“Der Informant” von Steven Soderbergh

Schmunzeln reicht nicht

“Der Informant” von Steven Soderbergh

The Informant!

Preisabsprachen, Millionenbetrug, Korruption – gerade in Zeiten grosser Skepsis gegenüber der kapitalistischen Marktwirtschaft müsste ein Film, der sich solcher Themen annimmt, eigentlich ein Renner werden; erst recht, wenn der Regisseur Steven Soderbergh heisst. Trotzdem konnte und kann “The Informant” diese Erwartungen nicht erfüllen. Eigentlich aus offensichtlichen Gründen.

Von Lukas Hunziker.

Mark Whitacre arbeitet für eine Firma, die den Lebensmittelzusatz Lysin herstellt. Als er seinen Vorgesetzten erzählt, dass er eine Konkurrenzfirma der Sabotage verdächtigt, schalten diese das FBI ein. Mark gewinnt das Vertrauen der ermittelnden Agenten und weiht sie ein, dass die Firmenleitung selbst ebenfalls in illegale Aktivitäten verstrickt sei, in erster Linie Preisabsprachen mit anderen Lysin-Herstellern. Da dies einen Einfluss auf die Preise zahlreicher Lebensmittel hat, wittert die FBI einen der grössen Wirtschaftsskandale ihrer Zeit, und macht Mark zum Informanten, der die Preisabsprachen auf Band aufnehmen soll. Bald jedoch finden die Bundesbeamten heraus, dass ihr Spitzel sich dämlicher anstellt, als die Polizei erlaubt, und dass er ihnen bei weitem nicht die ganze Wahrheit erzählt hat.

Konstruiertes Verwirrspiel statt versprochenem Klamauk

“The Informant” ist ein eigentlich interessanter Versuch im ungewöhnlichen Genre der Wirtschafskrimikomödie. Der Trailer liess aufhorchen, versprach einen amüsanten, kurzweiligen Klamauk, trotz des im Komödiengeschäft bisher wenig erfolgreichen Matt Damon. Der Trailer jedoch passt kaum zum Film, und das aus verständlichem Grund: wenn man zu viel über “The Informant” verrät, gehen die überraschenden Wendungen verloren, ohne die der Film kaum noch Reiz hätte. Zum kurzweiligen Klamauk wird der Film in keiner Minute, viel mehr strickt er schon in der ersten Hälfte ein so komplexes Netz von Lügen, Halbwahrheiten, Verdachten und Vermutungen, dass man bald keinen blassen Schimmer mehr hat, wer nun die Guten, wer die Bösen, wer die Lügner und wer die Ehrlichen sind.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Diese Verwirrung wäre schön und gut, würde der Film seine Geschichte nicht komplett aus der Perspektive von Mark Whitacre erzählen. Dieser erzählt den Film rückblickend, nimmt allerdings kaum je direkt Stellung zur Handlung, sondern überbrückt dialogarme Szenen mit pseudophilosophischen Überlegungen und Alltagsbeobachtungen. Da man sich jedoch kaum eine Figur vorstellen kann, die weniger zur Identifikation einlädt als Whitacre, irritiert dieser Dialog mit dem Zuschauer ungemein – paradoxerweise verhindert gerade diese enge Perspektive, dass man die Hauptfigur auch nur ansatzweise versteht. Obwohl uns vorgegaukelt wird, dass wir seine Gedanken und Motive kennen, bleibt er genauso undurchsichtig wie für das FBI, seine Vorgesetzten und seine Anwälte.

Brisant ist anders

Ebenfalls fatal für einen Wirtschaftskrimi ist das Fehlen eines wirklichen Bösewichts. “The Informant” weicht jedes bisschen Biss, den die Story haben könnte, in leichtfüssiger Swingmusik auf. Aber auch ohne diese wäre es schwierig geworden, der Geschichte um Preisabsprachen bei einem chemischen Lebensmittelzusatzstoff viel an Brisanz abzugewinnen. So böse Preisabsprachen sein mögen, an die Wirtschaftsskandale, die in der aktuellen Finanzkrise an die Öffentlichkeit gedrungen sind und dringen, kommen sie leider nicht im geringsten heran. Fazit: kaum Brisanz, keine Bad Guys, keine Identifikationsfiguren, undurchsichtige Story, wenig Lacher. Auch Soderbergh kann’s mal verhauen.


Seit dem 5. März 2010 im Handel.

Originaltitel: The Informant (USA 2009)    
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Matt Damon, Melanie Lynskey, Scott Bakula, Joel McHale, Patton Oswalt
Genre: Wirtschaftskrimikomödie
Dauer: 104 Minuten
Bildformat: 1.78:1
Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Dänisch, Deutsch, Finnish, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Spanisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Trailer, Interviews, Casting, Making Of, Soundtrack
Vertrieb: Warner

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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