“2012” von Roland Emmerich

Zu geniessen bis: (siehe Verpackung)

“2012” von Roland Emmerich

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Die Schlussfolgerung gleich vorneweg: wenn Roland Emmerich ganz viel Endzeitstimmung in zweieinhalb Stunden verewigt, dann entsteht “2012”, quasi eine Rekapitulation aller Blockbuster des Genres. Das Resultat wird die Mehrheit eines verhältnismässig anspruchslosen Publikums begeistern und dürfte der Popcornindustrie selbst in den Heimkinos zu Verkaufsrekorden helfen.

Von Tom Messerli.

Der Film beruht auf der Vorstellung der sogenannten “Langen Zählung” der Mayas, nach welcher die Welt in unserem Jahr 2012 untergehen wird, und irgendwie ist es bemerkenswert, dass diese ziemlich schnell zusammengefasste Geschichte sich in ihrer Endform auf beinahe viereinhalb Kilometer Celluloidstreifen hinzieht. Dr. Adrian Helmsley, Mitglied einer weltweit vernetzten Gruppe von Geophysikern, entdeckt, dass sich der Erdkern erwärmt. Er warnt den amerikanischen Präsidenten (Danny Glover), dass die Erdkruste allmählich instabil werde und dass, wenn nicht rechtzeitig entsprechende Massnahmen zur Rettung von wenigstens ein paar Auserwählten ergriffen würden, die ausnahmslos ganze Menschheit dem buchstäblichen Untergang gewidmet sei. Über ebendiese Information stolpert auch der scheidungsgeplagte Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack). Während die Weltherrscher vereint zum biblischen Rüsten gegen den Untergang ansetzen, rackert sich Curtis verzweifelt im Versuch ab, seine Familie zu retten, derweil Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis Stück für Stück mit der Zerlegung des Erdplaneten beginnen.

Darwin im Jahre 2012

Würde man alle je gedrehten Katastrophenfilme in einer einzigen, spektakulären Tischbombe verpacken und diese hochgehen lassen, so entstünde etwas ganz in der Art von “2010”. Alle möglichen Szenarien vereinend – von frühen Hits wie “Earthquake”, über “Dante’s Peak”, “Armageddon”, “Die Höllenfahrt der Poseidon”, “The Perfect Storm”, gar bis hin zu, jaja, “Titanic” – folgt der Film dem gebeutelten Schicksal von einem guten Dutzend Figuren, die nach und nach Opfer der immer umfassenderen Katastrophe werden. Dabei dreht sich alles weniger um die Frage, warum diese nun genau stattfindet, sondern eher wie sich die Menschheit der Herausforderung zu stellen versucht.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

So fasst ein nicht gänzlich unbestechlicher Berater des Präsidenten die Aufgabe, jene Menschen auszuwählen, denen ein Platz auf der Arche Noah des Atomzeitalters zusteht. Actionverehrern graut für einen kurzen Moment, droht der Film zu diesem Zeitpunkt eine tatsächlich profunde Frage zu stellen, welcher sich schon manch ein Nachfolger von Plato in Gedankenwerken behutsam zu nähern versucht hat: welche Menschen sind es wert, gerettet zu werden? Jedoch war Tiefgründigkeit noch nie die Stärke des Regisseurs, heisst das moralgeschwängerte Schlagwort des Darwinismus im Jahre 2012 doch einfach und deutlich “Survival of the richest”, was den Film mit Leichtigkeit auch dieses Aspekts möglicher konzeptioneller Tiefe beraubt.

Durchhalten bis zum Ende

Glücklicherweise nimmt sich nichts und niemand in Emmerichs Filmen – zu welchen immerhin auch die Katastrophenknaller “Independence Day” und “The Day After Tomorrow” gehören – allzu ernst. Obwohl diesmal die Welt ohne zigarrenrauchende Draufgängerpiloten und auch ohne Eis serviert untergeht, bleibt es ein Leichtes, die bisweilen lachhaften Dialoge ungehindert zu geniessen. Auch sonst verabschiedet sich Glaubwürdigkeit aus dem Film, bevor dieser richtig begonnen hat. Ein Freizeitpilot mit zwei, drei Flugstunden bringt das Kunststück fertig, eine Cessna mitsamt Passagieren unversehrt durch ein Gewimmel von Feuerbällen, Lavabrocken und Trümmerstücken zu steuern und so einem vorzeitigen infernalen Ende zu entkommen. Die Szene ist ein aberwitziger Genuss, denn es besteht vorneweg die Gewissheit, dass die Hauptpersonen an Bord des Flugzeugs (John Cussack und Amanda Peet) unmöglich derart früh von der Leinwand radiert werden können. Die wahre Spannung eines Katastrophenfilms liegt schliesslich nicht in der Glaubwürdigkeit der Geschehnisse, sondern einzig in der Frage, welche Charaktere bis zum Abspann mitwirken dürfen und welche schon vorher ihr Ablaufdatum überschreiten.

Visuelle Wundertüte

Aus filmtechnischer Sicht gibt es wie oft bei Emmerich wenig  auszusetzen. Sein Filmteam vollbringt eine anständige Serie von visuellen Wundern. “2012” erreicht früh einen Spitzenwert, wenn Cusack mit einer Limousine durch die Strassen von Los Angeles jagt, während um ihn herum ein Erdbeben von der Stärke 10.5 einen Wolkenkratzer nach dem anderen Highway auf ihn niederprasseln lässt. Die obengenannte Flugzeugszene macht den Augen nicht weniger Spass als dem erheiterten Gemüt. Nicht weniger spektakulär ist jener Moment, in dem das Ende den US Präsidenten trifft – in Form eines gigantischen Flugzeugträgers, der ihm von einer Monsterwelle ins Gesicht geschleudert wird. Würde die Action nicht mit so kompromisslosem Tempo vorangetrieben, man wäre beinahe versucht, über die Moral dieser Szene zu sinnieren. Doch so treiben die hereinbrechenden Fluten den Film zunehmend seinem Höhepunkt entgegen, dem katastrophen-induzierten Stapellass der postmodernen Archen. Dieser hat zwar das Potential zum Nervenkitzel, doch wünscht man sich, ungeachtet dessen, was man von “Titanic” halten mag, dass James Cameron mit seiner Erfahrung von Schiffe Versenken ein bisschen geholfen hätte, sei es auch nur um dem Zuschauer klar zu machen, wo genau sich gerade welche Problemstelle befindet. Nichtsdestotrotz: Kameraführung, Szenenbild und visuelle Effekte sind preisverdächtig, untermalt ist alles von einer Musik von Geschmack und Wirkung einer wunderbar zähflüssigen Sauce. Schlussfolgernd gilt es deshalb festzuhalten: Selbst wenn das schrottige Skript es verpasst, mit der Herrlichkeit der sichtbaren Produktion mitzuhalten, die staunenerregenden Spezialeffekte dürften uns den Film noch für einige Zeit in Erinnerung behalten.

Ausstattung

Die DVD kommt mit der Grundausstattung an Bonusmaterial daher. Spannend sind die Kommentare von Drehbuchautor und Regisseur Roland Emmerich und seinem Co-Drehbuchautor Harald Kloser – irgendwie ist es auch lustig, deren Redefluss zuzuhören, ist man sich doch nie ganz sicher, ob sie das alles wirklich so ernst nehmen, wie es zu klingen scheint. Ebenfalls auf die DVD gebrannt sind ein kurzer Bericht über “Roland Emmerich: Meister des Modernen Epos”. Auch diesem ist ein gewisser Spassfaktor nicht abzusprechen. Das alternative Ende und die entfallenen Szenen hinterlassen die Gewissheit, dass sie nicht weniger Spass, den Film aber auch nicht besser gemacht hätten.


Seit dem 2. März 2010 im Handel.

Originaltitel: “2012” (USA 2009)
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: John Cusack, Chiwetel Ejiofor, Amanda Peet, Oliver Platt, Thandine Newton, Danny Glover, Woody Harrelson
Genre: Action-Abenteuer, Katastrophenfilm
Dauer: 151 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Englisch, Deutsch, Türkisch
Untertitel: Englisch, Deutsch, Türkisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Kommentar mit Drehbuchautor/Regisseur Roland Emmerich; “Roland Emmerich: Meister des modernen Epos”; Alternatives Ende; Entfallene Szenen.
Vertrieb: Impuls

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