Wieviel Manipulation ist erlaubt?

Wieviel Manipulation ist erlaubt?

Eine Disqualifikation bei World Press Photo wirft Fragen auf

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Das disqualifizierte Bild wurde von www.worldpressphoto.org entfernt


World Press Photo hat einen der diesjährigen Preisträger wegen einer unzulässigen Bildmanipulation disqualifiziert. Damit wird eine der wichtigsten Institutionen des gegenwärtigen Fotojournalismus ihrem Ruf von höchster journalistischer Integrität gerecht. Und zeigt, dass die Diskussion um fotografische Manipulation eine Gratwanderung ist.

World Press Photo verkündete Anfang März, dass der mit dem 3. Preis im Bereich Sport Features ausgezeichnete Beitrag des Ukrainischen Fotografen Stepan Rudik zurückgezogen werden musste. Aus dem nachgelieferten RAW-file des eingereichten Bildes, so World Press Photo, sei ersichtlich geworden, dass der Fotograf ein Element nachträglich aus dem Bild entfernt hatte. Damit verstösst er gegen die Regeln des Wettbewerbs, die da lauten: “Der Inhalt eines Bildes darf nicht verändert werden. Nur die Retusche, die den gängigen akzeptierten Standards des Fotojournalismus entspricht, ist erlaubt“. Dass Fotografien, die im journalistischen Kontext entstehen, die Wirklichkeit nicht verschleiern dürfen, ist einleuchtend. Besonders in Zeiten der Digitalfotografie, dank der die Bearbeitung von Bildern immer einfacher geworden ist, ist es wichtig, im Umgang mit Manipulationen klare Regeln einzuhalten.

Doch der Vergleich zwischen besagtem RAW-file und dem eingereichten Bild, den das British Journal of Photography auf Bitte des disqualifizierten Fotografen Stepan Rudik hin veröffentlicht hat, zeigt, dass dies nicht so einfach ist. Die Manipulation, die zur Disqualifikation geführt hatte, besteht in der digitalen Entfernung eines klitzekleinen Details – der Fussspitze, die sich unschön mit der Hand im Zentrum des Bildes überschneidet – das den Bildinhalt nicht zentral verändert. Das Bild, das Rudik bei World Press Photo eingereicht hatte, unterscheidet sich vom disqualifierten Bild in vielerlei Hinsicht, der kleinsten davon der entfernten Fussspitze. Der starke Anschnitt, der Verzicht auf Farbe und die veränderten Kontrastverhältnisse vermitteln den Eindruck, der Fotograf habe sich in einer intimen Nähe zu der dargestellten Aktion befunden und verwandelt das banale Bandagieren einer Hand in eine fast schon zärtliche Geste; ein Eindruck, der im Ursprungsbild so nicht entsteht. Verglichen mit diesen legalen Veränderungen am Bild erscheint das Entfernen der Fussspitze verschwindend klein. Der Fotograf hat offensichtlich zahlreiche Veränderungen am RAW-file vorgenommen, die alle der gängigen Praxis entsprechen und nicht zur Disqualifikation führen konnten. Erst das Entfernen eines Elementes aus dem Bild macht aus der akzeptierten Retusche eine Manipulation, die die Glaubwürdigkeit des Bildes in der Augen der World Press Photo in Frage stellt.

“Ich ‘entferne’ regelmässig Dinge aus Fotografien indem ich die Kamera nach rechts, links, oben oder unten bewege. Jeder Fotograf, der etwas fotografiert, ‘entfernt’ den Rest der Welt aus dem Bild”, kommentiert ein Fotograf im lens blog die Disqualifikation und bringt das Problem damit auf den Punkt: Fotografieren bedeutet immer eine Manipulation des Gesehenen, schon nur durch die Transformation des dreidimensionalen Raumes auf eine begrenzte zweidimensionale Fläche – von all den Möglichkeiten der Veränderung durch Schärfe und Unschärfe, Licht und Schatten, Farbe und Kontrastverhältnissen ganz zu schweigen. Hätte Stepan Rudik die Kamera ein bisschen bewegt, wäre der Fuss nicht im Bild gewesen. Worin liegt der Unterschied zwischen den ‘Manipulationen’ zum Zeitpunkt der Aufnahme und denjenigen, die danach vorgenommen werden?

Nun gut, könnte man argumentieren, die Leistung eines Fotografen besteht doch darin, die Kamera im richtigen Moment so zu führen, dass eine nachträgliche Manipulation nicht nötig ist. Ein Fotograf, noch dazu einer, der für seine Arbeit mit einem hochkarätigen Preis ausgezeichnet wird, muss die Augenblicke erkennen und in der angemessenen Form festhalten können. Doch ist es nicht auch eine fotografische Leistung, aus dem Rohmaterial, wie es das RAW-file ist, ein Bild herauszuarbeiten, das zum Betrachter spricht, ihn bannt und ihm eine Realität vermittelt, die er ohne dieses Bild nicht erfahren könnte?

Die Grenzen zwischen Manipulation und zulässiger Retusche sind in jeder fotografischen Praxis fliessend. World Press Photo ist sich dessen auch bewusst, wie die relativ offene Formulierung ‘gängige akzeptierte Standards’ zeigt. Das Löschen eines Elementes aus einem Bild ist eine objektiv feststellbare Veränderung, und dass eine Institution wie World Press Photo klare Grenzen setzen muss, ist nachvollziehbar. Doch sollte man sich im journalistischen Umgang mit Fotografien vielleicht wieder einmal vor Augen halten, dass eine Fotografe immer eine Interpretation der Wirklichkeit ist, und dass die Glaubwürdigkeit der Fotografie eine verführerische Illusion ist – und schon immer war.

 

Links

Wold Press Photo

British Journal of Photography

Diskussion zum Thema im lens blog

 

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