendigkeit von Vergebung und Erlösung. Wie wichtig ist Vergebung für dich?

Ich hatte Anlass dazu, vermehrt darüber nachzudenken, wie man verzeihen kann,  und wie es sich anfühlen würde, wenn einem selber wirklich verziehen wird. Ob es dann möglich ist, leichter im Leben weiterzugehen, trotz Sachen, die man gesagt oder getan hat. Ich denke, dass dies sehr wichtig ist.

„Interior Design“ beschreibt im Detail die Einrichtung eines gemütlichen Hauses mit einem kleinen Garten, einer blauen Türe, einem Cheminée, überall hat es Kerzen. In welcher Umgebung fühlst du dich besonders wohl?

Ich fühle mich vermutlich am wohlsten zu Hause. Man kann es dort vielleicht nicht immer genau so haben, wie man es sich erträumt, aber man strebt danach. Kerzen, ein offener Herd und eine Badewanne sind kleine Sachen, welche ich sehr schätze.

Das wunderschöne Schlusslied „Song of the night“, beschreibt, wenn ich es richtig verstanden habe, den Prozess des Songwritings. Wie hat sich dieser Prozess verändert, seit du das erste Mal Lieder geschrieben hast?

Es ist herrlich, wie du deine eigene Interpretation erhältst, ich werde gar nicht viel dazu sagen. Aber es ist immer noch so, dass Gemütszustände und eine Unruhe im Magen den Schreibprozess in Gang setzen. In der letzten Zeit konnte ich dies aber „aufsparen“ und damit warten, bis ich die Gelegenheit bekam, in Ruhe und Frieden zu arbeiten. Das war früher schwieriger.

Seit dem ersten Album arbeitest du sehr erfolgreich mit dem Produzenten Lars Halapi zusammen. Wie hast du ihn kennengelernt und was ist, deiner Meinung nach, das Geheimnis eures Erfolges?

Patrik Sventelius, welcher mir vor vielen Jahren den Plattenvertrag verschaffte, liess mich Lasse treffen, um zu sehen, ob er zu mir passen könnte, um mir beim ersten Album zu helfen. Seitdem dauert unsere Zusammenarbeit an. Es ist schwierig zu sagen, aber es ist wie eine lange und geglückte Ehe. Ich wage es, offen zu sein und er gibt mir ehrliche Antworten. Es fühlt sich ganz einfach ehrlich und wertvoll an.

Wenn du dir für ein kommendes Album einen anderen Produzenten aussuchen müsstest, wen würdest du wählen?

Ich weiss es nicht genau. Ich würde in diesem Fall nach denjenigen Produzenten suchen, die hinter den Platten oder Künstlern stehen, welche mir am besten gefallen. Ich habe bis jetzt aber noch an niemanden Bestimmtes gedacht.

Die faszinierenden Bilder zum neuen Album hat die junge schwedische Fotografin Severus Tenenbaum gestaltet. Wie bist du auf sie gestossen und wie verliefen die Fotosessions?

Sie ist eine Freundin von Lars Sundh, welcher alle meine Plattenumschläge gestaltet. Ich mochte ihren Stil und so fotografierten wir einen Tag lang im Haus von Lars. Wir probierten eine Idee aus, welche Lars irgendwo gesehen hatte. Wir hatten es nett und lustig, assen Lebkuchenplätzchen und hörten uns dazu Musik an.

Dein neues Album wird es auch in einer Vinyl-Version geben. Wieso hast du dich entschlossen, „I’m the rain“ als Schallplatte zu veröffentlichen? Hörst du dir selber immer noch Platten an und welches ist deine Lieblingsscheibe?

Das war eigentlich gar nicht meine Idee, aber ich finde sie toll. Ist es nicht so, dass die Menschen wieder anfangen, sich vermehrt für Vinyl zu interessieren? Ich selbst habe fast keine Vinylplatten besessen. Ich glaube, ich habe im Alter von 12 Jahren einige Singles gekauft. Aber vielleicht wäre es cool, nun mit dem Sammeln zu beginnen?

Letzten Sommer hat dein Produzent Lars Halapi das Album „The Scandinavian Report“ initiiert, auf welchem skandinavische Künstler Lieder von Leonard Cohen coverten. Du hast ebenfalls bei diesem Projekt mitgemacht und dir dafür den Song „Waiting for the miracle“ ausgesucht. Wieso hast du dich gerade für dieses Lied entschieden?

Ich finde, dass es ein enorm schönes Lied ist und dass es zu meiner Art zu singen passte. Zudem konnte ich mich sehr mit dem Text identifizieren.

Vor einigen Jahren, nach der Veröffentlichung von „Love Affair“, schrieb ein schwedischer Journalist in seiner Rezension: „Sophie Zelmani spielt immer wieder die gleiche Platte ein, nur besser.“ Was sagst du dazu?

Ja, das war lieb, dass er fand, ich würde immer besser. Ich denke nicht, dass dem so ist. Ich folge irgendwie nur dem Leben und vielleicht verändere ich mich, von aussen gesehen, nicht so stark. Vielleicht sind es auch nur die Lieder, die sich für gewisse Menschen gleich anhören.

Du bist eine sehr kreative Person. Neben dem Schreiben und Komponieren von Liedern stellst du auch verschiedene Produkte aus Leder sowie Keramikwaren her.

Dies sind meine Hobbys, denen ich mich, so denke ich, etwas mehr widmen sollte. Sie halten mich davon ab, dass es mir langweilig wird. Ausserdem ist es immer befriedigend, etwas produziert zu haben.

Wieso hast du dich entschieden, bei den kommenden Konzerten – im Gegensatz zur letzten Tournee –  wieder in kleineren Lokalitäten aufzutreten?

Es ist immer mein Wunsch, in kleineren Lokalen zu spielen. Ich finde, die Konzerte fühlen sich auf diese Weise wirklicher und schöner an.

In der Vergangenheit hast du bei einigen Konzerten ein Buch im Publikum zirkulieren lassen, in welches die Besucher etwas über sich oder an dich schreiben konnten. Was hast du aus diesen Einträgen erfahren oder gelernt?

Ich bin so froh über diese Bücher. Ich habe sie nach den Auftritten gelesen und es wurde mir ganz warm ums Herz. Die Bücher sind auch eine Art Beweis dafür, wer an den Konzerten war und wie es sich anfühlte. Jetzt liegen die Bücher da und warten darauf, dass ich alt werde, damit ich sie anschauen und mich zurückerinnern kann.

Ich habe in einem Interview gelesen, dass du vor drei Jahren während eines Soundchecks in der Passionskirche in Berlin eine Art Erweckung hattest. Inwiefern hat dich diese Erfahrung verändert oder beeinflusst?

Das war eine ganz merkwürdige Sache, welche da während des Soundchecks geschah, ohne dass ich darauf gefasst gewesen wäre. Ich fing an, immer wieder hemmungslos zu weinen und konnte damit erst lange nach dem Ende der Tournee wieder aufhören. Es ist wohl so, dass man das Gefühl hat, man habe Kontrolle über alles, aber manchmal wird man von sich selber auf irgendeine Weise überrumpelt. Ich finde, dass das befreiend sein kann. Man trägt Dinge in sich, die nicht verschwinden, nur weil man sie eine gewisse Zeit verdrängt hat.

Du wirst die Tournee mit zwei Konzerten in der Schweiz beenden. Gibt es etwas, worauf du dich besonders freust, wenn du an einen Besuch in unserem Land denkst?

Mittlerweile fühlt es sich richtig vertraut an, euch zu besuchen. Ich habe einige speziell schöne Erinnerungen an Erlebnisse in eurem Land, bin sehr dankbar dafür und freue mich darauf, wieder in die Schweiz zu kommen. Ich fühle mich bei euch sehr wohl.


Konzerte:

26. März 2010 Bern, Bierhübeli

27. März 2010 Zürich, Härterei

Im Netz:

http://www.zelmani.com

http://www.zelmani.se



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