Wer kann in 100 Jahren noch etwas mit einer DVD anfangen?

Die vergessene Zukunft

Hieroglyphen auf dem Rosetta-Stein

Diese Zivilisation wird untergehen. Vielleicht nicht gerade morgen, aber die Wahrscheinlichkeit ist recht gross, dass irgendwann einmal eine Katastrophe ihr ein Ende setzen wird. Der Einschlag eines Meteoriten könnte der Grund sein, eine Klimaänderung, eine Krankheit, wer weiss.

Aber darum soll es in diesem Text nicht gehen. Wir wollen uns nicht ausmalen, wie Millionen Menschen sterben und die Welt im Chaos versinkt. Vielmehr werfen wir einen Blick auf den Neuanfang danach – falls es einen gibt. Aber so optimistisch wollen wir heute sein!

In der zivilisationslosen Zukunft werden die Menschen vielleicht wieder in Höhlen leben und sich von Beeren, Wurzeln und selbst gejagten Tieren ernähren. Sie werden einfache Werkzeuge basteln, Nadeln vielleicht, um Kleider aus Fellen zu nähen. Oder Äxte und Schneidwerkzeuge. Das Wissen und die Kultur der einstigen Zivilisationen werden längst vergessen sein – oder allenfalls noch in weitererzählten Legenden weiterleben. Wollen diese Menschen wieder eine Zivilisation aufbauen, werden sie alles neu erfinden müssen.

Dass sie nichts mehr von uns wissen werden, daran sind nicht zuletzt wir selber schuld. Denn einerseits konservieren wir unser Wissen äusserst lausig: Während Bücher bei guter Lagerung ein paar hundert Jahre lesbar bleiben können, sind digitale Daten das Speichermedium nicht wert, auf dem sie aufgezeichnet sind. Eine handelsübliche CD zum Beispiel hält bestenfalls ein paar Jahrzehnte.

Und andererseits benötigen digitale Daten eine riesige Infrastruktur, um sie überhaupt lesen zu können. Selbst wenn in einer fernen Zukunft einem Menschen eine noch intakte, weil hochwertige DVD in die Hände fallen sollte; was sollte er damit tun? Je nach Stand seiner Kultur wäre die Annahme gerade zu absurd, er würde sich einen Computer basteln und gleich noch den Strom dafür herstellen.

Immerhin, es gibt Menschen, die sich des Problems der kurzen Haltbarkeit von Information angenommen haben: Die Mitarbeiter der Long Now Foundation. Zwei ihrer Projekte sind bereits in Arbeit: Eine neue Ausgabe des Rosetta-Steins und eine mechanische Uhr, die mindestens 10’000 Jahre laufen soll.

Robust muss sie sein, diese Uhr, und zukünftige Entdecker sollen ihre Prinzipien begreifen, sie nachbauen oder reparieren können. Ein gewisses technisch-kulturelles Niveau ist dazu allerdings Bedingung, es sollte ungefähr demjenigen der Bronzezeit entsprechen, die in Europa etwa um 2200 vor Christus  begann. Erste Prototypen dieser Uhr wurden bereits gebaut. Einer davon ist Orrery, ein Modell, dass auch die Position der sechs von Auge sichtbaren Planeten anzeigt.

Das Rosetta-Projekt ist benannt nach dem Rosetta-Stein, einer Granitplatte aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Auf ihr ist Text in drei Schriften – Altgriechisch, Demotisch und Hieroglyphen – eingemeisselt. Dieses Nebeneinander war bei der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen sehr hilfreich.

Der neue Rosetta-Stein ist eine Scheibe von etwa acht Zentimetern Durchmesser. Sie soll dem zukünftigen Forscher ein Bild der heutigen Sprachenvielfalt vermitteln. Gefertigt ist sie aus einer widerstandsfähigen Nickellegierung und auf die Oberflächen der beiden Seiten ist ein Text in über 2000 verschiedenen Sprachen geätzt. Auf der Oberseite beginnt er gut von Auge lesbar und wird spiralförmig immer kleiner. Auf der Unterseite finden sich tausende Seiten Text in mikroskopisch kleiner Schrift.

Mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf ihn, sind die Bemühungen um den Stein allerdings nicht. Auch mit Nickelscheiben für alle Gebiete der Wissenschaft gelänge es höchstens, einen Bruchteil unserer Errungenschaften und Erkenntnisse zu sichern, aber immerhin.  Doch weitere derartige Scheiben gibt es (leider) noch nicht, geschweige denn grössere Projekte.

Doch selbst wenn man solche Scheiben überall auf dem Planeten verteilt und hofft, dass diese beständigen Mini-Archive dereinst tatsächlich gefunden werden,  stellt sich die Frage, ob sie je auch entziffert werden können. Dass es sich bei den eingravierten Zeichen um Schrift handelt, ist für den Menschen aus einer andern Welt – und das wird die Zukunft vielleicht sein – keinesfalls offensichtlich.

Wie müssen wir heute Symbole gestalten, welche die Menschen auch in ferner Zukunft verstehen? Auch für die nuklearen Endlager ist dies eine Herausforderung. Wegen der Gefahr radioaktiver Strahlung sollen hier Symbole die Aussage: „Haltet Euch hiervon fern!“ vermitteln. Die Planer denken über Symbole nach, die schmerzverzerrte Gesichter zeigen oder flüchtende Menschen. Doch wer den Verdacht hegt, dass dies erst recht die Neugier wecken könnte, liegt wohl nicht völlig falsch.

Von Vorteil wäre die Neugier wohl für mögliche Objekte mit dem gespeicherten Wissen unserer Zivilisation. Doch wie sollten diese Objekte aussehen? Raffinierte Bauwerke wie die Pyramiden oder speziell markierte Höhleneingänge?

Klar scheint, dass nicht das ganze Wissen auf einmal zugänglich gemacht werden kann. Menschen auf einem tiefen kulturell-technischen Niveau können nichts mit Quantenphysik anfangen. Die Langzeitarchive sollen – auf raffinierte Weise – ihr Geheimnis und damit das Wissen unserer Epoche Schritt für Schritt preisgeben. Den Zugang erhält nur, wer auch mit den Erkenntnissen umgehen kann.

Vielleicht werden die Menschen der Zukunft diese Botschaften aus der Vergangenheit als göttlich oder ausserirdisch taxieren. Vielleicht werden sie sie eines Tages in ihre Museen stellen, so wie wir es in unseren Tagen mit geheimnisvollen Gegenständen wie der Himmelscheibe von Nebra tun.

Eines ist gewiss: Dieser Text wird keine 10’000 Jahre überdauern. Wenn ihn jemand in eine Steinplatte meisseln wollte, wäre das natürlich anders. Interessierte melden sich bitte!

Links:
Die Organisation, die sich um die 10’000-Jahre-Uhr und die Rosetta-Scheiben kümmert:
http://www.longnow.org

Wie sollen Symbole aussehen, die jeder versteht, sogar Ausserirdische?
http://voyager.jpl.nasa.gov/spacecraft/goldenrec.html

Artikel über langlebige Datenspeicher
http://swissengineering-stz.ch/pdf/stz0520093327.pdf

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