“Chéri” von Stephen Frears

Abgeschmackte Kostümliebschaft

“Chéri” von Stephen Frears

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Man nehme: die Belle-Epoque mit reichlich Dekadenz. Eine gut erhaltene Ex-Kurtisane mit Wallehaar. Ein Jüngling mit Schmachtblick. Man lasse sie sich unvorhergesehenermassen ineinander verlieben. Dann lasse man die Handlung in Belanglosigkeit versinken, tue aber trotzdem so, als ob sie wichtig wäre. Voilà: „Chéri“.

Von Sandra Despont.

Eigentlich will die ehemalige, dank zahlreicher solventer Kunden mit einem soliden Geldpolster ausgestattete Edelkurtisane Léa ihrer alten Kollegin Madame Peloux nur einen Gefallen tun. Deren Sohn Chéri ist grausamst gelangweilt von all dem Champagnergetrinke und Inrestaurantsgesitze und Kaviargeesse. Da kommt Léa, die sich um Chéri gekümmert hatte, als dieser noch ein Kind war, gerade recht. Sie soll ihn unterhalten, ihn von Dummheiten abhalten, ihn in der Kunst der Liebe unterrichten. Erst ist es nur ein Geplänkel, ein Spiel, ein Du-kriegst-mich-du-kriegst-mich-nicht. Doch dann wird über einer Nacht nach der anderen mehr daraus.

Es lebe die Konvention!

Jahrelang lässt sich Chéri von Léa aushalten, jahrelang leben der Jüngling und die alternde Frau miteinander inmitten von Luxus und Pracht. Bis Chéris Mutter eines Tages nicht nur beschliesst, dass ihr Junge heiraten soll, sondern auch gleich noch die Braut stellt. Diese Braut ist Kontrastprogramm zu Léa, ein junges Mädchen, unschuldig, naiv, unerfahren, aber nicht dumm. Léa lässt sich erst einmal nicht anmerken, dass ihr die Trennung von Chéri einen Schlag versetzt hat, von dem sie sich fast nicht mehr erholt. Sie fühlt sich alt – nein, sie ist es. Als Chéri nach seiner Rückkehr aus den Flitterwochen in einem düsteren Etablissement nach Informationen über Léa, die angeblich mit einem neuen Liebhaber verreist sein soll, sucht, trifft er auf Léas Zukunft: alte, abgehalfterte Kurtisanen, deren frühere Schönheit ihnen noch ins Gesicht geschrieben steht, mit der sie aber nichts mehr anfangen können. Beide, Chéri und Léa, erkennen, dass ihre anfänglich so lockere, spielerische Verbindung mehr ist als eine Affäre, dass mehr als nur Sex sie aneinander gekettet hat. Doch können die beiden die Schranken der gesellschaftlichen Konvention überwinden?

Weg mit den Menschen – freier Blick auf die Stoffe!

Soweit so gut für alle, die sich auf diesen Film einlassen wollen und über die Fähigkeit verfügen, reich dekorierte, opulente Kostümliebschaften immer noch spannend zu finden, mögen sie auch noch so abgeschmackt sein. Für alle anderen vergibt „Chéri“ zu viele Chancen um zu punkten. Edelkurtisanen könnten schön anrüchig sein – doch in „Chéri“ sind sie nur oberflächliche Puderquasten. Ein reicher Jüngling könnte charmant dekadent sein – doch Chéri ist bloss ein verwöhnter Schnösel. Eine unmögliche Liebe könnte schön tragisch sein – doch die zwischen Léa und Chéri ist nur abgedroschen und billig. Man versteht weder die alternde Frau noch den jungen Mann, warum sie sich ausgerechnet mit diesem reizlosen Gegenüber einlassen. Aber vielleicht ziehen sich ja Blässe und Charakterlosigkeit (von Zickigkeiten und Möchtegerndandytum mal abgesehen) an und wir können nix dagegen tun? Das wäre eine Möglichkeit. Warum wir uns das aber über eine Stunde lang ansehen müssen, bleibt rätselhaft.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

So plätschert dieses Filmchen vor sich hin, ist zuwenig öde um einen ganz einzuschläfern, aber auch zuwenig unterhaltsam, um mehr als müdes Gähnen auszulösen. Und als sich dann, eines Tages, bei Madame Peloux Halbweltsgestalten treffen, die bloss noch Parodien ihrer selbst sind, üble Karikaturen, die offenbar noch ein bisschen Ups-da-ist-der-Clown-doch-glatt-über-seine-eigenen-Füsse-gestolpert-Humor (nur halt in Hurenformat) bringen sollen, weiss man endgültig, dass man hier Anspruch vergessen kann. Was nicht schlimm wäre, wenn dafür wenigstens ordentlich Unterhaltung geboten würde. Doch nicht mal die Nippel Rupert Friends oder die Kurven Michelle Pfeiffers lassen einen auf lange Frist so viel Liebes-und-Leidenschaftsgesülze ertragen. Darüber hinwegtrösten tun einen höchstens die edlen Stöffchen, in die sich die Damen stürzen, die einfallsreichen Innenausstattungen und die nicht zu verachtenden Prachtsgebäude, in denen die Damen und Herren logieren. Aber das kann man auch haben, ohne dass einen ständig irgendwelche Leute im Blickfeld stehen.

Kurz: Wenn ein paar leidlich gute und gut aussehende Schauspieler aufeinandertreffen, um belanglos dekadente Charaktere in einer öden Handlung zu verkörpern, kann man still leiden, einschlafen, nach peinlichen Momenten fahnden, sich mit üppigen Dekors (und Décolletés) trösten oder überlegen, welche Frisur noch affiger wäre als die des Hauptdarstellers. Wem das gefällt, für den ist „Chéri“ ein Muss.

Extras

Auch Extras hat „Chéri“. Ganze zwölf Minuten lang darf man Trailer (einen) und Deleted Scenes (zwei) gucken und sich im Making of (zehn Minuten inklusive Vorspann) anhören, wie toll alle waren. Bei manchen mag man zustimmen: Kostümdesignerin, Bühnenbildner. Gute Arbeit! Und ja: Quantität ist nicht Qualität. Aber so viele Zahlen bei Extras in Buchstaben auszuschreiben macht nachdenklich.


Seit dem 11. März 2010 im Handel.

Originaltitel: Chéri (Deutschland, Frankreich, Grossbritannien 2009)            
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Michelle Pfeiffer, Kathy Bates, Iben Hjejle, Anita Pallenberg, Andras Hamori, Rollo Weeks, Tom Burke, Rupert Friend
Genre: Drama, Romanze
Dauer: ca. 88 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital
Bonusmaterial: Trailer, Making of, Deleted Scenes
Vertrieb: Warner

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