„Dämmerschoppen“ von Thomas Hürlimann

Eine Kaiserin reist in die Gegenwart

„Dämmerschoppen“ von Thomas Hürlimann

Der Ammann-Verlag sagt goodbye. Natürlich nicht ohne seinem Autor Thomas Hürlimann die Chance zu geben, eine gebührende Dernière zu halten: Die kurzweilige Kurzgeschichten-Sammlung „Dämmerschoppen“ ist ein lesenswertes Best-of von Hürlimanns Schaffen zwischen 1981 und 2008.

Von Stephan Sigg.

dämmerschoppenMit Pauken und Trompeten will die Schweiz den runden Geburtstag von Gottfried Keller feiern. Doch dieser hat keine Lust auf Ehrungen, taucht in einem Hotel am Vierwaldstättersee ab und trinkt inkognito auf der Terrasse in aller Seelenruhe ein Glas Wein nach dem anderen. Doch sein Versteckspiel fliegt auf, die Festgesellschaft reist ihm hinterher, der Dichter versöhnt sich mit dem Fest. Leidtragender ist nur der Kellner, der erst als letzter realisiert, dass es sich beim älteren Herr, den er ziemlich unwirsch bedient, um den berühmten Dichter handelt. So die titelgebende Kurzgeschichte „Dämmerschoppen“, die Hürlimanns bunten Kurzgeschichten-Reigen eröffnet. Bereits in der ersten Geschichte wird aufgezeigt, was einen in den anderen Texten erwartet: Erzählungen, in deren Zentrum nicht grosse Ereignisse, sondern Menschen stehen.

Epochen prallen aufeinander

Hürlimanns zentrales Thema in den „Dämmerschoppen“-Geschichten ist die Zeit. Immer wieder prallen die Epochen aufeinander – das Gegenwärtige wird mit Vergangenem konfrontiert und die Protagonisten müssen sich damit abfinden, dass der Zahn der Zeit an allem nagt. Das wird zum Beispiel deutlich in der Schilderung vom Besuch der Kaiserin Zita im Kloster Einsiedeln – ja, auch in diesen Kurzgeschichten taucht Einsiedeln regelmässig auf. Wie aus einer anderen Welt kommend, kämpft sich die letzte Überlebende der Donau-Monarchie die grosse Treppe hinauf, während die Internatsschüler Spalier stehend die Vertreterin einer vergangenen Epoche ehrfurchtsvoll – wie ein beeindruckendes Ausstellungsstück aus dem Museum – mustern. Dann wird deutlich: Hier werden, doch ohne jegliche Sentimentalität, das rasche Verfliessen von Zeit und die damit verbundenen technischen, moralischen und auch gesellschaftliche Veränderungen ins Bewusstsein gerückt – Veränderungen, die sicht- und unsichtbare Spuren hinterlassen.

Konzentration auf die Menschen

Hürlimann, derzeit durch die Literaturverfilmung „Der grosse Kater“ wieder mal in aller Munde, braucht keine Krimihandlungen oder verstrickten Dramaturgien, er konzentriert sich ganz auf die Menschen. Die Geschichten spielen in Einsiedeln, in Zug, in Berlin und auch auf der Titanic. Mal sind es berühmte Literaten, mal Kriegswitwen oder Kellnerinnen – alle haben sie ihren Auftritt und gewinnen sofort die Sympathie des Lesers. Hürlimann zieht immer wieder in den Bann und regt zum Philosophieren über die Zeit an.  Mit Hürlimanns „Dämmerschoppen“ hat der Ammann-Verlag sein Erbe um ein literarisches Kleinod erweitert.

Ammann
224 Seiten, ca. CHF 24.90

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.