“Winter in Maine” von Gerard Donovan

Naturliebhaber. Mörder.

“Winter in Maine” von Gerard Donovan

Psychogramm eines Mörders, Porträt eines einsamen Menschen, Geschichte einer verlorenen Liebe. All das ist “Winter in Maine”. Gerard Donovan lotet aus, wie weit ein Mensch gehen kann. Und wie weit ein Leser mit diesem Menschen mitzugehen bereit ist.

Von Sandra Despont.

winterinmaineEigentlich ist es ein Idyll. Irgendwo in den weiten Wäldern von Maine lebt Julius Winsome alleine in einem Haus voller Bücher. Einziger Gefährte ist sein Pitbullterrier Hobbes. Es ist ein Idyll, in dem einige wenige Blumen am Waldrand, ein Schwall warmer Luft beim Betreten eines Kaffees, glücklich machen. Es ist ein ausgesprochen einfaches Leben, das Julius führt. Das jahrzehntelange Alleinsein hat ihn zu einem abgeklärten, schweigsamen und seltsamen Mann gemacht. Interessieren tut das keinen, am wenigsten ihn selbst. Der Wald der einsamen Männer bietet viel Platz für allerlei Absonderlichkeiten. Doch dann fällt ein Schuss und löst einen absurden Rachefeldzug aus, der seine geistige Heimat bei Shakespeare und Quentin Tarantino hat.

Tod eines Hundes

Eines Tages, es ist Jagdsaison, fällt ein Schuss nahe der Hütte Julius Winsomes. Nichts Aussergewöhnliches. Doch dann kehrt sein Hund Hobbes nicht mehr heim. Als Julius ihn findet, ringt der Hund mit dem Tod. Eine Schrotflinte wurde aus nächster Nähe auf ihn abgefeuert. “Ungeheuer grausam” müsse man sein, um so etwas zu tun, attestiert der Tierarzt. Er kann Hobbes nicht mehr retten. Julius ist untröstlich. “Und mit der Trauer”, sagt er, “kroch noch etwas anderes zur Tür herein”. Am nächsten Tag fährt er ins Dorf um eine Anzeige aufzuhängen. Er will den Mörder finden. Doch die Anzeige ist nach kurzer Zeit verschmiert. “Was soll’s, ein Hund weniger” steht als Kommentar da. Da weiss Julius, dass er handeln muss. Er startet einen verstörenden, makaberen Rachefeldzug.

Du bist blutdurchsiebt, du bist bestoben

3282 Bücher hat Julius von seinem Vater geerbt. 3282 Bücher reihen sich an die Wände des Hauses, stellen sich zwischen Innen- und Aussenwelt, dämpfen die Geräusche der Wirklichkeit und nisten sich im Kopf ihrer Leser ein. Die Welt der Bücher und ihre Sprache scheinen Julius wirklicher als die reale Welt. Als Kind musste er shakespearianische Begriffe in ein Heft eintragen und lernen. Mit diesen Ausdrücken scheint ihm sein Vater auch einen kruden Rechts- und Ehrbegriff mitgegeben zu haben, der mehr mit den Dramen Shakespeares als mit den Regeln in einer zivilisierten Welt zu tun hat. Galgenstricke sind Mörder, die samt ihrem Geleit zum Verlöschen gebracht werden müssen. Blutdurchsiebt, bestoben sollen sie sein. So geht Julius hin und mordet den Mörder seines Hundes – doch wie kann er sicher sein, wer seinen Hund erschossen hat?

Die Unschuld der Kreatur

Julius’ Rachefeldzug ist eine Rebellion gegen die Gleichgültigkeit angesichts des Todes eines Hundes. Alle Unschuld liegt für ihn bei der Kreatur, die Schuld an deren Tod nimmt hingegen einen kollektiven Charakter an. Wer das Plakat bekritzelt hat, wer geschwiegen hat, wer zufällig an der Stelle jagt, an der Hobbes angeschossen wurde, alle sind sie in Julius’ Augen schuldig. Und so tötet er, als ob seine Taten keine Menschenleben kosten würden.  Abgebrüht erlegt er einen Mann nach dem anderen, der auch nur irgendwie vielleicht die Möglichkeit gehabt haben könnte, Hobbes zu töten. Der Tod seines Hundes hat aus Julius einen misstrauischen Mann gemacht. Hinter Hobbes Tod scheint eine ganze Verschwörung aufzublitzen. Was an seiner Freude in den letzten Jahren war nicht Verrat? Was ist mit der Frau, die ihn davon überzeugt hat, dass ein Hund seine Einsamkeit lindern würde? War alles nur ein abgekartetes Spiel, ein sorgfältig ausgedachter Plan, um ihn zu vernichten?

Ein Rachefeldzug als Gedankenspiel

Julius Winsome und Maine sind weit weg. Die meisten Leser von “Winter in Maine” sehen keine einsam stehenden Wälder, sondern Häuser und Strassen, wenn sie zum Fenster ihrer wohlbeheizten Häuser hinausblicken. Doch indem der Autor den Hund Hobbes seinem eigenen Hund in Rasse und Namen ähneln lässt, kann der Roman auch als eine Art Selbstexperiment, als ein Gedankenspiel gelsen werden. Stand dieser Gedanke am Anfang? Was würde passieren, wenn der eigene Hund sinnlos und grausam getötet würde? Ob dieser Bezug gewollt oder ungewollt ist – es ist ein Bezug. Und mit diesem Bezug zum Autor steht eine Einladung zu eigener Spielerei im Raum: Wo befinden sich die Grenzen der Leidensfähigkeit, wenn uns ein Unrecht widerfährt, das objektiv gesehen gar nicht so schlimm ist, und trotzdem unser Leben zerstört? Julius’ Rache wird ins Absurde getrieben, denn der Auslöser erscheint banal. Der Tod eines Hundes kann kein Grund sein, um mehrere Menschen kaltblütig zu ermorden. Doch wer sagt das? Wer sagt, welchen Wert Menschen, Tiere, Dinge in unserem Herzen haben – haben dürfen? Wer sagt, welche Rache angemessen ist für die Zerstörung dessen, was unser Leben mit Glück erfüllt?

Mitleid, Abscheu

Man mag diesen einfachen Menschen, der sich im Winter in dicke Wälzer vergräbt, der Shakespeare zitiert, der Blumen am Waldrand pflanzt, der ein tiefes Mitgefühl für die Natur zu empfinden scheint. Man leidet mit ihm mit, als er seinen Hund blutüberströmt findet, man versteht die Bedeutung dieses Hundes für ihn. Man sieht an der schlichten Sprache, von welchem Schlag dieser Julius Winsome ist und man kann nicht anders, als Sympathie für ihn zu empfinden. Selbst als Julius das Gefühl von Gerechtigkeit und moralischem Handeln ad absurdum führt, bleibt ein Rest von Verständnis. Der Kniff Donovans, die Ereignisse konsequent aus Julius’ Perspektive zu erzählen, stürzen den Leser nachhaltig in einen Zwiespalt zwischen Mitleid und Abscheu. Denn dass Julius’ Selbstjustiz abstossend, makaber und grotest ist, steht ausser Frage. Und trotzdem. Damit ist die grosse Leistung Gerard Donovans benannt. “Winter in Maine” erzählt von einem Mann, dessen Leben so einfach und reduziert ist, dass er nichts mit uns gemeinsam zu haben scheint. Doch in alle Absurditäten einer überzogenen Rache folgen wir ihm. Wir folgen ihm gleichzeitig unwillig, abgestossen und fasziniert. Warum wir dies tun? Weil wir alle Julius Winsome werden könnten. Man muss uns nur mit einer Schrotflinte an der richtigen Stelle in unserem Leben treffen und dann darauf warten, dass der dünne Lack der Zivilisation abzubröckeln beginnt.

Luchterhand
208 Seiten, ca. CHF 31.90


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