„Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“ von Günter Wallraff

Grenzerfahrungen für mehr Gerechtigkeit

„Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“ von Günter Wallraff

Günter Wallraff ist Journalist und Schriftsteller. Von Zeit zu Zeit wechselt er jedoch das Metier, nimmt andere Identitäten und Berufe an, wechselt Nationalität und Hautfarbe und erlebt so aus erster Hand, was das Leben in Deutschland auch bedeuten kann. Mehr noch als in seinen früheren Werken nimmt Wallraff im Hörbuch «Aus der schönen neuen Welt» den Hörer gleich mit auf die Reise. Zahlreiche O-Töne bezeugen seine Schilderungen und lassen sprach- und fassungslos werden. Er hält vor Augen, was eigentlich nicht sein darf.

Von Fee Anabelle Riebeling.

ausderschönenneuenweltLidl ist böse, Starbucks nutzt aus, Callcenter sind dubios, Obdachlose haben es nicht leicht und Dunkelhäutige haben es oft noch viel schwerer. Die Themengebiete, in denen Günter Wallraff für «Aus der schönen neuen Welt» recherchiert hat, sind allgemein bekannt. Seit Jahren schon werden die betroffenen Firmen von den Medien im In- und Ausland kritisch beäugt. Doch Deutschlands wohl bekanntester Undercover- und Enthüllungsjournalist belässt es nicht bei einer distanzierten Beobachtung von aussen. Er geht rein. Dorthin, wo die Vorwürfe Form annehmen und Verantwortliche, Ursachen, direkt und indirekt Betroffene sichtbar werden. Und so wird er – undercover – vorübergehend Teil des Ganzen.

„Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren“
Er heuert – mit verändertem Aussehen und der Identität eines Freundes – in einem Kölner Callcenter an und versucht sich dort als Verkäufer von unseriösen Lotterielosen. Er scheitert, denn sein schlechtes Gewissen, das zwar verständlich, in der Firma aber unerwünscht ist, verhindert die notwendigen Abschlüsse. Verdeckt aufgezeichnete Tonaufnahmen zeigen das ungeheure Vorgehen eines erfolgreichen „Kollegen“, der nicht dem allgemeinen Anstand, sondern willenlos den haarsträubenden Firmenanweisungen folgt. Wie mächtig derart dubiose Unternehmen tatsächlich sind, beweist ein Interview mit einer unerkannt bleiben Wollenden.

„Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren“, sagte Wallraff einmal. Es steckt viel Wahres in diesem Satz, denn anders hätte er keinen Einblick in die Machenschaften der Hunsrücker Fabrik bekommen, die täglich tausende von Aufback-Brötchen für die Supermarktkette Lidl produziert und dabei über Arbeitsschutz- und Hygienebestimmungen hinwegsieht. Als angestellter Niedriglöhner schuftet Wallraff beinahe bis zur körperlichen und mentalen Erschöpfung. Als er genug gesehen hat, meldet er das Unternehmen – und zieht weiter.

Randgruppen-Recherche
Als Farbiger wagt er sich während der Fussball-WM 2006 in die viel beschriebenen No-go-Areas in Ostdeutschland, aber auch in weniger vorhersehbare Situationen, wie etwa eine Wohnungsbesichtigung. Er trifft auf offensichtlichen Rassismus und klischeebelastete Vorbehalte. Im deutschen Winter verwandelt Wallraff sich in einen Clochard und sucht nächtlichen Schutz in Kölner Einkaufsstrassen und offiziellen Obdachlosenunterkünften. Wirklich willkommen ist er nie, als ebenbürtiger Mensch fühlt er sich unter denen, die allabendlich in ihr eigenes Bett kriechen, nicht. In einer Notschlafstelle muss er, der scheinbar vor nichts und niemanden Angst hat, eines Nachts sogar um sein Leben bangen. Hilfe kann er nicht erwarten, die Obdachlosen sind in dem Asyl eingeschlossen und auf sich gestellt.

Zurück in der konsumorientierten Alltagswelt mischt sich Wallraff unter die Mitarbeiter von Starbucks und bestätigt, dass echten Angestellten nicht nur unter den komplex zusammengesetzten Produktbeschreibungen wie «Premium Hot Chocolate» oder dem ungleich schwieriger auszusprechenden «Raspberry Black Currant Frappuccino» zu leiden haben, sondern auch unter wenig wünschenswerten Arbeitsdingungen. Kaffee zubereiten und Klo putzen, diese von oben auferlegte Kombination lässt nicht nur den Undercover-Journalisten grausen.

Journalismus bewegt
Ob Wallraffs Enthüllungen nur den Hörer nachdenklich werden lassen oder, wie im Fall der Callcenter- und Brötchen-Recherche, auch tatsächlich Veränderungen nach sich ziehen –  „Aus der schönen neuen Welt“ zeigt Missstände auf und rüttelt wach. Wer in der Vergangenheit das Magazin der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» aufmerksam gelesen hat, dem kommen einige dieser Recherchen bekannt vor. Trotzdem sei auch ihnen ans Herz gelegt, einmal hineinzuhören, denn hier erfährt man, was danach kam.

Wallraff liest selbst. So wie er auch die Erfahrungen selbst gemacht hat. Mittels Lesetempo, Ausdruck und Tonfall – und nicht zuletzt auch durch die eingestreuten O-Töne – wird das Geschilderte erfahrbar. „Aus der schönen neuen Welt“ bedrückt und macht nachdenklich. Es führt vor Augen, was in einer Gesellschaft wie der unsrigen, doch eigentlich so weit entwickelten, nicht sein darf. Es ist traurig, dass es einen Wallraff braucht. Es ist gut, dass es ihn gibt. Denn ohne ihn bliebe so manches im Dunkeln, das an den Pranger gestellt gehört.

Random House Audio
2 CDs, 153 Minuten, ca. CHF 29.90

Ein Gedanke zu „„Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“ von Günter Wallraff

  • 22.05.2012 um 11:18
    Permalink

    In Google habe ich folgende Wörter eingetippt: starbucks klo putzen. Ich wollte nämlich prüfen, ob solche Kombination in England möglich ist, worunter meine aus Polen kommende Schwester seit zwei und halb Jahren in London leidet. Vor allem werden die Ausländer zum Ausüben solcher Jobs gezwungen, weil man ihnen den Zugang zu anderen, mehr anspruchsvollen Tätigkeiten verweigert – trotz des Studiums. Ich freue mich sehr, dass Günter Wallraf solche Missstände und Ungerechtigkeiten aufdeckt. Traurig ist aber, dass es in der Arbeitswelt nichts verändert. Die Arbeitgeber sind nur auf Profit eingestellt und haben oft keinen Anstand. Aber wo sind die Gesetze, die so etwas verhindern würden?! Es ist auch oft so, dass der Vorstand von den Arbeitsbedingungen in großen Konzernen keine Ahnung hat, weil sie sehr oft brangenfremd die hohe Posten besetzen und nur an die Zahlen denken. Es sind oft parteibesetzte Posten. Die mentalen und körperlichen Kapazitäten der Menschen die für diese Zahlen arbeiten, sind ihnen fremd. Ich würde vorschlagen, dass alle Vorstandsmitglieder gesetzlich in der Zukunft verpflichtet sind, eine Woche lang diese Jobs zu verrichten. Vielleicht würden sie dann ein wenig menschlichere Züge bekommen und einsehen, dass sich hinter den Zahlen die menschliche Frust, Machtlosigkeit, Unzufriedenheit und sogar Selbstmordgedanken im Zuge des Burn Outs verbergen. Agnieszka aus Wien

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