Heiner Müller “Quartett“ | Stadttheater Bern, Vidmar 1

barocke Glamourwelt vs. multimediale Show

Heiner Müller “Quartett“ | Stadttheater Bern, Vidmar 1

Bild | Copyright: Philipp Zinniker
Bild | Copyright: Philipp Zinniker

Heiner Müllers sprachgewaltiger Dialog “Quartett“ entpuppt sich zwischen projizierter barocker Glamourwelt und den zwei polarisierenden Schauspielern Heidi Maria Glössner und dem jungen Andri Schenardi als energetisierende multimediale Show. Die Protagonisten kontern die sprachlichen Ausgeburten lustvoll und schlagfertig, wobei sie vom jazzigen Klangteppich der Musiker Mike Svoboda (Posaune), Philip Zoubek (Präpariertes Klavier) und Philipp Ludwig Stangl (Live Electronic, Video) anregend unterstützt werden.

Erich Sidlers Inszenierung hält sich reduziert und setzt dem kahlen Bühnenbild sinnliche Wandprojektionen aus der barocken Glamourwelt entgegen. Die Protagonisten in weissen, die Musiker in schwarzen Anzügen (Kostüme: Bettina Latscha) tragen zur kalten Atmosphäre der intrigierten Welt Marquises und Valmonts bei. Die ehemaligen Geliebten spielen ihre Lüste gegeneinander aus und treiben ihr Spiel, indem sie das unschuldige Geschöpf Volange, das frisch aus dem Kloster kommt, verführen und verderben. Der Rollenwechsel von den Intriganten zu den Opfern werden durch barocke Unterrockgestelle überzeichnet, auf die zusätzlich Bilder projiziert werden. Die Schauspieler geben sich lustvoll den langen monologhaften, bis in die sadistische Perversion reichenden, Dialogen hin und scheuen nicht ihre rhetorischen Fähigkeiten bis ins letzte schamlose Wörtchen auszuspielen. Glössner verkörpert eine selbstbewusste Marquise de Merteuil, die ihre schauspielerische Dominanz auf Valmont ausübt und ihn durch ihren steten Redefluss regelrecht platt walzt. Schenardi als Verführer überzeugt nicht vollständig, da ihm das Zuhören zu Beginn des Stückes eher Mühe bereitet. Doch blüht er in der Rolle der blutjungen Nichte Volange auf und lässt sie in einem überzeugenden Gestus dem Verführer Valmont (jetzt gespielt von Glössner) keck entgegen argumentieren. Glössner in der Rolle Valmonts brüskiert sich köstlich über die koketten Wortspiele und lässt sich bis in wütende Ekstase hochschaukeln, um das Opfer Volange zu verführen. Weshalb er dann das Spiel gewinnt und Volange sich ihm doch willig hingibt, wird aus der Inszenierung zuwenig deutlich.

Bild | Copyright: Philipp Zinniker
Bild | Copyright: Philipp Zinniker

Im zweiten Teil des Abends gewinnt die mediale Show stark an Präsenz. Die sinnlich, barocken Bewegungsmuster wechseln zu einem Geziefercollage in Schwarz-Weiss. Die Metaphern der Zersetzung durch Insekten illustrieren eindrücklich den Abgrund vor den beiden gefühlslosen Protagonisten und das Verderben, in das sie die junge Nichte Volange gestürzt haben.  In einem letzten Monolog begreift Volange das intrigante Spiel und stirbt an einem Gift. Natürlich bleibt die Tat nur imaginär. Das Ungeziefer an der Wand wechselt zu harmonischen Gefilden von Seepferdchen und der Klangteppich wird zunehmend elektronischer und spannungsgeladener. Nun ergibt sich Valmont (wieder dargestellt von Schenardi) in lange, kämpferische Ausbrüche. Er holt regelrecht Anlauf um seine Wut im heillosen Verderben hochzuschaukeln. In energetisierender Zusammenarbeit mit der Musik und den Videoprojektionen entsteht ein Höhepunkt sprachlicher Ausbrüche, um zum Schluss in der Einsamkeit der Figuren zu ersterben. Die Videoprojektion kehrt zur ursprünglichen barocken Welt zurück, in der die Protagonisten vereinsamt und leer auseinander gehen mit dem überflüssigen Schlusswort Glössners: “Jetzt sind wir allein.“

Die polarisierende Inszenierung verschiebt die Körperlichkeit auf die Leinwand. Dort werden die Darsteller in üppigen, barocken Kostümen dynamisch gefilmt. Im Verlauf des Stückes werden immer mehr freie Körperteile projiziert, wobei der junge Schenardi stets an Bildpräsenz gewinnt. Die Ausdruckskraft des Textes steht hier im Fokus, wobei die Textmasse Müllers mit all seiner Bildhaftigkeit und bis in die Perversion reichenden Wortwitz schön zur Geltung kommt. Die musikalische und mediale Unterstützung gewinnt im Verlauf des Stückes an Überhand und lässt die Protagonisten auf der Bühne hinter den Projektionen verschwinden. Zum Schluss wird der dramaturgische, rote Faden der barocken Welt wieder harmonisch aufgelöst. Heiner Müllers Sprachgestus imponiert einmal mehr und lässt durch die reduzierte Inszenierung eine lebendige Imagination entstehen. In angenehmer Länge endet das Stück, begleitet von verdientem Applaus.

Besprechung der Premiere, Samstag, 27. März, 19.30 Uhr, Vidmar:1

Besetzung
Inszenierung: Erich Sidler
Komposition und Video*: Philipp Ludwig Stangl
Kostüme: Bettina Latscha
Merteuil: Heidi Maria Glössner
Valmont: Andri Schenardi
Musiker: Mike Svoboda (Posaune)
Philip Zoubek (Präpariertes Klavier)
Philipp Ludwig Stangl (Live Electronic)

Weitere Vorstellungsdaten
27.04., 19.30 Uhr; 16.05., 18.00 Uhr; 03.06., 12.06., 22.06. und 23.06.2010, jeweils 19.30 Uhr, Vidmar:1

Im Netz
www.stadttheaterbern.ch
www.heinermueller.de


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