Drei Thesen zum “Killerspiel”-Verbot

Drei Thesen zum „Killerspiel“-Verbot…

…und warum es wichtig ist, einen Unterschied zu machen

anotherworldKünstlerisch nicht wertlos, trotz Blaster: Eric Chahis “Another World”

Am 18.03.2010 beschloss der Ständerat, zwei Motionen mit demselben Thema an den Bundesrat weiter zu reichen: Die Besorgnis angesichts so genannter „Killerspiele“. Während die Motion Hochreutener durchaus vernünftig eine verschärfte Kontrolle der Einhaltung bereits bestehender Altersempfehlungen vorsieht, schlägt die Motion Allemann über alle Stränge des Zumutbaren. Dies ist umso inakzeptabler, als sie offensichtlich auf der prekären Basis diffuser Ängste statt harter Fakten gebaut ist. Zwei Thesen zur Motion und eine dazu, warum es wichtig ist, einen Unterschied zu machen.

Von Christof Zurschmitten.

Das Ungleichgewicht liegt in der Natur des politischen Diskurses. Case in point: Nichts, was ich hier schreibe, wird die Ohren jener erreichen, für die es in erster Linie bestimmt ist. Nichts, was ich hier anführen könnte, würde die Betroffenen dazu ermuntern, daraus einen Dialog zu machen. Weshalb ich es mir erlauben will, selbst einen Dialog daraus zu machen, indem ich mich nämlich jener Worte annehme, die bereits geschrieben wurden: Der Motionen selbst, im Wortlaut, wie er an den Bundesrat gehen wird. Dem drohenden Vorwurf der Haarspalterei möchte ich entgegnen: Dieses Vorgehen nimmt, wenn nichts sonst, so immerhin den Text und seine Verfasser ernst. Und wen, bitte schön, darf man noch beim Wort nehmen, wenn nicht Juristen?

These 1: Die Motion Allemann ist, verbatim, Zeugnis von Ignoranz, vorsätzlicher Irreführung und/oder Missbrauch eines politischen Instruments
Am Anfang ist das Wort, resp. der in beiden Motionen quasi identische Titel: “Verbot von Killerspielen”. Auch wenn politische Rhetorik selten subtil ist: Der Begriff „Killerspiel“ ist ein von einschlägigen Konnotationen gesättigter, von Definitionsschärfe aber weitestgehend befreiter Selbstläufer, dem seine Herkunft aus dem Boulevardjournalismus unzweideutig anzumerken ist. In offizielleren Fällen – etwa Gerichtsentscheiden – wird dem Wort wenigstens ein Zweifel streuendes “sogenanntes” vorangeschickt, ein Akt des Anstands, der vom irrlichternd leuchtenden Titel einer Motion wohl nicht gefordert werden darf.
Blöd nur, dass auch der Motionstext Exaktheit weder sucht noch findet. Die Motion Hochreutener erlaubt sich zwar den geschichtsträchtigen Pleonasmus “gewaltbeinhaltende Killerspiele”, definiert diese aber wenigstens nach transparenten Kriterien: “sogenannte Ego-Shooter gemäss Rating 16+/18+ der Pan European Game Information”. Dass er dem ungleich genauer definierten Begriff “Ego-Shooter” das so spärlich benutzte “sogenannt” zugesteht, einmal dahingestellt: Die Formulierung zeigt den Mangel an Sachkenntnis hinter der Motion. Der Ego-Shooter ist bestenfalls ein Genre (und selbst das wird aus guten Gründen debattiert), das zudem natürlich kein Monopol auf 16+-Ratings anmelden darf – mit „Mortal Kombat“, „Manhunt“, „GTA 4“ oder der Näfschen Nemesis „Stranglehold“ sind ironischerweise gleich eine ganze Handvoll der kontroversten Titel der Vergangenheit keine Ego-Shooter. Das muss Norbert Hochreutener vielleicht nicht wissen, aber es zeigt doch, dass Schlagworte hier wichtiger sind als Inhalte.
Die Motion Allemann macht den Behörden das Leben aber noch weitaus schwerer: “Killerspiele” wären demnach alle Spiele, “in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen.” Das reinste Konglomerat von Schwammigkeiten: Wie genau wären “Gewalttätigkeiten” zu definieren, wie “Grausamkeit”, jedenfalls in einem Sinn, der nicht abgedeckt ist durch  Art. 135 StGB, der das Verbot derartiger Darstellung bereits vorsieht? Und die Frage, ob eine Handlung in einem Game “zum Spielerfolg beiträgt”, dürfte in Zeiten, in denen immer mehr Games auf klare Zieldefinitionen verzichten, sogar gestandenen Fachleuten schwer fallen. Umso mehr natürlich den zuständigen Gerichten, die bei der Auslegung eines entsprechenden Gesetzes ziemlich auf sich allein gestellt wären.

Auch die Begründung der Motionen ist fragwürdig. Hochreutener seinerseits stellt die altbekannte, äusserst umstrittene Kausalverbindung her zwischen einer exzessiven Gewalttat („der Fall Höngg“) und dem Medienkonsum. Immerhin aber verbleiben seine Formulierungen im vorsichtigen Konjunktiv. Insofern liest sich seine Begründung als Formulierung entstandener Sorgen, die aber dennoch Raum lassen für Zweifel: Es sei noch „abzuklären“ und „zu prüfen“ inwiefern neue Massnahmen angebracht seien.
Alleman formuliert dagegen durchgehend auf dem Boden wankender Tatsachen. Vordergründig gibt sie sich zwar beschwichtigend und aufgeklärt mit Formulierungen wie: „Die Ursachen von Gewalt Jugendlicher und junger Erwachsener lassen sich nicht auf einzelne Faktoren reduzieren.“ Dahinter verbirgt sich aber, mit den Worten eines gewissen „Vicarocha“ in einem trefflichen Kommentar, „die naive Implikationen einer überdeutlich auf simpelste Stimulus-Response-Modelle ausgerichteten Mediengewaltwirkungsforschung, die mit einer extrem negativen Anthropologie und einem naiven Medieninformationskonzept kokettiert.“
Gestützt ist Allemanns Extremposition auf nicht näher benannte „neuere Studien“, in denen „ein zunehmender empirischer Zusammenhang zwischen gewalttätigem Verhalten und dem Konsum von sogenannten Killerspielen ausgewiesen [wird].“ Das ist, mit Verlaub, im besten Fall ignorant, im schlechtesten aber bewusste Irreführung. In einem derart umstrittenen Forschungsfeld wie der Game-Forschung, in der sich berüchtigterweise für jede zu stützende Position die passende Studie finden lässt, ist der Verweis auf ominöse „neuere Studien“ höchst problematisch. Selbst in der Schweiz haben jüngst diverse, maximalunverdächtige Stellen starke Zweifel laut gemacht angesichts derart undifferenzierter Thesen wie der „verstärkten Killer(!)bereitschaft via Computerspielkonsum“ – etwa die Pro Helvetia in einer breit angelegten Studie zum Gegenstand.
Dieser Umgang mit Pseudo-Fakten ist umso verwerflicher, als davon auszugehen ist, dass die Zerstrittenheit des Forschungsfeldes gerade jenen unbekannt sein dürfte, die über diese Motion befinden mussten. Damit wird der Satz zu einem manipulativen Rückgriff auf Halbwissen, was im Übrigen auch Interviews mit Allemann belegen, in denen sie die Motion – wie Bundesrätin Widmer-Schlumpf vergeblich betont hat immerhin ein Handlungsauftrag an den Bundesrat! – als blossen „Denkzettel“ für die Game-Industrie verstanden wissen will. Zur Irreführung kommt also auch noch der leichtfertige Umgang mit politischen Instrumenten.

Woher all der Hass, all der missionarische Eifer? Der Urgrund versteckt sich in einem Nebensatz: Verhältnismässig würde das Totalverbot der „Killerspiele“ nämlich dadurch, dass „sie über keinen irgendwie schützenswerten kulturell-gesellschaftlichen Gehalt verfügen und es Tausende andere spannende Computerspiele gibt, die ohne solche Gewaltexzesse auskommen.“ Allemann spielt sich also als Kunst-Despotin auf in einer Disziplin, mit der in differenzierter Weise auseinanderzusetzen sie sich weigert. Dass das Genre des Ego-Shooters seit Jahren die technologische Entwicklung im Bereich Heimcomputer vorantreibt, dass die „GTA“-Serie eine präzise Farce auf eine medial bestimmte Gesellschaft darstellt und dass „Half-Life 2“ das narrative Potential des Mediums weiter gepusht hat als vielleicht jedes andere Game der jüngeren Vergangenheit, braucht sie nicht einmal zu wissen. Dass derartige uninformierte Pauschalverurteilungen eines Mediums mithilfe eines lächerlichen Substituts-Arguments aber nicht nur bedenklich, sondern geradezu verwerflich sind, dagegen schon.

Allemann scheint sich bewusst zu sein, dass ihre Forderungen kaum mehr als eine quasi-pathologische Übersteigerung bereits bestehender Massnahmen darstellen und damit kaum praxis-relevant werden dürften; jedes Gericht müsste im Sinne des Grundsatzes, weitgefasste Rechtsbestände möglichst restriktiv auszulegen, in entsprechenden Fällen zögerlich agieren – und viel restriktivere Forderungen als die der Motion Allemann, die gleich generell die „Herstellung, das Anpreisen, die Einfuhr, den Verkauf und die Weitergabe“ verbieten will, kann ein Rechtsbestand kaum angehen. Insofern steht zu hoffen, dass der Bundesrat Hochreuteners Motion den Vorzug geben wird, die, wir wiederholen es gerne noch einmal, einen vernünftigen und akzeptablen Lösungsvorschlag darstellt. Ein Skandalon bleibt natürlich dennoch, oder zwei, wenn wir den (nennen wir es beim Namen) populistischen Winkelzug Allemanns dazu zählen wollen: Erschreckend nämlich ist vor allem anderen, dass ein derart offensichtlich hyperbolischer, unrealistischer und mit wichtigen Werten (wie der Meinungs- und Kunstfreiheit) potentiell kollidierender Vorschlag überhaupt den Weg vor den Bundesrat finden konnte.
Im Endeffekt scheinen wir es also mit einem jener, in der letzten Zeit bedenklich häufigen Beispiele für einen politischen Entscheid zu tun zu haben, der diffusen Ängsten mit noch diffuseren Pseudo-Lösungen begegnet. Mit anderen Worten: ein Bauch- statt Kopfentscheid. Und diese Region war, wie der Fachmann weiss, seit jeher schon die Produktionsstätte von bullshit.

2. Die Reaktionen auf die Motionen sollten nicht simpler ausfallen als die diesen zugrunde liegenden Ideen
Der Mist ist geführt, aber Widerstand regt sich. Das Spektrum der Reaktionen reicht vom Traditionalismus (angekündigte Demonstrationen) bis zur Resignation („Die in Bern oben machen ja eh, was sie wollen!“) und greift gar aus in dunkle Regionen des Fatalismus – sofortiger Liebesentzug für die SP zugunsten der SVP!, wie im 20 Minuten-Forum vorgeschlagen wurde. Auch  nicht wirklich ein grösseres Zeugnis von Reife ist der zivile Ungehorsam, der androht, notfalls die Staatsbürgerschaft zu kündigen, um auf einer Piratenflotte in den Unweiten des Internets dümpelnd nach Herzenslust plündern, brandschatzen und gewalttätige Grausamkeiten verüben zu können.
Mit Originalität punkten kann immerhin der Versuch der Desavouierung, mittels Verweis auf die mangelnde Sitzungsdisziplin der Ständeräte, oder, noch kreativer, mittels Verschwörungstheorie: Telepolis zog rasch Verbindungslinien zwischen den Motionsinitiianten und, oha!, der, Zitat, „Psychogruppe Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM)“. „20 Minuten“ zog ohne Zögern nach. Leider erklärt dies aber nur wenig, und es macht mit Sicherheit nichts rückgängig – auch wenn man sich natürlich darüber Gedanken machen darf, was es bedeuten würde, wenn die Gesetzgebung eines Landes korrespondiert mit dem Gedankengut einer Gruppierung, die bei einschlägigen Sektenexperten Dossiers liegen hat und innerhalb ihrer Reihen „ein Verbot von Liebesbeziehungen zu anderen Jugendlichen“ praktizierte.
Fakt aber ist: alle diese Reaktionen haben zwar den Vorteil, irgendwie praktikabel zu sein. Sie haben aber auch den Nachtteil, als simple Lösungen für ein komplexes Problem zu riskieren, genau die Natur dessen zu reproduzieren, wogegen man eigentlich angehen will.

In schönster martialischer Metaphorik sei darum verkündet: In dieser Schlacht darf jeder seine Waffen selber wählen (solange es dabei nicht zu grausamen Gewalttätigkeiten kommt, natürlich). Aber dabei bitte nicht den alten Tempelritter-Spruch vergessen: „Choose wisely“.

3. Können wir das nicht wie Erwachsene diskutieren?!
Genau darin scheint das Problem zu liegen: Nein, können wir anscheinend nicht. In einer erwachsene Diskussion würden sich verbale Vakuumblasen wie „Killerspiel“ ebenso von selbst verbieten wie als Fakten ausgegebene Behauptungen.
In nobler postmodern-akademischer Tradition sei darum das Problem zu einem des Diskurses erklärt: Der Computerspiel-Diskurs ist in einem desolaten Zustand. Wieso sonst könnte selbst von höchsten politischen Gremien wiederholt das Computerspiel in einem Atemzug mit Kinderpornographie genannt werden? Wieso sonst könnte eine Frau, deren einzige Qualifikation in der Debatte eine entschwindende Telegenität zu sein scheint, am Britischen TV öffentlich behaupten, dass Games Sexismus, Rassismus, Gewalt, Hass und Sucht förderten, ohne dass irgendjemand widerspricht oder auch nur einen Beleg für ihre These fordert? Wieso sonst könnte die wichtigste Zeitung dieses Landes es sich in ihrer – eigentlich erfreulich zunehmenden und aufgeschlossenen – Berichterstattung erlauben, nicht einmal den Unterschied zwischen dem Titel einer Franchise und seiner Protagonistin zu kennen? Wieso sonst könnte eine Zeitung wie die “taz” durchkommen damit, noch in einem als Verteidigung gedachten Artikel den Unterschied zwischen zwei im Namen ähnlichen, ansonsten aber denkbar unterschiedlichen Titeln wie „Warcraft 3“ und „World of Warcraft“ nicht zu kennen?

Jeder darf in diesem Konflikt seine Waffen selber wählen, unsere ist diese: Die Einführung einer Berichtserstattung über Games auf nahaufnahmen.ch. (Stay tuned.) Ob und in welchem Rahmen dies etwas beisteuern kann zu einem erwachsenen Diskurs über Games, wird die Zukunft zeigen.
Eine Zukunft, in der, so hoffen wir wenigstens, der Kopf wieder tun darf, was ihm zukommt, und der Bauch ebenso.

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